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Fotos 20111215_Tourenbericht_1970

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20111215_Tourenbericht_1970

Barre des Eccrin  4102 Meter/ eine Erinnerung nach 41 Jahren

             

In höchsten Tönen hatten uns damals 1970 die wenigen Schitourengeher, die einmal in dieser Gegend der Französischen Südalpen gewesen waren, vorgeschwärmt: Überwältigende Berglandschaft die nur Eingeweihten bekannt war, tausend Meter hohe, senkrechte Felswände und heimelige Bergdörfchen und Städtchen, die in wundervolle alpine Landschaften eingebettet waren, dort weit drunten im Parc des Eccrins,

Aber da war noch etwas ganz anderes, wegen dem wir eigentlich gekommen war: Da waren die zwei Bergmassive, die diese Gebirgsgruppe des Mont Pelvoux dominierten: Die Barre des Eccrins, mit 4102 Meter der einzige Viertausender der französischen Seealpen und die Meije, die knapp an der Viertausendergrenze liegt. Da man damals nur wenige Strassen und Ortschaften vorfand, blieb das Gebiet vorwiegend dem Alpinisten und Hochgebirgswanderer vorbehalten.

 

Da außer uns niemand am kleinen Parkplatz war, gab es zuerst einmal ein anständiges Frühstück. Die lange Fahrt im engen VW Käfer macht müde und es dauerte dann eine ganze Weile bis sich unsere vierköpfige Gruppe, Toni Schlechter, Sepp Biedermann, Eugen Perwein und ich, mit schweren Rucksäcken bepackt, aber auf einer bereits vorhandenen Aufstiegsspur

in Bewegung setzte. Unser Glück war, dass der Schnee, es war der 27. Mai 1970, immer noch bis zum Parkplatz herunterreichte.

 

Wir wussten was uns jetzt erwartete: Ein achtstündiger Aufstieg! Drei Hütten werden dabei berührt: Die Refuge Cezanne 1874m,  die Refuge Glacier Blanche 2542m, und die Refuge Ernest Garron (heute Refuge Eccrin) 3175m, unser Tagesziel. Wir hatten also nach der langen Fahrt nun 1500 Höhenmeter Aufstieg vor uns.

 

Zuerst geht es flach über ein langes Tal hinein. Das Gelände bleibt unschwierig und so erreichen wir, manchmal den Sommerweg zum Aufstieg benützend,  nach 2 Stunden die Refuge Cezanne. Nun queren wir den Glacier Noir, der von links hereinkommt, um dann zwischen steilen Felsrippen den Beginn des nächsten Gletschers, den Glacier Blanche zu erreichen. Dieser Gletscher ist aber von unzähligen Spalten zerrissen, wir müssen uns anseilen, kommen entsprechend langsam voran und erreichen erst nach weiteren 2 ½ Stunden die Refuge du Glacier Blanche, eine große, sympathische, mit Steinen gemauerte Hütte.

 

Bis jetzt hatten wir keinen Menschen getroffen. Wir scheinen allein in diesem riesigen, hochalpinen Gebiet zu sein, denn meisten Schitouristen war der Frühling wahrscheinlich schon zu fortgeschritten.

Nach ausgiebiger Rast geht es nun in weitem Linksbogen den noch immer sehr steilen und von Spalten durchsetzten Glacier Blanche hinauf. Der Gletscher ist links und rechts von steilen Felswänden eingerahmt, eine Kulisse die einem zu erdrücken scheint.

 

Natürlich wird unser Tempo jetzt immer langsamer, doch auch der Gletscher verflacht sich nun zusehends. Um 18 Uhr erreichen wir, 8 Stunden nach unserem Aufbruch in Ailefroide, die Refuge Garron, die ca. 100 Meter über dem Gletscher auf einem Felsen steht und wir haben einen prachtvollen Anblick: Ungefähr 2 km weg, im Gegenlicht steht unser morgiges Ziel im Sonnenuntergang: Die Barre des Eccrin- was für ein Berg! Was für eine gigantische Landschaft. Man hatte uns wirklich nicht umsonst vorgeschwärmt Sein Gipfelgrat wird jetzt am Abend von hinten von der untergehenden Sonne bestrahlt.

Wir sind allein auf der Hütte und machen es uns im Winterraum gemütlich. Bald ist der Raum warm, denn Holz ist genügend da und nach dem Abendessen legen wir uns bald auf die Pritschen, wir haben es uns wahrlich verdient, sind wir doch nun ununterbrochen 24 Stunden unterwegs gewesen.

 

Der nächste Tag sieht uns schon wieder früh auf den Beinen. Im ersten Morgenlicht tragen wir die Schier über den Felskegel auf dem die Hütte steht, hinunter auf den Gletscher, der jetzt einen Kilometer weit fast ohne Steigung und ohne Spalten vor uns liegt. Der Schnee ist gefroren, so dass wir ohne Spur nebeneinander durch diese grandiose Berglandschaft gehen, immer wieder stehen bleiben und schauen. Hinter uns im Osten baut sich jetzt der fast 4000 Meter hohe Mont Pelmoux auf.

 

Am Steilaufschwung des fast 1000 Meter hohen Gipfelhangs angekommen, legen wir uns von unten eine Spur durch die vielen Spalten zurecht, das kann man von der Ferne am besten. Ein paar Mal werden wir den ganzen Hang queren müssen um bis zum Schidepot, dem Col Neige, zu kommen. Irgendwie macht sich nun diese atemberaubende, fast Furcht einflößende  Landschaft besonders bei unserem Neuling Eugen bemerkbar. Er ist stark beeindruckt und fragt sich, ob das alles gut gehen kann

Natürlich Eugen wird das gut gehen, sage ich. Wir haben sowohl die Kraft, als auch die mentale Stärke und genügend Zeit bis zum Abend. Solche Gedanken, wenn sie überhand nehmen, können lähmen, schwächen und einem sogar zum Umkehren zwingen- aber wir fühlen uns gut, wir werden den Herausforderungen dieser Eisflanke sicher gewachsen sein.

