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Wir feiern 20 Jahre Stop or Go: Eine bewährte Methode? (20 Jahre Stop-or-Go: Eine bewährte Methode?)

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Wir feiern 20 Jahre Stop or Go: Eine bewährte Methode?

Über das Entscheidungs- und Handlungskonzept für Touren im freien Skiraum

Im Herbst 1999 präsentierten die Bergführer Robert Purtscheller († 2004) und Michael Larcher mit „Stop or Go“ ein Entscheidungs- und Handlungskonzept für Touren im freien Skiraum. Auslöser war Werner Munter, der 1997 mit „3x3 Lawinen - Entscheiden in komplexen Situationen“ die Reduktionsmethoden einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hatte.

Unterwegs im Karwendel. Aufstieg Richtung Mandlscharte, hinten die Grubreisentürme. (Foto: M. Larcher)zoom

Im Gespräch: Christian Damisch, Bergführer und Ausbilder, mit Michael Larcher.

Wie würdest du einem Einsteiger mit wenigen Worten erklären, was Stop or Go ist?

Lass es mich probieren: Stop or Go ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, um im freien Skiraum gute Entscheidungen hinsichtlich der Lawinengefahr zu treffen – also eine Entscheidungsstrategie. Die zweite Hälfte von Stop or Go besteht aus einem Katalog von einfachen To-dos, die nachweislich das Risiko senken bzw. die Rettungschancen erhöhen - den sogenannten Standardmaßnahmen.

Michael Larcher (Alpenverein)

Michael Larcher, Leiter der Bergsportabteilung im Alpenverein, Bergführer und Gerichts-Sachverständiger

 

Warum erfordert gerade das Thema Lawine Strategien zur Entscheidungsfindung? In anderen Bergsportbereichen, z. B. gibt es Checklisten, also Standardmaßnahmen aber ein komplexes Tool zum Entscheiden wie „Stop“ oder „Go“ gibt es nicht.

Im Lawinenbereich ist die Situation komplexer und mit größeren Unsicherheiten behafteten. Ein 35 Grad steiler Nordhang ist einmal so instabil, dass bereits das Gewicht einer Person ausreicht hat, um ein Schneebrett auszulösen. Ein anderes Mal ist er so stabil, dass selbst eine Sprengung ohne Erfolg bleibt. In beiden Fällen kann der Hang, oberflächlich betrachtet, gleich aussehen. Die Lawinengefahr ist mit unseren Sinnen häufig nicht erkennbar. Werner Munter meinte einmal „die Lawine stinkt nicht“ und er verglich die Lawinengefahr mit der Radioaktivität.
Im Vergleich mit anderen alpinen Gefahren, wie Absturz, Steinschlag, Orientierungsverlust, Blitz, Wettersturz, Spaltensturz und Wechtenbruch macht es uns die Schneedecke wesentlich schwieriger, dessen Stabilität und damit das Risiko einzuschätzen.

Video: Notfall Lawine

Wenn Sie auf das Video klicken, wird eine Anfrage mit Ihrer IP-Adresse an Youtube bzw. Google gesendet. Datenschutzinformationen

20 Jahre Stop or Go – hat sich die Methode in dieser Zeit verändert?

Ja, aber das Grundgerüst ist immer noch dasselbe und wer die erste Version des Stop or Go-Kärtchens neben die aktuelle Ausgabe 2019 legt, dem werden zuerst nur grafische Unterschiede auffallen. Die Entwicklung liegt im Detail. Z. B. im Geltungsbereich von Check 1, dass ich bei Stufe 3, „erheblich“, die steilste Stelle im ganzen Hang berücksichtigen muss. Auch die „Go-Faktoren“ gab es zu Beginn nicht. Und in der aktuellen Auflage haben wir den Check 2 an die nun international gültigen „Lawinenprobleme“ angepasst.

 

„Go-Faktoren“?

Ja, die kamen so um 2007. Das Herzstück von Stop or Go ist ja die elementare Reduktionsmethode von Werner Munter: Bei Stufe 2 bleib‘ unter 40, bei Stufe 3 unter 35, bei Stufe 4 unter 30 Grad Hangsteilheit. Diese Regel - nach Munter der Hauptsatz der praktischen Lawinenkunde - ist sehr effektiv, sie schränkt aber naturgemäß den Handlungsspielraum ein. Wir erkannten, dass es einige relativ eindeutige Hinweise auf Sicherheit gibt, die es erlauben, von dieser Regel abzuweichen.
„Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst“ – dieses Zitat vom Dalai Lama, bringt es genial auf den Punkt! „Regeln richtig brechen“ heißt in unserem Fall, die Ausnahmen möglichst klar zu definieren. Die trivialste Ausnahme ist „dichter Wald“, schon weniger trivial, aber in der Praxis häufig anwendbar, das Merkmal „stark verspurt“ oder „häufig befahren“.
Die Go-Faktoren erweitern den Spielraum für Fortgeschrittene und Experten. Die Grundphilosophie ist immer: Überschreite die Grenzen von Check 1 nicht aufgrund eines „guten Bauchgefühls“, sondern auf der Grundlage möglichst objektiver Fakten. Hier können Experten mehr leisten als Hobby-Alpinisten.

