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Biwakschachteln in den Alpen: Keine romantischen Ausflugsziele (Biwaks in den Alpen)

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Biwakschachteln in den Alpen: Keine romantischen Ausflugsziele

Zwischen Sehnsuchtsziel und Notunterkunft: Biwakschachteln symbolisieren beides. Ein Streifzug durch spartanische Unterschlüpfe, vom Glockner bis nach Nepal, von gestern bis morgen.

Text: Simon Schöpf  | erschienen im Bergauf-Magazin 02.2020 (PDF)

Schlafzimmer auf über 5.000 Metern: Das neue David-Lama-Biwak thront am Tachi Lapcha Pass in Nepal und soll neben Trekkern vor allem der lokalen Bevölkerung dienen. Foto: S. Voitlzoom
Schlafzimmer auf über 5.000 Metern: Das neue David-Lama-Biwak thront am Tachi Lapcha Pass in Nepal und soll neben Trekkern vor allem der lokalen Bevölkerung dienen. Foto: S. Voitl

Tashi Lapcha Pass, Himalaya: Der niedrigste Übergang zwischen dem Rolwaling Himal und dem Solu-Khumbu-Everest-Gebiet ist stolze 5.750 Meter hoch. Früher war hier ein leicht zu überquerender Gletscher, doch es wird auch in diesem verstecken Winkel der Erde spürbar wärmer. Jetzt gilt es für die Sherpas bis zu 200 Meter hohe Felsstufen zu überwinden, akute Steinschlaggefahr inklusive. Nicht selten in Flip-Flops und mit schweren Holzkörben auf dem Rücken, rund drei Nepalesen verunglücken unter diesen Umständen pro Jahr tödlich. Warum? Weil drüben die Arbeit lockt, die Khumbu-Everest-Region ist touristisch stark erschlossen, die Trekker kommen in Scharen, es braucht Köche, Träger, Guides. Nicht so im Rolwaling, da gibt es zwar die große Abgeschiedenheit, und entsprechend so gut wie keine touristische Infrastruktur. Bis jetzt, denn Ende 2019 ist am Tashi Lapcha Pass ein glänzendes UFO gelandet, in dem man auch nächtigen kann: Eine Unterkunft, die Hoffnung verspricht, das David-Lama-Biwak. Errichtet wurde es von einer privaten Initiative, gänzlich ohne Steuer- oder Vereinsgelder.

Die Idee dahinter: „Dass der Tourismus auch in dieses Tal überschwappen kann. Der anspruchsvolle Pass wird durch die Biwakschachtel auf über 5.000 Metern entschärft und ist gleichzeitig ein Schutz für die lokale Bevölkerung auf ihrem Arbeitsweg“, sagt Ralf Ohnmacht, der mit seiner Firma Polybiwak die technische Umsetzung koordinierte, der Initiator des Biwaks ist Josef Einwaller.

Die Doku zum Biwak: Bergkult Productions war mit der Kamera vor Ort in Nepal, der Film dazu erscheint im Sommer 2020 als Bergwelten-Doku bei ServusTV!

Entstehung der Biwakkultur in den Alpen

Man muss aber gar nicht bis ins Himalaya reisen, um ähnliches zu erfahren: 16 Biwakschachteln betreibt der Alpenverein, vom Hochsengsbiwak in den Oberösterreichischen Voralpen auf 1.583 m bis zum Glocknerbiwak in den Hohen Tauern auf 3.260 m. In Italien sind es gar weit über hundert Bivaccos, die Briten sagen Bothies dazu. Gemein ist ihnen allen eines: Das Reduzierte, das Spartanische, das Entlegene. Während ein Biwak – von französisch ‚bivouac‘, so viel wie ‚Feldlager‘ – im alpinistischen Sinne eine gewollte (um eines besonders intensiven Naturerlebnisses willen) oder durchaus auch ungewollte (aufgrund eines alpinistischen Notfalls oder Überschätzung) Übernachtung unter freiem Himmel ist, gibt eine Biwakschachtel der Handlung einen physischen Rahmen. Schutz vor der Witterung und damit ein kleines Refugium der Zuflucht am Berg, das ist die primäre Funktion von Biwakschachteln. 