 

 

 

Mit einer langen Linksschleife beginnt der Gipfelanstieg. Der Schnee ist hart und manchmal kommt das Eis durch, da hängt man dann nur noch mit den Harscheisen am Hang. Langsam macht sich die Höhe bemerkbar. Die Steilheit zwingt immer wieder zum Stehenbleiben und vor allem muss dauernd nach dem sicherstem Weg durch die Spalten gesucht werden.

Wir kommen darauf, dass aus der Ferne doch manches anders ausgesehen hat, als es sich dann aus der Nähe darstellt. Hochgebirge eben. In diesem schwierigen Gelände versteht man auch, dass hier

heroben schon viele umgedreht haben. Wir aber sind guten Mutes, vor allem auch deshalb weil der Col Neige, unser Schidepot, nach 4 Stunden die wir nun schon unterwegs sind, nur mehr wenig über uns ist.

 

 

 

 Bärig, sagt Sepp, einfach bärig. Toni geht es auch gut und die gemeinsame Zuversicht hat auch Eugen, unseren Zweifler überzeugt. Am Col bläst ein starker Wind, so dass wir für unsere Rast wieder ein Stückchen unter den Grat hinuntersteigen, wo sich jeder sein Plätzchen richtet.

Ab hier brauchen wir Eispickel und Steigeisen, denn von der Scharte führt eine kleine, aber steile und gefährliche, felsdurchsetzte Eiswand auf den schmalen Grat hinauf, der zum Gipfel leitet. Dieser Grat den wir nun klettern, ist oft messerscharf, links unsere vereiste Aufstiegsseite und rechts geht es über eine 1000 Meter hohe, fast senkrechte Felswand hinunter. Wenn es auch nur wenige Seillängen bis zum Gipfel sind, es ist unglaublich eindrucksvoll und die Aufmerksamkeit im Fels, mit den Schischuhen und den Steigeisen an den Füßen, darf keinen Augenblick nachlassen. Hier wird die ganze Erfahrung jedes Bergsteigers gefordert.

 

Der Horizont war abgesunken, auf Augenhöhe lagen nun die Grate des Roche Faurio und des Pic de Neige mit ihren Zinnen, Türmen und Wandabbrüchen, von denen krachend immer wieder Lawinen abgehen. Unter uns das Tal und über uns wölbte sich ein noch blauer, strahlender Frühlingshimmel mit hohen Föhnwolken, aber um uns begannen sich schon leichte Nebel zu bilden. Da saßen wir ein wenig nachdenklich auf dieser ausgesetzten Zinne. Die einzigen Menschen in diesem riesengroßen Berggebiet. Vorsichtshalber waren wir ein wenig unter dem Grat geblieben, denn der Tiefblick über die Südwand, über den die Thermik einen starken, pfeifenden Aufwind heraufjagte, erschreckte auch abgebrühte Gemüter.

Gewaltig, sagte Toni- einfach gewaltig.

 

 

 

Doch wir sind es vom Montblanc, dem Monte Rosa, dem Piz Bernina und anderen Viertausendern der Schweiz gewohnt, diese Hänge immer mit der nötigen Vorsicht zu bewältigen. Das gilt besonders für den ersten Teil der Abfahrt. Sie ist steil, aber es ist spannend und abenteuerlich durch die Spalten die Spur zu finden. Weiter drunten firnt es dann auf und das Gelände wird ein bisschen flacher, so dass sich eine regelrechte Wettfahrt entwickelt. Dem Nebel, der nun schnell vom Gipfel kommend uns scheinbar noch einholen wollte, schlagen wir ein Schnippchen, indem wir über den langen Glacier Blanche in der Hocke bis unter die Refuge Garron hinausschießen.

Eine stürmische Nacht lässt uns dann für den nächsten Tag leider nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich ist es in der Früh Grau in grau. Nun steht uns etwas vom Schwierigsten in den Bergen bevor, bei dichtem Nebel über die untere Hälfte des Glacier Blanche und seinen hunderten Spalten hinunter zu finden. Ich fahre und gehe voraus, immer wieder bei einem dunkleren Schatten mit dem Eispickel sondierend, lasse die Drei nachkommen und wieder müssen sie alle mich, der ich in die graue Nebelsuppe hineinmarschiere, sichern. Einmal stößt der Pickel dann tatsächlich ins Leere und macht uns die Gefahr in der wir uns befinden, schlagartig klar. So geht es Seillänge um Seillänge abwärts und die Zeit läuft auf und davon. Wie schön wäre es jetzt mit den Schiern da hinunter zu schwingen. Doch Vorsicht ist alles, will man vom Hochgebirge wieder unbeschadet nach Hause kommen.

Und plötzlich, fast schlagartig ist die Nebelschicht zu Ende und wir sehen unter uns die Refuge Glacier Blanche und fahren nun sicher in den alten Schispuren bis zu unserem Parkplatz. Fast 2000 Höhenmeter sind wir heute unter teilweise schwierigen Umständen abgefahren.

Doch nun liegen wieder 800 km Autobahn vor uns und da heißt es, in sowieso schon ermüdetem Zustand, noch einmal eine ganze Nacht auf Draht zu sein. Armer Toni.

Aber die Barre des Eccrin, dieser wunderbare Gipfel, war alle diese Strapazen wert, diese Überzeugung nehmen wir mit nach Hause.

 

 

 

 

     

 

 

 

 

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