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Frauen an der Spitze

Seit dem Hype um die erste Frau auf allen Achttausendern ist es im Frauenalpinismus ruhiger geworden. Aber nur scheinbar. Der Spitzenalpinismus versucht sich an unbestiegenen Bergen und unerschlossenen Felswänden – egal ob Mann oder Frau.

Beitrag von Eva Maria Bachinger

Vor zehn Jahren erreichte das Rennen um den Titel „Erste Frau auf allen 14 Achttausendern“ seinen Höhepunkt. Internationale Medien berichteten wieder einmal ausführlich über Frauen am Berg. Dem Magazin „National Geographic“ war etwa das erfolgreiche Ringen der österreichischen Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner um die Besteigung des K2 (8.611 m) im Karakorum in Pakistan eine Titelgeschichte wert. In martialischer Sprache wurde über die „Eroberung“ des Achttausenders berichtet. In Spanien wurde mit Edurne Pasaban mitgefiebert und in Südkorea war der Plan von Oh Eun-Sun ein nationales Prestigeprojekt. Nur eine, die mit ihrem Können ebenfalls real die Chance gehabt hätte, nahm sich raus: die Italienerin Nives Meroi. Sie meinte, sie wolle bei diesem „Zirkus“ nicht mehr mitmachen. Der Titel „Erste Frau auf allen 14“ ging am 27. April 2010 an Oh. Ob sie 2009 wirklich den Kangchenzönga bestiegen hat, ist allerdings mehr als umstritten. Kurze Zeit später folgte Pasaban.

Kaltenbrunner hat alle 14 Achttausender by fair means erreicht. (Foto: R. Dujmovits)zoom
Kaltenbrunner hat alle 14 Achttausender by fair means erreicht. (Foto: R. Dujmovits)

Ist Höhenbergsteigen und Mutterschaft vereinbar?

Der moralische Sieg ging am 23. August 2011 an Kaltenbrunner, die klar darlegen konnte, dass sie alle Achttausender ohne Hilfe von zusätzlichem Sauerstoff bewältigt hatte. Seit dem Wirbel ist es ruhiger geworden. Kaltenbrunner macht nun mit ihrem neuen Lebenspartner viel Yoga. Sie hält nach wie vor Vorträge und macht Bergtouren - für ServusTV etwa erklomm sie 2018 gemeinsam mit Peter Habeler den Damavand (5.610 m) im Iran - doch ihrem Können entsprechende Touren sind nicht mehr dabei, abgesehen von der Besteigung des Nuptse in Nepal oder den Denali in Alaska. 

Pasaban, überzeugt davon, dass Höhenbergsteigen und Familie nicht wie bei den Männern vereinbar sei, hat sich ihren „15. Achttausender“, die Mutterschaft, doch noch erfüllt. Aber auch sie profitiert nach wie vor von der Berühmtheit der Achttausender. Es zeigt sich: Der Titel war und ist viel wert. 

Es geht eben um alpinistische Ziele, die einem Massenpublikum gut erklärbar sind. Dann folgen Sponsoren und Medien. Auch wenn beispielsweise Kaltenbrunner stets beteuert hat, dass es ihr nicht um den Titel gehe und dass sie ein Rennen nur medial inszeniert sehe, muss man feststellen, dass sie ihren Part in dem Spiel trotzdem übernommen hat und jedes Jahr wieder zu den fehlenden Gipfeln gereist ist. Die totale Abwehr, dass es sich um keinen Wettkampf, kein Rennen handeln würde, wird von Frauen auch so erwartet, meint Sportwissenschaftlerin Rosa Diketmüller von der Universität Wien. Denn Konkurrenz werde als unpassend angesehen, besonders im Alpinismus und noch mehr bei Frauen. Im Grunde gebe es keinen Unterschied mehr zwischen Männer und Frauen im Alpinismus, vor allem im Klettersport, sagt der Südtiroler Bergsteiger Hanspeter Eisendle, „nur einen historischen“. Die Frauen haben mit der Besteigung aller 8.000er im Grunde keine neue Leistung im Spitzenalpinismus vollbracht, sondern nachvollzogen was Vorgängerinnen versucht und die Männer bereits in den Achtzigern erledigt hatten.

