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Berglandwirtschaft: Geschwächtes Immunsystem der Alpen (Berglandwirtschaft)

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Berglandwirtschaft: Geschwächtes Immunsystem der Alpen

Eines der 12 Handlungsfelder der Alpenkonvention ist die Berglandwirtschaft. Sie betrifft außerdem unmittelbar 8 von 17 UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung und ist Garant für Biodiversität. Diese drei Themen, eng mit der Berglandwirtschaft verbunden, waren im letzten Bergauf 04-20 prominent vertreten. Und: Die Berglandwirtschaft braucht unsere Hilfe!

Ein Beitrag von Siegfried Steiner | veröffentlicht im Bergauf Magazin 01.2021

Blick von Aich im Ennstal auf die Hochwildstelle in den Schladminger Tauern. Im Vordergrund der Gössenberg. (Foto: M Huber)

Wer kennt sie nicht, die typischen „alpinen“ Bilder aus der Werbung, in denen Kühe auf saftigen Weiden grasen? Die von Holzzäunen gesäumten Wiesen, Bäche und Wege fügen sich wie ein Mosaik zu einer homogenen Landschaft zusammen. Im Hintergrund schmiegen sich in einem Dorf Häuser und Ställe eng aneinander. Über der idyllischen Szenerie thronen Berge, zu deren Füßen sich weite Almen ausbreiten. Dass die Werbung auf solche Bilder zurückgreift, ist kein Zufall. Denn ihre Wirksamkeit ist nicht nur durch das Kaufverhalten belegt, sondern der „Wohlfühlfaktor“ einer solchen Landschaft ist auch durch wissenschaftliche Studien erwiesen.

Ein Netzwerk unter Druck

Allerdings: Diese ideale Kombination von alpenländischer Natur- und Kulturlandschaft ist in ernsthafter Gefahr, denn jenes „Netzwerk“, welches für die Gestaltung der über Jahrhunderte „gewachsenen“ Kulturlandschaft im Bergland sorgt, steht unter Existenzdruck. Mit anderen Worten: der Schnupfen ist dabei, sich zu einer Lungenentzündung zu entwickeln. Mit dem Netzwerk, das die alpenländische Kulturlandschaft prägt und pflegt sind die bäuerlichen Familienbetriebe gemeint. So wie beim Menschen eine enge Wechselwirkung des Immunsystems mit dem Stoffwechsel besteht, so sind es seit Jahrhunderten die Bergbauernfamilien, welche als „Experten für alles Lebendige“ ganz wesentlich dazu beitragen, dass die natürlichen Stoffkreisläufe unseres Lebensraumes möglichst optimal funktionieren. Symptome eines „gestörten Stoffwechsels“ im Berggebiet sind Verlust der Artenvielfalt, für die maschinelle Bewirtschaftung optimierte Landschaften und damit der Verlust wertvoller Biotope, die Ausbreitung von Neophyten, Begünstigung von Murenabgängen durch fehlende Beweidung und mittelfristig der Verlust alpiner Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte entstanden ist und Wohlbefinden und Wertschöpfung spendet. Die Berglandwirtschaft leistet einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung dieser eindeutig unerwünschten Auswirkungen. Es ist daher gerechtfertigt, in Anlehnung an M. Maltan (Kührointalm) die Berglandwirtschaft als Immunsystem des (touristisch genutzten) Berglandes zu bezeichnen.

Es bleibt Zeit zum Gegensteuern

Dieses Immunsystem des Berglandes ist angegriffen. Strukturwandel lautet das sterile Schlagwort, welches allerdings die persönlichen Schicksale und die gesellschaftlichen Konsequenzen, wenn überhaupt, nur unzureichend im Blick hat. Wie weit dieser Strukturwandel in manchen Regionen des Alpenbogens bereits fortgeschritten ist, zeigt Abbildung 1. Nicht selten bedeutet dies das Ende der Bewirtschaftung ganzer bäuerlicher Betriebe und fast immer das „Wildfallen“ (Zuwachsen) von Flächen mit geringem Ertragspotential. Gerade diese Flächen weisen aber höchste Artenvielfalt auf, sind ganz besonders landschaftsprägend und tragen maßgeblich zu jener Kulisse bei, welche von Tourist*innen geschätzt und nachgefragt wird.
Der Blick in die Berggebiete des Piemont oder von Savoyen ist aus österreichischer Perspektive glücklicherweise „ein Blick in die Zukunft“, weil in den italienischen und französischen Berggebieten dieser Strukturwandel durch den Beitritt zur EG bzw. EU gut vier Jahrzehnte früher als in Österreich „Fahrt aufgenommen hat“. Es bleibt also noch Zeit zum Gegensteuern und zum Erhalt der Biodiversität, durch Maßnahmen im Sinne der Alpenkonvention sowie der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Abb. 1: Entwicklung der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe im Alpenraum von 1980 - 2010. Ständiges Sekretariat der Alpenkonvention (2017), The Alps in 25 Maps. (Autoren: Eurac Research, Institute for Regional Development, Ravazzoli E.)zoom
Abb. 1: Entwicklung der Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe im Alpenraum von 1980 - 2010. Ständiges Sekretariat der Alpenkonvention (2017), The Alps in 25 Maps. (Autoren: Eurac Research, Institute for Regional Development, Ravazzoli E.)
 