Für Dich ist Stop or Go der Königsweg in der praktischen Lawinenkunde?

„Königsweg“ klingt nach Zauberstab, das ist Stop or Go definitiv nicht. Ich möchte mich an Churchill anlehnen: Stop or Go ist die Schlechteste aller Methoden, aber ich kenne keine bessere [lacht]. Lass mich eine von Stop or Go abstrahierte Beschreibung eines „Königswegs“ versuchen: Was muss ein Lawinen-Präventions-Konzept für Schneesportler*innen bieten? Aus meiner Sicht: Erstens einen Katalog mit möglichst wenigen, möglichst einfachen und bewährten Standardmaßnahmen. „Standard Operation Procedures“, SOPs, bewähren sich weltweit von der Fliegerei bis zum Tauchsport. Es braucht – zweitens – eine mächtige und gleichzeitig möglichst einfache Faustregel, um Entscheidungen zu treffen. Munter hat eine Faustregel aus Gefahrenstufe und Hangneigung vorgeschlagen: Je gefährlicher, desto weniger steil. Nichts reduziert mein Risiko im freien Skiraum deutlicher als der Verzicht auf extrem steiles, sehr steiles oder steiles Gelände. Dieser Zusammenhang ist evident. Drittens: einen Leitfaden, um die lawinenbildenden Faktoren - z. B. frischen Triebschnee - in der Planung und im Gelände zu erkennen. Schließlich, viertens, macht ein Katalog Sinn, der Ausnahmen definiert.

Video-Tutorials zum Thema Skitouren, Lawinen, Rettungstechnik auf sicheramberg.at und auf YouTube.zoom

Wie geht es weiter mit der praktischen Lawinenkunde, mit Stop or Go?

Hmmm, Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen … Große Entwicklungschancen sehe ich nach wie vor in den Bereichen Kommunikation und Pädagogik, kurz gesagt im Wissenstransfer. Wie erreichen wir Menschen mit unseren Konzepten? Wie machen wir Lawinenkunde sexy? Welche Kommunikationskanäle müssen wir bespielen? Welche Zielgruppen wollen wie informiert werden?
Der nächste große Wurf in der praktischen Lawinenkunde wird uns, glaube ich, per Internet erreichen. Algorithmen, künstliche Intelligenz haben das Potential, Risiken zu errechnen und Stop or Go-Empfehlungen zu machen. Die Schweizer Website Skitourenguru gibt einen ersten Vorgeschmack, was da kommen könnte. Das Brauchbare aus klassischer, analytischer und strategischer Lawinenkunde wird in Algorithmen verpackt, vernetzt mit Gelände-, Wetter-, Schneedeckenmodellen und Unfallstatistik. Maschinen bzw. Rechner werden nicht fehlerfrei sein und es wird auch in 25 Jahren noch Lawinenunfälle geben. Aber fehlerfrei müssen sie auch nicht sein. Sie müssen nur besser entscheiden als Menschen. Und das werden sie. Besser auch als Experten.

Und wo bleibt dann das Abenteuer?

Für uns alte Hasen mag sich das nach dem Untergang des Alpinismus anhören. Eine andere Generation wird das aber vielleicht anders sehen. Wir haben uns auch an GPS, Smartphone, Internet und an andere Hightech-Ausrüstung angepasst. Wurde die Tiefe unseres Bergerlebnisses dadurch negativ beeinflusst? Nein. Die tiefe Erfahrung einer wilden, ursprünglichen Bergwelt im Winter, in Bewegung sein, unterwegs sein in Gemeinschaft, mit seinen besten Freunden, das ist die Essenz von Skitouren. Die Unsicherheit durch Lawinen braucht‘s nicht. In Zukunft werden Menschen Skitouren als Therapie sehen und schätzen, weniger als Abenteuer.

Mehr Informationen

Michael Larcher als Vortragender beim Lawinen Update in Wien. (Foto: W. Neumüller)zoom

Lawinen Update 2019/2020

Gut vorbereitet in die Wintersaison: Vortragsreihe des Alpenvereins für Tourengeher, Freerider und Schneeschuhwanderer.

Mehr Infos hier: Lawinen Update

 

SicherAmBerg - Die wichtigsten Empfehlungen von den Experten des Alpenvereins!

Hier erfahrt ihr mehr über die neuesten Sicherheitsempfehlungen und Ausrüstungsstandards im Alpenverein!

Zum Beispiel die Lehrvideos zu den Themen: Notfall Lawine, LVS-Check, Richtig Schaufel, Richtig Sondieren

SicherAmBerg

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Literaturtipp

Booklet Skitouren

Das Buch zu Stop or Go und Notfall Lawine: Skitouren

Die Neuauflage 2019 widmet sich auch ausführlich den Themen Schneekunde, Stabilitätstests, Bruchfortpflanzung etc.

Alpenvereins-Shop

Booklet Skitourenzoom
 

Stop or Go-Kärtchen 2019

Die aktuelle Ausgabe des Stop or Go-Kärtchens mit Standardmaßnahmen (SOPs) oben und Entscheidungsstrategie (unten).

Alpenverein-Shop

Stop or Go-Kärtchen 2019 (Alpenverein)zoom