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Gletscher fühlen nicht. Aber Menschen. (Gletscherschwund: Die emotionale Komponente)

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Gletscher fühlen nicht. Aber Menschen.

Über die emotionale Komponente des Gletscherschwundes

Wie verarbeiten wir Menschen die selbstverschuldete Gletscherschmelze? Subjektive Beobachtungen aus der Welt des nicht mehr ganz so ewigen Eises.

Beitrag von Simon Schöpf I veröffentlicht im Bergauf Magazin 02.2020

Vorher, nachher. Horst Fankhauser posiert mit einem Abdruck des damals noch mächtigen Alpeiner Ferners um 1935. Im Hintergrund die geschwundene Realität im Sommer 2019. (Foto: R. Shone)zoom
Vorher, nachher. Horst Fankhauser posiert mit einem Abdruck des damals noch mächtigen Alpeiner Ferners um 1935. Im Hintergrund die geschwundene Realität im Sommer 2019. (Foto: R. Shone)

Eis hat keine Gefühle. Eis ist klar und durchschaubar, Eis ist Wasser und Wasser zweimal Wasserstoff und einmal Sauerstoff, die sich auf molekularer Ebene gernhaben und sich bei Temperaturen unter 0° Celsius so fest aneinanderklammern, dass man darauf Schlittschuh fahren kann. Wird’s wärmer, geht man eben baden darin, im flüssigen Eis, das wir dann wieder Wasser nennen. Eigentlich ganz einfach, die Sache – nur, warum werden manche von uns Menschen so sentimental, wenn Wasser seinem natürlichen Zyklus folgt, mal fest ist, mal flüssig wird? 

Auf das im Hochgebirge wohnhafte Eis – die Gletscher – geschaut, geht seit einiger Zeit der Trend recht eindeutig in Richtung Verflüssigung. Es wird wärmer auf unserem Heimatplaneten, homo sapiens hat sich selbst eingeheizt, die früher gern als „ewiges Eis“ bespitznamten Gletscher liquidieren sich und fließen munter Richtung Ozean, vorbei die Ewigkeit. Als homo sapiens hat man nun zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Man kann das bedauerlich finden, oder man kann sagen: „Die Pyrenäen sind auch ohne Eis wunderschön, oder nicht?“

Durch die rationale Forscherbrille

Die Vermessung des Gletschers. Mit einer vier Meter langen Sonde messen die Forscher der Uni Innsbruck die Schneedicke auf dem Hintereisferner in den Ötztaler Alpen. (Foto: S. Schöpf)zoom
Die Vermessung des Gletschers. Mit einer vier Meter langen Sonde messen die Forscher der Uni Innsbruck die Schneedicke auf dem Hintereisferner in den Ötztaler Alpen. (Foto: S. Schöpf)

Der Satz stammt von Rainer Prinz, seines Zeichens Glaziologe am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck, einer der führenden Gletscherforscher des Landes. Er artikuliert seinen Gedanken spät abends in der engen Biwakschachtel hoch oben am exponierten Grat über dem Hintereisferner in den Ötztaler Alpen, während die Pasta am kleinen Gasherd in aller Gemütlichkeit Richtung al dente köchelt. Seit 1966 thront dieses kleine Refugium der Wissenschaft auf über 3.000 Metern, im Hintergrund die mächtige Weißkugel, und darunter der science glacier, wie ihn die Forscher und Studenten nennen, ähnlich gut überwacht wie ein Patient auf der Intensivstation. Laserscanner, Wetterstationen, Webcams: High-Tech am Berg, für den Hintereisferner existieren die mitunter längsten Messreihen, die es in der Glaziologie gibt. Die Gegend ist für die Wissenschaftler ein einmaliges, riesiges Freiluftlabor. Nur deuten alle Daten darauf hin: Der Patient liegt im Sterben.

Rainer Prinz hat heute den ganzen Tag Schnee geschaufelt, stolze 3.82 vertikale Meter davon, die jährliche Massenbilanz ist körperliche Schwerarbeit. Er setzt seine nüchtern-wissenschaftliche Brille auf, wenn er sagt: „Seit gut 30 Jahren ist die Gletscherschmelze in den Alpen zu hundert Prozent menschengemacht. Den Gletschern ist es ziemlich egal, ob sie schmelzen oder nicht. Die Auswirkungen treffen vor allem uns Menschen. Was uns die Gletscher geben, sind zeitverzögerte Alarmleuchten, und die leuchten rot: Die Gletscher in den Ostalpen haben wir längst verspielt.“
Zwei Drittel seines Volumens hat der Hintereisferner seit 1850 eingebüßt. Dass sich das globale Klima rapide erwärmt, ist mittlerweile tausendfach belegt. Dass homo sapiens der Hauptverursacher dieser Veränderung ist, ebenso. „Für uns Wissenschaftler sind das unfassbar spannende Zeiten. Wir wollen die Prozesse verstehen, die zu diesen Veränderungen führen. Emotionen müssen von der Forschung getrennt werden.“

 