Kommt der Lastwagen geflogen: Die Errichtung eines Biwaks ist oft eine logistische Großaufgabe, wie hier in Nepal. Foto: S. Keckzoom
Kommt der Lastwagen geflogen: Die Errichtung eines Biwaks ist oft eine logistische Großaufgabe, wie hier in Nepal. Foto: S. Keck
 

Biwak-„Knigge“: Wie man sich in der Notunterkunft verhält

  • Biwakschachteln sind keine Ausflugsziele für romantische Nächte am Berg! Als Notunterkunft oder Zwischenstation einer langen Bergtour sind sie für Alpinisten errichtet worden, die sie wirklich brauchen.
  • Der Grundsatz: „Verlasse die Biwakschachtel genauso, wie du sie vorgefunden hast“
  • Nimm‘ deinen Müll wieder mit in’s Tal! Und zwar alles. Müllabfuhr fährt hier lange keine vorbei.
  • Schließe Türen und Fenster ordentlich! Eine offene Tür kann tausend Mal vom Wind auf- und zugeschlagen werden, bis die nächsten Bergler anreisen.
  • Bedenke die Notdurft! Auch WC gibt’s da oben natürlich keines, wenn also die Natur ruft, finde den kollektiven Platz der Erleichterung und benütze genau den.
  • Informiere dich: Via Hüttenfinder (alpenverein.at/huetten) lassen sich Angaben & Kontakte zum angestrebten Biwak nachlesen (und ggf. saisonale Belegungs- und Zustiegsverhältnisse erfragen)

In den Anfangsphasen der Eroberung des alpinen Raumes gab es keinerlei Unterscheidung zwischen verschiedenen Bautypen. Behausungen im Hochgebirge waren allesamt spartanische Notunterkünfte, die nur notdürftig Schutz vor Wind und Wetter boten. So wurde für die Eroberung des Mont Blanc bereits 1785 biwakartige Unterkünfte errichtet, Fürstbischof Salm tat selbiges für die Besteigung des Großglockners 1800 (Hohenwarte & Adlersruhe), Friedrich Simony baute 1843 eine Notunterkunft am Dachstein, die als „Hôtel Simony“ in die Geschichte einging (heute von den Sektionen Austria u. Hallstatt als Denkmal betreut).

Nach und nach entwickelten sich durch den vermehrten Ansturm an Bergreisenden in Gunstlagen die ersten Unterkunftshäuser mit Bewirtung – die Hütten. Die in weniger spektakulären Lagen oder in schwierigem Terrain gelegenen Unterkünfte blieben entsprechend rudimentär – die Vorläufer der heutigen Biwakschachteln. 

Oft braucht es auch zuerst ein tragisches Unglück, um die Errichtung anzustoßen: Die ersten gezielt errichteten Biwaks wurden von Angehörigen der in Bergnot geratenen Alpinisten errichtet und später dem Alpenverein übertragen. Diese Entwicklung fand vor allem südlich des Alpenhauptkamms statt, als Vorreiter im Biwakbau gilt das Biwak Hinterbalmo im Monte-Rosa-Massiv aus dem Jahre 1700, 100 Jahre später folgte das Biwak Regi in den Tessiner Alpen. Es sollte aber noch bis in die 1930er Jahre dauern, bis ein vermehrtes Auftreten dieses Bautyps in den Italienischen Alpen beobachtet werden konnte, gute 20 Jahre später dann im restlichen Alpenraum. Die älteste Unterkunft mit einem „Biwak“ im Namen ist die Lalidererwand-Biwakschachtel, errichtet 1948 vom Alpinen Klub Karwendler.

 

Die Schachtel am Glockner

Die Biwakschachtel: Notunterkunft, Basislager, Ausflugsziel? „Eigentlich ist’s wie zelteln, nur dass du unter Umständen deinen Schlafplatz mit vielen unbekannten Menschen teilen musst“, nimmt Niklas Ohnmacht von der Abteilung Hütten und Wege des Alpenvereins der Materie einiges an Romantik. Gut so, wie er findet, denn dem Alpenverein ist eines besonders wichtig: Biwakschachteln sind keine eigenständigen Ausflugsziele, sondern Notunterkünfte oder notwendige Zwischenstationen auf besonders langen Bergfahrten, die an einem Tag schlicht nicht möglich wären.

Vermehrt hört man Geschichten, dass Biwakschachteln leider oft auch zweckentfremdet werden. Da ist zum Beispiel die Seilschaft, die sich in letzter Minute vor dem aufziehenden Gewitter völlig entkräftet aus der monströsen Laliderer-Nordwand im Karwendel rettet, auf die rettende Biwakschachtel am Kamm regelrecht zusprintet und dort dann: Eine bereits mit Wanderern übervolle Unterkunft zu finden. Sind alle zum Sternegucken hochgekommen. Statt ersehnter Matratze ward’s dann nur der kalte Boden für die Nacht, not amused. 

