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Yipiiiiieeeeei - ein wilder Ritt

Livigno

Alpentour der Mountainbike-Gruppe vom 19. - 25. Juni 2011

(Von Michael Hradetzky)

 

Gleich zu Beginn eine Klarstellung: Alles was ich hier berichte, hat sich auf erlaubten und den Mountainbikern zur Verfügung gestellten Wegen abgespielt. Wir fahren doch nirgends wohin, liefern unseren Bericht für den Alpenverein ab und dann klicken die Handschellen.

 

Livigno liegt auf 1.816 m, hat knapp unter 6.000 Einwohner. Der Ort findet sich im nordöstlichsten Eck der Lombardei. Direkt an der Schweiz und ungefähr auf der südlichen Verlängerung der Grenze zwischen Vorarlberg und Tirol nach unten.

 

Ein Ort für Mountainbiker. Das ist auch der Grund, warum Livigno bereits zur Nebensaison gut gebucht ist. Es wuselt trotz Tagestemperaturen von unter 20 Grad. Man stelle sich Livigno wie eine Westernstadt vor: Menschen flanieren und regelmäßig reiten Cowboys vorbei, halten vor den Saloons, wo sie ihre Pferde festbinden und dann hineingehen. Ersetzt Cowboys durch Mountainbiker. Deren Colts, Hüte und Stetsons durch Protektoren, Sturzhelme und Trinkrucksäcke. Dann kommen wir dem aktuellen Bild schon näher. Ach ja, und statt Pferden werden Mountainbikes geritten: Technisch ausgefeilte Wunderwerke aus Aluminium oder Carbon. Die Saloons stellen in Livigno die Bike- und Duty-free-Shops dar. Letzteres hat Livigno einem Sonderstatus zu verdanken. Der Ort braucht keinen Zoll und Mehrwertsteuer einheben. Der Steuervorteil wurde 1805 von Napoleon eingeräumt und sollte die kleine Region vor dem Aussterben retten.

 

Was unsere Touren betrifft, will ich die Leser nicht mit Prahlereien über Strecken- und Höhenmeter-Rekorde langweilen. Es war eine Woche für Radler, die ihr Handwerk verstehen und etwas an Kondition mitbringen. Und diejenigen, die geglaubt haben, dass sie die Touren auch ohne ausreichendes Training bewältigen können, wurden gleich am ersten Tag an ihre Grenzen geführt. Ich schicke voraus, dass ausnahmslos jeder überall mit dabei war und durchgekommen ist. Unsere Gruppe hat wie eine Familie funktioniert: Jedem wird sofort geholfen. Sei es bei technischen Gebrechen oder wenn der Körper schlapp macht. Wir reiten geschlossen aus und kommen geschlossen wieder heim.

 

