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Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Oder wie ein Videobeitrag Tourengeher in Verruf bringen kann (Video bringt Tourengeher fälschlicherweise in Verruf)

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Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Oder wie ein Videobeitrag Tourengeher in Verruf bringen kann

Symbolbild, Foto: pixabay.com
Symbolbild, Foto: pixabay.com

Ein Video, in dem Skitourengeher wehrlose Gämsen durch hohen Schnee treiben, sorgt in den letzten Tagen besonders in sozialen Netzwerken für Aufsehen und Entsetzen. Doch der Videobeitrag hat einen anderen Hintergrund, als auf den ersten Blick vermutet wird.

165.995 Aufrufe. So viele Aufrufe hat ein Video-Posting vom 6. Februar auf der Facebook-Seite von Franz Hörl am Dienstagnachmittag. Hörl ist Abgeordneter zum Nationalrat und u.a. Obmann des Tiroler Wirtschaftsbundes, Obmann der Wirtschaftskammer Österreich, Fachverband der Seilbahnen sowie 1. Vizepräsident der Wirtschaftskammer Tirol.

Das Video – der Ton fehlt in dieser Version! – zeigt auf den ersten Blick Unglaubliches: Skitourengeher hetzen wehrlose Gämsen offenbar grundlos durch hohen Schnee. Die Tiere werden von den Wintersportlern eingekreist, bis sie schlussendlich erschöpft entkommen und das Weite suchen. Solche Aktionen können für Gämsen lebensbedrohlich sein: Um zu überleben müssen Wildtiere besonders im Winter auf ihren Energiehaushalt achten und jede Art von Stress vermeiden.

Ein Video sagt mehr als tausend Worte?

Auch in einer offiziellen Presseaussendung von Franz Hörl (Aussender: Österr. Wirtschaftsbund, Landesgruppe Tirol) vom 8. Februar 2019 – gerichtet u.a. an den Österreichischen Alpenverein – wurde dieser Videobeitrag verlinkt. In der Aussendung wird Hörl damit zitiert, dass, „besonders Tourengeher, die ohne Rücksicht auf Wildlebensräume und Eigentumsverhältnisse rudelweise Tiere verscheuchen und in steile Gräben und Schluchten treiben“, „in dieser Wintersaison ein großes Problem“ sind.

Es wird suggeriert, dass es sich beim angehängten Videobeitrag um einen aktuellen Beitrag aus Österreich handeln würde. „Wider den Behauptungen der alpinen Vereine gibt es auch solche Tourengeher. Bleibt von den Fütterungen und Einständen fern – respektiert Hinweisschilder, und rettet so Tierleben!“, postet Hörl zu dem Video auf Facebook und stellt Tourengeher dabei in schlechtes Licht. Das Video beinhaltet keine Quellen- oder Ortsangaben.

Der erste Blick trügt

Auch der Österreichischen Alpenverein hat sich den Videobeitrag genau angeschaut. Klar ist, dass der Alpenverein im Hinblick auf die aktuell tiefwinterlichen Verhältnisse einen besonders respektvollen Umgang mit der Natur und der Tierwelt von allen WintersportlerInnen einfordert und beispielsweise vor wenigen Tagen mit der Vereinigung Land&Forst Betriebe Österreich für ein verantwortungsvolles Skitourengehen einsteht (siehe auch Beitrag "Wintersport mit Verantwortung für die Natur" auf der Webseite des Alpenvereins). Wildtiere vorsätzlich zu stören – wie es im Videobeitrag suggeriert wird – ist ein absolutes „No Go“.

Doch Recherchen haben nun Überraschendes ergeben: Die Original-Version des Videobeitrages wurde nicht in diesem Winter aufgenommen, denn der Beitrag wurde schon im Februar 2018 (also rund vor einem Jahr) auf Youtube gestellt. Der Clip wurde auch nicht in Österreich, sondern in der Nähe von La Molina, also im spanischen Teil der Pyrenäen, gedreht (rund 900 km von Tirol entfernt). Der Original-Videobeitrag ist auf Youtube auch mit Ton zu finden, die Sprache der vermeintlichen Skitourengeher ist katalanisch (Hier das Originalvideo auf Youtube: www.youtube.com/watch?v=wOLiJjpc5A4).



Weiters besteht die Annahme, dass die Skitourengeher den Gämsen helfen wollten und sie aus dem Schnee Richtung Wald treiben – dies ist auch in einem französischen Medien-Artikel nachzulesen. In Kommentaren zum Videobeitrag auf Youtube werden die Wintersportler im Beitrag sogar gelobt.

Hörl pocht in seiner Presseaussendung auf Sachlichkeit statt emotionaler Petitionen. Ob er sich mit seinem Posting nicht selbst Lügen straft, wollen wir nicht beurteilen. Das möge der kritische Leser für sich selbst befinden. Was die anderen in der Aussendung angeführten Fakten anbelangt, verweisen wir beispielsweise auf einen Profil Artikel in der aktuellen Ausgabe (profil Ausgabe, 10. Februar 2019, ab Seite 54), wo unter anderem auch das Tiroler Inntal als Paradebeispiel für eine schlechte Raumordnungspolitik und exzessiven Landverbrauch angeführt wird. Auch Fakten haben zwei Seiten.

Auch wenn wir alle seriösen und ernst gemeinten Postings sehr schätzen, die im Sinne eines fairen und nachhaltigen Umgangs mit Flora und Fauna gepostet werden, warnen wir vor verallgemeinerten Postings, die der Sache mehr schaden als nützen. Gut gemeint ist manchmal auch daneben.