Oder dass die Notunterkünfte schlicht über ihre Kapazität belagert werden, wie zum Beispiel das Glockner-Biwak auf einem Felssporn am Glocknerwandkamp unterhalb Österreichs berühmtester Nordwand. „Meine wildeste Nacht im Biwak war gleich die erste, da waren schon 12 Leute drinnen, zu acht hat man schon kaum Platz. Wir haben die Nacht also auf unseren Rucksäcken im Vorraum sitzend durchgezittert“, erinnert sich Vittorio Messini, der als Kalser Bergführer beruflich oft auch nordseitig des Glockners seine Spuren zieht. Wegen der Klimaerhitzung werden zwar heutzutage die klassischen Rinnen wie Pallavicini oder Bergler nur noch selten begangen, zu groß die Steinschlaggefahr. Weil die Verhältnisse oft nur mehr an zwei bis drei Wochenenden im Jahr richtig gut sind, kommt es dann – die sozialen Medien tun ihr übriges – an genau diesen Tagen zu einer enormen Konzentration an Bergsteigern, das Biwak ist dann hoffnungslos überfüllt. „Das ist dann kein Sein mehr da oben“, meint Messini, „die Schachtel entspricht einfach nicht mehr den heutigen Standards, man hat ja nicht mal Platz zum Umdrehen.“ Glockner-unwürdig? Deshalb werden Biwakschachteln bei Bedarf auch renoviert oder ersetzt, was momentan auch für das Glockner-Biwak erwogen wird.

Gemütlich? Geht so. Überfüllte Biwakschachtel am Großglockner. Foto: V. Messinizoom
Gemütlich? Geht so. Überfüllte Biwakschachtel am Großglockner. Foto: V. Messini
Das Glockner-Biwak. Foto: V. Messinizoom
Das Glockner-Biwak. Foto: V. Messini
 

High-Tech am Berg

In Hochgebirgslagen selbstredend eine kostspielige Angelegenheit. Biwakbauer Ralf Ohnmacht klärt auf: „Biwaks können nicht täglich kontrolliert werden, und man muss sicherstellen, dass sie auch in 50 Jahren noch dastehen. Deshalb darf es auch beim Material keine Kompromisse geben. Wenn in solchen Lagen etwas kaputt geht, kann das mehr Gefahr als Sicherheit für die Bergsteiger bedeuten, die verlassen sich ja darauf.“ Aber auch die Logistik des Transportes ist ein bedeutender Faktor, beim David-Lama-Biwak in Nepal war das mehr als, die Notunterkunft selbst kostete. 

Hubschrauberflüge, Träger, Verpflegung. Der Großglockner ist zwar infrastrukturell deutlich besser angebunden als der Tashi Lapcha Pass, dennoch ist der Alpenverein bei diesem kostenintensiven Projekt auf einen Partner angewiesen, den er mit Salewa gefunden hat. Bis Ende des Jahres spendet der Bergsportausrüster 5€ für die Renovierung des Glocknerbiwaks für jedes mit dem Hahstag #SALEWA3000 und dem #Bergnamen gepostete Foto eines 3.000ers auf Instagram (Details siehe Kasten). In diesem Sinne: Huldigt die Schachteln, denn ohne Biwaks wäre das Bergsteigen in den Alpen nicht das, was es heutzutage ist.

Knochenarbeit auf 5.000 Metern: Bau des David-Lama-Biwaks in Nepal. Foto: S. Voitlzoom
Knochenarbeit auf 5.000 Metern: Bau des David-Lama-Biwaks in Nepal. Foto: S. Voitl

#SALEWA3000: Sammeln für den guten Zweck

Das Projekt #SALEWA3000 will alle 784 Dreitausender Österreichs besteigen. Die Bergsteigermarke SALEWA wandelt dabei die geleisteten Höhenmeter aller Bergsteiger, die teilnehmen, in Spendengeld um. Rund 150 Dreitausender wurden von Januar bis Anfang März 2020 bereits bestiegen.

Aktuell pausiert die Aktion #SALEWA3000 aufgrund des Ausnahmezustandes in Österreich. Es ist nicht der Moment, große Berge in Österreich zu besteigen. Es gibt „höhere“ Ziele für die kommenden Wochen. #SALEWA3000 wird allerdings, sobald es möglich ist, weitergeführt und über den 30. Juni, dem ursprünglichen Zeitlimit des Projektes, hinaus verlängert.Die Südtiroler behalten die 784 Dreitausender Österreichs im Blick und danken herzlich für all die beeindruckenden Gipfelmo-mente, die bisher geteilt wurden.

Weitere Informationen und Geschichten unter: www.salewa.com/de-at/salewa3000