Ein Gletscher wird zu Grabe getragen

Man kann das Thema aber auch emotionaler betrachten. Statt einem leblosen Haufen Eis kann man Gletscher als lebendige Systeme begreifen, mit ihnen mitfühlen. Und man kann sie beerdigen, wenn sie sterben. So wie die Isländer ihren 700 Jahre alten Okjökull letzten Sommer, dessen Eis zu dünn geworden war, um sich vorwärts zu schieben. Tot also, per Definition, eine Zeremonie wurde veranstaltet, das Medienecho gewaltig. Gletscher sind – neben Eisbären, die hilflos auf kleinen Schollen treiben – zu den Ikonen der Klimakrise geworden. Selten ist die Veränderung so greifbar, so gut sichtbar wie an gewaltigen Eismassen, die sich mit einem bisher ungesehenen Tempo zurückziehen. Bereits 2050 wird die Hälfte der Alpengletscher geschmolzen sein – unabhängig davon, ob Treibhausgasemissionen reduziert werden. Global gesehen schaut das Bild auch nicht besser aus: 335 Milliarden Tonnen Eis verlieren die weltweiten Gletscher – pro Jahr.

So stirbt ein Gletscher: Der Okjökull auf Island, 1986 (viel Eis) und 2019 (wenig Eis). Fotos: NASA Earth Observatoryzoom
So stirbt ein Gletscher: Der Okjökull auf Island, 1986 (viel Eis) und 2019 (wenig Eis). Fotos: NASA Earth Observatory

Die alte Postkarte vom Alpeiner Ferner

Mit solch abstrakten Zahlen können aber nur die wenigsten etwas anfangen. Viel greifbarer wird die Veränderung, wenn man behaupten kann: „Die Nordflanke der Ruderhofspitze ist mittlerweile nur mehr lebensmüden Alpinisten zu empfehlen, komplett Kamikaze.“ Das sagt Horst Fankhauser auf der sonnigen Terrasse der Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen, deren Hüttenwirt er über 30 Jahre lang war. Nebenbei stieg er noch auf zwei Achttausender, ist Bergführer-Ausbildner und Bergsteigerlegende. Er ist seit etlichen Jahrzehnten im Gebiet um die Franz-Senn-Hütte unterwegs, sommers wie winters, und das, trotz seiner 75 Jahre, keinen Schritt langsamer. Kurz, es gibt wohl keinen, der mit den Gipfeln, Gletschern und Murmeltieren hier oben enger verbunden ist, die Veränderungen der Landschaft emotionaler miterlebt hat. „Für mich ändert sich ein Weltbild“, meint Fankhauser, „seit gut zehn Jahren galoppiert das Tempo, da kannst direkt zuschauen, wie die Gletscher schmelzen.“ 

Viele der ehemals klassischen Nordwand-Eistouren in der Gegend sind mittlerweile unbegehbar. Für Bergführer wie ihn wandelt sich auch der Arbeitsplatz gravierend. Durch den Gletscherschwund und das zunehmende Auftauen des Permafrostes werden viele Wege akut steinschlaggefährdet oder gleich gänzlich unpassierbar, „auf die Wildgratscharte mussten wir vor acht Jahren sogar einen Klettersteig bauen“, erklärt Fankhauser, und fügt hinzu: „Und mittlerweile schon drei Mal nach unten verlängern.“

Für die jährliche Massenbilanz ist auch die Schneedicke relevant. Rainer Prinz buddelt sich zum Eis des Hintereisferners, im Hintergrund die mächtige Weißkugel. (Foto: S. Schöpf)zoom
Für die jährliche Massenbilanz ist auch die Schneedicke relevant. Rainer Prinz buddelt sich zum Eis des Hintereisferners, im Hintergrund die mächtige Weißkugel. (Foto: S. Schöpf)

Um die Veränderung noch greifbarer zu machen, führt uns Horst Fankhauser zu einem seiner Lieblingsplätze, dorthin, „wo man den Gletscher richtiggehend spürt, ohne dabei am Eis zu stehen.“ Mit dabei hat er eine historische Postkarte, die den Stand des Alpeiner Ferners vor 90 Jahren abbildet und damals vom gleichen Standort aufgenommen wurde. Etwas wehmütig blicken Fankhausers wache Augen unter den buschigen Brauen schon in die Kamera, als wir das Vergleichsfoto aufnehmen, wobei er dann mit einem Lächeln meint: „Eigentlich müsst i jetzt traurig schauen, aber des kann i gar nit.“ 

Mit etwas Fantasie kann man die großen Felsfenster im Eis, die vor gut drei Jahren mittig in der Steilstufe das erste Mal ausaperten, als mahnende Augen deuten. Immer größer werden diese Augen, bis das Eis rundherum bald ganz verschwunden sein wird. „Des isch so,“ meint Horst resignierend, „aber vielleicht wird das die neue Generation ja anders sehen, weil die Gletscher gar nicht mehr kennen wird. Alles hat seine Zeit, hat irgendein schlauer Man mal gesagt. Wenn uns Gäste auf der Hütte fragen, wie wir dem Klimawandel begegnen, dann sag‘ i immer: Wir pflanzen jetzt Palmen und machen einen Golfplatz auf.“

So sind Gletscher eben mehr als ein Haufen Eis und Eis mehr als bloß H2O – Gletscher sind Landschaftsformer, Lebewesen, Legenden. Wie keine andere Spezies in der Erdgeschichte zuvor hat es der Mensch selbst in der Hand, deren Existenzbedingungen zu beeinflussen – oder die Gletscher einfach sterben zu lassen. Eis schreit nicht, wenn man es tötet. 

 

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