Ankunft nach neun Stunden Fahrt am Sonntagabend im Hotel. In weiser Voraussicht hatten wir die "Drei-Pässe-Tour" für den ersten Bike-Tag am Montag vorgesehen. Vom Livigno-See schraubten wir uns die Höhenmeter auf den Passo Alpisella (2.299 m) hinauf und stürzten uns ostwärts über einen Single-Trail zum Lago di San Giacomo hinunter. Beim See ging es links weg ins nordöstlich verlaufende Val Mora. Der Weg durch das Val Mora begann als Schlucht durch die ein Wildbach rauschte. Wir hatten den Bach auf unserer linken Seite und bewegten uns auf einem schmalen Trail, der ungefähr ein halber Meter breit war. Wer vom rechten Pfad abkommen sollte, würde 20 m Schutthalde abkugeln und im eiskalten Wasser die Gelegenheit auf eine ganzheitliche Waschung haben. Auf dem Weg "überholten" wir eine Wanderin, die sich entschuldigte, dass sie als Fußgängerin auf einem ausgewiesenen Bike-Weg unterwegs sei. Das Tal öffnete sich bald zu Gunsten einer herrlichen Wiesenlandschaft. Dort legten wir die Mittagspause ein und fuhren am Nachmittag weiter auf den Passo Gallo ("Ofenpass", 2.279 m). Der Aufstieg war eine Herausforderung und durch ein paar Tragepassagen gewürzt. Am Pass hatten wir einen herrlichen Ausblick und den Piz Daint zu unserer Rechten. Der Piz ist ein kahler Steinmugel. Der beste Beweis, warum die Gegend von Livigno "Klein-Tibet" genannt wird. (Lamas fanden wir aber keine, schon gar nicht mit "Dalai" als Vorname.) Vom Passo Gallo führte ein Zick-Zack-Trail zum südöstlichen Ausläufer des Lago di Livigno hinunter. Ab und zu mussten wir unsere Räder über und unter querliegende Bäume tragen, die uns der Windwurf in den Weg gelegt hatte. Im Tal fuhren wir südwärts den Fiume Gallo entlang und kehrten zum Lago di San Giacomo zurück. Uns trennte immer noch ein Bergmassiv von Livigno. Und wir begannen unseren letzten großen Aufstieg nach Südwesen über die Malga Trela (2.170 m) auf den gleichgenannten Passo Trela (2295m). Oben führte die Single-Trail-Abfahrt, welche 2005 eine der Strecken für die Mountainbike WM war, nach Livigno zurück. Vor dem Hotel schnell ein Weizenbier, dazwischen Rad und Ausrüstung versorgen und dann Abendessen.

 

Am Dienstag fuhren wir auf den Bergrücken hinauf, der in Livigno auf der westlichen Seite von Nord nach Süden verläuft. Wir fuhren das Bergmassiv auf halber Höhe, bei traumhaftem Wetter und einer wundervollen Aussicht entlang. Zielpunkt war das Val Vago, ein Seitental im Südwesten. Wir genossen die Fahrt und machten uns keinen Stress. Überholt wurden wir von Mountainbike-Technokraten, die nicht links und rechts schauen wollten. Also unsere Helme haben keine Scheuklappen eingebaut. Im Talkessel befand sich eine entzückende Almhütte, wo man uns herrliche Gnocchi und Spätzle servierte. Von dort ging es zurück ins Livigno-Tal hinunter. Wir überquerten selbiges und fuhren auf der anderen Talseite zum Hotel zurück. Dort angekommen versorgten wir wieder Bike und Ausrüstung, genehmigten uns ein Weißbier und berieten, was wir am Mittwoch tun sollten. Die Wetteraussichten waren überhaupt nicht gut.

 

Das Wetter ließ keine Ganztages-Tour zu. In der Nacht hatte es geregnet und der Tag begann schon bewölkt. Die Entscheidung fiel auf den Bike-Park. Alles beginnt mit einer Kabinen-Bahn, die uns mit Rad ca. 800 Meter auf den Berg bringt. Oben angelangt haben wir die Auswahl an einigen extra für Biker angelegten Abfahrten in den Schwierigkeitsgraden leicht (blau), mittel (rot) und schwer (schwarz). Zu Beginn versuchte ich die blaue Abfahrt mit meinem Hard-Tail. Ich fuhr sie genau zweimal: Nämlich zum ersten und letzten Mal. Unten borgte ich mir sofort ein Downhill aus. Die übrigen Teilnehmer hatten Gelegenheit, ihre eigenen Allmountain-Fullies voll auszufahren. Der Rest ist Geschichte: Es war eine Schlammschlacht (es hatte wieder angefangen zu regnen) durch Steilkurven, über nasse Wurzeln, Northshore-Trails und Buckelpisten. Wir waren fast alle standardmäßig mit Protektoren ausgerüstet. Das gab zusätzliche Sicherheit und wir konnten uns voll auf die Abfahrtstechnik konzentrieren. Beim ersten Weißbier vor dem Hotel und beim Abendessen erzählten wir uns begeistert von unseren Downhill-Erlebnissen. Wir fachsimpelten über einzelne Schlüsselstellen und deren technische Überwindung. Das war ein geiler Tag und noch ein langer Abend.

