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Eine unerwartete Entdeckung: das älteste Hüttenbuch (Ältestes Hüttenbuch entdeckt)

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Eine unerwartete Entdeckung: das älteste Hüttenbuch

Erster Eintrag auf der Rainerhütte im Jahr 1868

Beitrag von Michael Guggenberger | veröffentlicht im Bergauf Magazin 04.2020

Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. (Foto: WEST.Fotostudio)zoom
Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. (Foto: WEST.Fotostudio)

Am 6. August 1868 trug sich Obmann Leopold von Hofmann in das von ihm mitgebrachte Fremdenbuch der Rainerhütte ein – der letzte erhaltene Vermerk stammt vom 30. August 1878. Dieses Hüttenbuch der ersten Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereins wähnten wir längst verloren. Vor kurzem konnten wir es als Zeitzeugnis für unser historisches Archiv erwerben.

"Seit langen Jahren kam über die Berge kein Sommer wie der gegenwärtige." Es war ein besonders heißer und trockener, die Gletscher schmolzen. Touristen kamen 1868 in Scharen und besuchten unter anderem – von Kaprun, aber auch von Ferleiten oder Kals kommend – das Kapruner Tal, dessen Abschluss, der Mooserboden, als eine der schönsten Kulissen in den Ostalpen galt. Im Juni hatte der Österreichische Alpenverein in diesem Tal, am Wasserfallboden, nach mühsamen Vorarbeiten und zähen Verhandlungen mit dem Bau seiner ersten Vereinshütte begonnen. Die Idee dahinter war, "die Bereisung der Alpen" einem breiten Publikum zu erleichtern.

Ende Juli vollendet erhielt die Schutzhütte ihren Namen von Erzherzog Rainer, dem Protektor des Alpenvereins. Sie war "ganz gemauert, denn Holz muß zwei Stunden weit über den Schranbach heraufgetragen werden, – mit Schindeln gedeckt und verschlagen. Vor der Thüre, zu deren beiden Seiten, sind Sitzbänke angebracht. Das Innere besteht rückwärts aus dem Bettlager von frischem Heu – die Decken muß der Fremde selbst bei sich haben, – dann aus einem kleinen Herde, einem Tische, den nöthigen Stühlen sammt allen anderen nothwendigen Requisiten zum Kochen, Essen, Trinken, – in der einfachsten Weise." 

Schlafplätze fanden nur vier Personen, "Milch, Obers, Butter und Roggenbrod" waren so wie der Hüttenschlüssel bei der nächsten Alm zu holen. Der Bach, den man dazu oft nur auf wackeligen Brettern überqueren konnte, führte "vortreffliches Gletscherwasser". So berichteten die Zeitungen.

Rainerhütte um 1885. (Foto: Würthle & Spinnhirn, Alpenverein-Museum/Archiv)zoom
Rainerhütte um 1885. (Foto: Würthle & Spinnhirn, Alpenverein-Museum/Archiv)

Gäste und Kritiker

Auch im Fremdenbuch selbst erfahren wir auf etwa 140 Seiten einiges über die Hütte und ihre Besucher, darunter Erstbesteiger ebenso wie "Badegäste aus Fusch", Maler, Wissenschaftler, Kartografen und Handwerker – vereinzelt auch Bergführer. Noch im Eröffnungsmonat trug sich Fräulein Hermine Groß, seit zwei Jahren Alpenvereinsmitglied, bei einem Tagesausflug ins Buch ein, kurz darauf – "zum ersten Mal mit Kindern" – die Frauenrechtlerin Marianne Hainisch, "sammt Sohn Michael 10 J. u. Tochter Maria 7 J. alt; von Wien". Der kleine Michael wurde später Bundespräsident. 

Manche übernachteten hier, um den "Sonnen-Untergang auf dem Moserboden bei wolkenlosem Himmel" zu erleben oder "bei herrlichem Wetter mutterseelenallein" zum Karlingerkees hinaufsteigen zu können. Andere, wie Theodor Harpprecht, der als erster Tourist das Große Wiesbachhorn erstieg, hinterließen im Buch Tourentipps. Wieder andere teilten mit, dass sie vorhaben "über das Riffelthor u. Pasterze zur Wallnerhütte" zu gehen. 

Ein Buchhändler aus Zell am See "empfiehlt" sich zur Abnahme seines "Büchleins 'Betrachtungen über Gott', im Hochthal Moosen verfaßt." Und ein Medizinstudent "erlaubt sich zu bemerken, daß ein Pistolenschuß auf die Wand des Wiedinger abgefeuert" ein phänomenales Echo erzeuge.

Rainerhütte nach der Erweiterung von 1877. (Foto: Baldi & Würthle, Alpenverein-Museum/Archiv)zoom
Rainerhütte nach der Erweiterung von 1877. (Foto: Baldi & Würthle, Alpenverein-Museum/Archiv)
Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. (Foto: WEST.Fotostudio)zoom
Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. (Foto: WEST.Fotostudio)

Manche danken dem Alpenverein, ein 'Asyl' errichtet zu haben, "welches im Vergleiche mit den meisten Alpenhütten Ober-Österreichs und Tyrols uns ein luxurios eingerichtetes Hotel" sei. Doch es hagelte auch Kritik. In Gedichtform oder Prosa wurde auf die für eine kleine Hütte "enormen Kosten" hingewiesen. Auch schade der viele Rauch und "der feuchte kalte Boden der Gesundheit". 

Karl Hofmann, der 1869, im Gründungsjahr des Deutschen Alpenvereins, mit Johann Stüdl die Hohe Riffel bezwingen wollte, stellt als Bergsteiger den ganzen Bau in Frage: "Wir könnten zahlreiche Puncte in den deutschen Alpen nennen, wo die Herstellung einer Hütte viel nothwendiger gewesen wäre, als hier, wo einen Büchsenschuß entfernt die Wasserfallalpe steht!" 