Mangel an jungen Bergsteigerinnen

Als im April 2019 die Bergsteiger Hans-Jörg Auer und David Lama in Kanada von einer Lawine getötet wurden, betonten viele Kenner, dass der Alpinismus zwei ihrer besten Vertreter verloren hätte. Da fiel es umso mehr auf: Wo sind mit Auer und Lama vergleichbare Frauen, die den Alpinismus weiterentwickeln, die ebenso bekannt dadurch werden? Die beste Zeit für Höhenbergsteiger ist zwischen 30 und Anfang 40 hinsichtlich Fitness und Erfahrung. Wo sind also jüngere Bergsteigerinnen zu finden? Die Südtiroler Bergsteigerin Tamara Lunger (33) wird von vielen Sponsoren gut unterstützt. Allerdings scheint sie – wie Eisendle meint – „dem Ankündigungs-Alpinismus und in der Folge der „Philosophie des Scheiterns verfallen“ zu sein. Sie wirkt jedenfalls oft wenig fokussiert auf ihre Ziele, unentschlossen, wohin buchstäblich die Reise gehen soll. In den letzten Jahren musste sie an Achttausendern umkehren. Ihr Tun könne sicher auch mal wieder erfolgreich sein, allerdings „spielt das nur medial eine Rolle“, so Eisendle. Die Historikerin Martina Gugglberger von der Universität Linz erwähnt die Schweizerin Sophie Lavaud, die alle 8.000er anstrebe. Allerdings begann die 51-Jährige als Bergtouristin und verwendet auch notfalls zusätzlichen Sauerstoff. Unter der Weiterentwicklung des Spitzenalpinismus wird - egal ob Mann oder Frau – aber nicht mehr die Besteigung der 8000er verstanden. Denn die Normalrouten sind heute bei vielen Eventagenturen zu buchen. Es geht auch nicht mehr um die Steigerung von Geschwindigkeit oder das Sammeln von allen höchsten Berggipfeln aller Kontinente.

Die Südkoreanerin Oh hatte nur ein großes Projekt im Sinn: die erste Frau auf allen 14 Achttausendern zu sein. (Foto: Black Yak)zoom
Die Südkoreanerin Oh hatte nur ein großes Projekt im Sinn: die erste Frau auf allen 14 Achttausendern zu sein. (Foto: Black Yak)

Frauen können Außergewöhnliches leisten

Der Alpinismus kann neue Ufer an unerschlossenen oder wenig durchstiegenen Felswänden oder an unbestiegenen 6.000er oder 7.000er in abgelegenen Gebieten erreichen. „Moderner, hochwertiger Alpinismus ist aber um ein Vielfaches schwieriger zu „erzählen“ als Speed- oder Zahlenalpinismus“, erklärt Eisendle. Nichtsdestotrotz gebe es heute sogar viel mehr Frauen, die Außergewöhnliches im Gebirge leisten würden. „Das ist alpinistisch um Häuser höher einzustufen als dieser „feminine 8.000er-Hype“. Nur ist deren Stil so spartanisch, dass sie nicht viel Geld dafür brauchen, also keine oder kaum Unterstützung bzw. Belastung von Sponsoren.“ Und damit auch keine breite Medienberichterstattung. Auch wenn es von vielen Bergsteigern anders dargestellt wird, müssen Bergtouren abseits der berühmten Achttausender nicht teuer sein. Das predigt auch schon lange der Alpinist Steve House, der etwa den Nanga Parbat in einer minimalistischen Glanzleistung mit seinem Kletterpartner Vince Anderson bestiegen hat.

Der Fluch der Medien

Eine, die das schon früh erkannt hat, ist die deutsche Eiskletterin Ines Papert, die zur Generation von Kaltenbrunner und Co. gehört. Sie führte nach Ende ihrer Karriere im Wettkampfklettern auch Expeditionen durch – eine Parallele zu David Lama. Ingrid Runggaldier, Autorin des opulenten Werkes „Frauen im Aufstieg“, verweist auf die Leistung der Ukrainerinnen Marina Kopteva und Anna Yasinskaya sowie der Russin Galina Chibitok. Sie haben im Sommer 2011 sage und schreibe 38 Tage in der Nordwestwand an der gewaltigen Felsformation Great Trango Tower (6287 m) in Pakistan verbracht um eine äußerst schwierige Route zu erschließen. An ihrem Beispiel zeigt sich, dass Frauen um keinen Deut weniger bereit sind große Entbehrungen auf sich zu nehmen. Eine diesen Ansprüchen ebenfalls gewachsene Vertreterin war die 2016 tödlich verunglückte Japanerin Kei Taniguchi. Für die Erstdurchsteigung der Südostwand des Kamet, mit 7.756 m einer der höchsten Berge Indiens, erhielten sie und ihr Kletterpartner Kazuya Hiraide den Piolet d´Or, sozusagen den Oscar des Alpinismus. Vielleicht sind in Zeiten von ständiger Verfügbarkeit und weit erschlossener Gebiete wahre Abenteuer auch nur noch abseits medialer Verwertung zu haben. Das meint zumindest die Kulturwissenschaftlerin Helga Peskoller: 

„Das wahre Abenteuer beginnt dort, wo die Medien nicht mehr sind, wo die Medien keinen Zugang haben, wo nichts kommt, auch hinterher nicht. Dort ist die neue Herausforderung für die Alpinisten.“

Gerlinde Kaltenbrunner. (Foto: K. Pichler)zoom
Gerlinde Kaltenbrunner. (Foto: K. Pichler)
Oh Eun-Sun. (Black Yak)zoom
Oh Eun-Sun. (Black Yak)
Ines Papert. (Foto: S. Rauch)zoom
Ines Papert. (Foto: S. Rauch)
 

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