 

Am Donnerstag war das Wetter noch schlechter. Es goss in Strömen und wir führten Plan B aus: Ab in die Therme nach Bormio. Selbige war gediegen und luxuriös in einem Jugendstil-Hotel à la Semmering angelegt. Das war unser Regenerations-Tag. Wir würden ihn für Freitag brauchen.

 

Den Freitag fasse ich als das "Poschiavo-Tirano-Bremsbeläge-Massaker" zusammen. Der Junior-Chef des Hotels, gleichzeitig Bike-Guide, organisierte die Tour für uns: Wir wurden per Kleinbus auf den Bernina-Pass geführt. Dort umrundeten wir den gleichnamigen Stausee und bewunderten den Piz Bernina, unter dem sich seelenruhig die Eisenbahn auf den Pass hinauf wand. Die Abfahrt führte 1.000 m hinunter über Wurzeln und teils kopfgroße Steine nach Poschiavo in der italienischen Schweiz. Am Hauptplatz machten wir bei Pasta, Pizza und Panaché (wer weiß, was das ist?) Mittagspause. Dort wurden wir dem Schweizer Preisniveau gegenwärtig. Es hilft nichts. Das Essen war sehr gut, wir hungrig und die Kohlenhydrate wurden dringend für die nächste Etappe benötigt. Von dort fuhren wir das Val Poschiavo südwestlich in Richtung italienischer Grenze. Davor bogen unsere Transporter rechts ab und schraubten sich hunderte Höhenmeter hinauf und hinein in das Bergmassiv rund um den Cavaione. Nachdem uns der Bus ausgeladen hatte, bewältigten wir - teilweise tragend - noch 500 Höhenmeter zum Aufwärmen. Oben am Cavaione-Pass angekommen, bewacht von einer weißen Madonnen-Statue, bereiteten wir uns auf den Downhill unseres Lebens vor. Es waren 1.800 Höhenmeter Abfahrt. Wir konnten unter Beweis stellen, was wir uns in den letzten Jahren entweder selbst erarbeitet, oder bei Georg und Roland gelernt hatten. Oft ging es rasant hinunter, aber noch viel öfter nur gaaanz langsam durch die Spitzkehren (ohne abzusteigen). Ich habe keine Lust auf Details einzugehen. Wer solchen technisch ausgefeilten, aufregenden, jedoch unter kontrollierten Bedingungen ausgelösten Nervenkitzel erleben will, soll mit uns fahren gehen. Das Ziel war Tirano auf der italienischen Seite. Dort genehmigten wir uns noch einen Panaché. Bei dieser Tour hatten uns Biker aus Deutschland begleitet. Es waren drei gute Fahrer und wir hatten ein Mords-Gaudi mit ihnen. Am Ende stand einer von ihnen auf, kniete sich vor unsere Mädels und machte eine dreifache Verbeugung: Er hatte noch nie so tolle Fahrerinnen erlebt. Ich schließe mich seiner Huldigung vorbehaltlos an. Die Verlierer dieser Tour waren unsere Bremsbeläge: Die durften wir wechseln wie unsere Sport-Unterwäsche. Und wer sie in den Tagen davor nicht ausgetauscht hatte, musste es spätestens bei der Freitag-Abfahrt tun.

 

Den letzten Samstag verbrachten wir zur Hälfte in Livigno beim Bummeln und Einkaufen. Zu Mittag traten wir über Südtirol den Heimweg an. Um circa Halbsieben des Abends waren wir in Villach. Es folgte noch eine "Nachbesprechung" im Principe. Dort wissen sie auch, was ein Panaché ist.

 

Diese Woche hat uns einmalige Erlebnisse beschert. Livigno plus Umgebung ist der beste Beweis, wie Mountainbiker erfolgreich in die Alpinwelt integriert werden können. Wir haben den allerhöchsten Respekt vor der Natur im Allgemeinen und den Bergen im Speziellen. Solange sich diese Erkenntnis bei uns nicht durchgesetzt hat, weichen wir ins Ausland aus und tragen unser Geld woanders hin.

 

Ich schließe meine Bericht mit einem von Albert Camus' letzten Worten: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz ausfüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

 

 

 
 
 
 

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