Stüdl hatte selbst eine Unterkunft, die Stüdl-Hütte, privat finanziert, die im September 1868 quasi als Gegenentwurf an exponierter Stelle südwestlich des Großglockners eröffnet wurde. – "Bergsteiger werden nie umhin können lebhaft zu bedauern, dass die Hütte an unpassendem Orte und nicht am Mooserboden erbaut wurde", befindet ein anderer Besucher der Vereinsunterkunft. Vergeblich versuchte der Alpenverein, sich mit einer Entgegnung in der Zeitschrift "Der Tourist" zu rechtfertigen.

Den Schlüssel zur Rainerhütte erhielt man zunächst vom Senner der benachbarten Fürthermeier-Alm. Der aber kündigte die Zusammenarbeit mit dem Alpenverein bald auf, weil er mit Touristen wegen seinen Wucherpreisen für Lebensmittel in Streit geraten war. Das brachte dem Melker der Itzbach-Alm ein besseres Geschäft ein. 

Auf die Frage nach den Baukosten der Hütte antwortete dieser übrigens, wie schon bald in der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins nachzulesen war, sehr bildhaft: "Wenn i a Hand voll Mehl nehm' und geb's Dir und Du gibst es dem andern und der wieder am' Andern, nacha werd hübsch wen'g mehr überbleib'n bis i mei Mehl wieda z'rück krieg!"

Mit Kaffeemühle ausgestattet

Aus dem Hüttenbuch erfahren wir von Ferdinand Adamek, der mit seiner Frau Marie und Sohn Carl, dem späteren Alpenvereinspräsidenten, in der Hütte übernachtete, dass sich Bergführer Anton Hetz aus Kaprun besonders verdient machte, weil er "sehr viele nützliche Gerätschaften als sein Eigentum zum Besten der Besucher der Rainer-Hütte dorthin gebracht hat (z. B. 6 Gläser, Löffel, Gabeln, Rum etc.) und sich heuer ein weiteres Verdienst dadurch erworben hat, daß er den früher nackten sehr nassen Boden mit Bretterdielen belegte. Für passionirte Caffé-Trinker sei bemerkt, daß Hetz unter seinen Sachen auch eine Kaffemühle besitzt". Aber auch seinen "vortrefflichen Thee" lobte man und regte an, Hetz für das bereitgestellte Brennholz "von Seite des Alpenvereins einen Pauschalbetrag" zu geben.

Die Gäste selbst waren dafür verantwortlich, den Nachkommenden die Hütte in einem brauchbaren Zustand zu hinterlassen, was – wie könnte es anders sein – nicht immer der Fall war. So ersuchte der Student Anton Naumann, der während einer "botanischen Wanderung" bei Gewitter in der Hütte Zuflucht fand, "das Geschirr, Messer, Gabel u. Löffel nach dem Gebrauche nicht mit den Resten des Mahles stehen zu lassen, da es für den Nachfolger höchst unappetitlich ist, wenn er Tassen, Gläser u. Schüssel vor dem Gebrauche ½ Stunde lang ins Wasser legen muß". Auch der Schlafkomfort wurde immer wieder thematisiert: "In da Rainerhütten habn ma g’schlafen / Und danken irzt unsern Herrgott / Das d’Nacht is vorbei" (Leopoldine v. Glanz aus Zell am See).

Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. Seite 3. (Foto: WEST.Fotostudio)zoom
Das älteste Hüttenbuch. Fremdenbuch der Rainerhütte. Seite 3. (Foto: WEST.Fotostudio)

Umbau, Verkauf und Untergang

Bereits 1869 regte man an "ein Stockwerk von Holz" aufzusetzen, aber erst 1877 wurde die Hütte durch einen Zubau erweitert und an den Kapruner Wirt Orgler verkauft, der sie in ein bescheidenes Alpengasthaus umwandelte. Doch unter einem guten Stern stand die Rainerhütte auch weiterhin nicht. Nun war zwar, wie Heinrich Hess im Hüttenbuch lobt, die räumliche Enge behoben, doch verwunderte die "enorme Theuerkeit", sowohl der Speisen als auch der Eintritts- und Übernachtungsgebühr, auf die es für Alpenvereinsmitglieder zudem keine Ermäßigung gebe. 

Zwei Jahre später wurde der Kaufvertrag aufgehoben und die Hütte fiel an die Sektion Austria zurück, die sie 1883 neuerlich verkaufte. Johann Mayr vulgo Lukashansl vergrößerte die Hütte weiter, musste aber jahrelang mit schwachem Besuch kämpfen, denn Orgler hatte inzwischen knapp vor der Rainerhütte ein eigenes Wirtshaus errichtet.

Erst in den 1890er-Jahren ging es mit dem Geschäft aufwärts. 1894 besuchte sogar Kaiser Franz Josef die Rainerhütte. Noch vor der ersten Erweiterung suchten übrigens 1876 vier Prinzessinnen, Töchter des Fürsten Löwenstein, samt Tross Obdach. Jedoch vergeblich, wie uns ein erboster Eintrag im Hüttenbuch berichtet, denn zwei Herren aus München wehrten sich unverblümt gegen ihre Ausquartierung: "Wir bedauern, wir können in einer Alpenhütte nicht schlafen." 

In den 1950er-Jahren versank die Rainerhütte mitsamt allen anderen Gebäuden am Wasserfallboden im Stausee und steht definitiv niemandem mehr als Unterkunft zur Verfügung.