Wachsen oder weichen

Abb. 2: Entwicklung von Milchpreis und Ertragspotenzial landwirtschaftlicher Betriebe im Vergleich zur Geldwertentwicklung (eigene Darstellung). (Quelle: Statistik Austria, private Aufzeichnungen)zoom
Abb. 2: Entwicklung von Milchpreis und Ertragspotenzial landwirtschaftlicher Betriebe im Vergleich zur Geldwertentwicklung (eigene Darstellung). (Quelle: Statistik Austria, private Aufzeichnungen)

Natürlich ist ein 1:1-Vergleich zwischen Pinzgau - Piemont oder Savoyen - Stubaital nicht zulässig. Denn auch ohne EU wären strukturelle Anpassungen in einem globalisierten und technisierten Wirtschaftssystem gefordert. Dies ändert aber nichts daran, dass der (Existenz-)Druck auf die bäuerliche Landwirtschaft und auf die Berglandwirtschaft im Speziellen – welcher mit dem gängigen Schlagwort „Wachsen oder Weichen“ zutreffend benannt werden kann – Fakt ist. Dass dieser Druck seit dem EU-Beitritt Österreichs stetig zunimmt, zeigt Abbildung 2: Das „Milchgeld“ für einen Liter Rohmilch ist von 1985 (umgerechnet 38,94 Cent) bis zum Jahr 2019 (36,95 Cent) gesunken. Gleichzeitig geht die Schere zwischen Einnahmen (inkl. staatlicher Zahlungen für nicht vom Markt abgegoltene Leistungen) und Ausgaben, welche in ihrem Trend mit der Geldwertentwicklung übereinstimmen, kontinuierlich auf. Betont muss werden, dass die zugrundeliegenden Agrarpreisindizes der Statistik Austria das Wertschöpfungspotential der österreichischen Landwirtschaft insgesamt abbilden. Der vom Landwirtschaftsministerium jährlich veröffentlichte sogenannte „Grüne Bericht“ zeichnet anhand der Daten des Jahres 2019 für die Berglandwirtschaft ein noch viel dramatischeres Bild, als dies für die Ertragssituation der Landwirtschaft insgesamt der Fall ist. Bei stagnierenden Einkünften der Landwirtschaft insgesamt (Anstieg VPI: 4,6 %-Punkte) hat sich der Einkommensunterschied erneut vergrößert. Das durchschnittliche Betriebseinkommen der Bergbauern liegt laut Grünem Bericht mittlerweile 32 % (in Worten zweiunddreißig) unter jenem der Nicht-Bergbauern.

Der Bergahorn (Acer pseudoplatanus) ist am Hochplateau der Ramsau am Dachstein ganz besonders landschaftsprägend. Nicht umsonst hieß die Ramsau früher Ahorntal. (Foto: M. Huber)zoom

Chronische Immunschwäche überwinden

Die angewandte Forschung sieht in der Zusammenarbeit von bergbäuerlichen Betrieben und in der Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten erfolgversprechende Ansätze zur Überwindung der mittlerweile chronischen „Immunschwäche“, sprich zur Existenzsicherung der bäuerlichen Betriebe. Damit einher geht das Ziel, die alpine Kulturlandschaft als wesentliche Geschäftsgrundlage für den Tourismus zu erhalten. Nicht übersehen werden darf in diesem Zusammenhang jedoch, dass „regionale Lebensmittel“ im Lichte der nationalen Produktionskapazitäten „österreichische Lebensmittel“ bedeutet. So wichtig und unterstützenswert der Kauf regionaler, sprich österreichischer Lebensmittel auch ist, die Berglandwirtschaft kann davon nur am Rande profitieren. Notwendig sind daher speziell auf die Berglandwirtschaft zugeschnittene Konzepte und Ideen, welche auch auf die Chancen und Risiken in Tourismusregionen Bezug nehmen.

Um eine der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Berglandwirtschaft angemessene Kommunikations- und Dialogplattform zu schaffen, hat der Autor mit Gleichgesinnten den Verein Berg-Bauern-Kultur-Landschaft-Leben (www.berg-leben.org) gegründet. Auf der Website sind z.B. erfolgreiche (Einzel-)Beispiele aus den beiden Bergsteigerdörfern Berchtesgadener Ramsau und Lesachtal zu finden, welche gute Ansatzpunkte für regionale Lösungen bieten. Außerdem können alle Interessierten durch Ausfüllen eines kurzen Online-Fragebogens dazu beitragen, die Wertschöpfung und Wertanerkennung für die Berglandwirtschaft zu verbessern und ihre große Bedeutung ins öffentliche Rampenlicht zu stellen. Die Ergebnisse dieser Befragung fließen in ein einschlägiges Forschungsprojekt an der BOKU Wien ein. Der Autor lädt die Bergauf-Leser ein, von dieser Möglichkeit regen Gebrauch zu machen. Denn eine gesunde Berglandwirtschaft sichert auch zukünftigen Generationen Bergerlebnisse, wie wir sie alle erfahren und schätzen.

Herbst in den Bergen. (Foto: M. Huber)

Siegfried Steiner ist dankbar für seine bäuerlichen Wurzeln und für seine Heimat. Er ist ausgebildeter Bilanzbuchhalter, hat Public Management und Rechtswissenschaften studiert und arbeitet seit 2015 als Amtsleiter in der Gemeinde Ramsau am Dachstein. 

Die Fotos für den Beitrag hat Fotograf Marin Huber (www.martin-huber.at) zur Verfügung gestellt.

 
 
 
 

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