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"Milch - wenn Kuh da" - Der Karnische Höhenweg ("Milch - wenn Kuh da" - Der Karnische Höhenweg)

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"Milch - wenn Kuh da" - Der Karnische Höhenweg

Der Karnische Höhenweg ist ein beliebter Wanderweg in den Karnischen Alpen, der in weiten Teilen auf der Höhe des Karnischen Hauptkamms in mehreren Varianten entlang der Staatsgrenze zwischen Italien und Österreich verläuft. Er führt über 155 km und zu neun Schutzhütten.

Beitrag von Torsten Wenk | veröffentlicht im Bergauf Magazin 02.2018

Septembermorgenblick in der Nähe der Sillianer Hütte. (E. Hund)zoom
Septembermorgenblick in der Nähe der Sillianer Hütte. (E. Hund)

Claudia, die sympathische Wirtin mit den lustigen Lachfalten in den Augenwinkeln, bringt uns mit 150 PS im „Hüttenexpressauto“ auf einer Schotterpiste durch den Wald hinauf zur Leckfeldalm (1.900 m). Am Brunnen vor der Tür füllen wir die Wasserflaschen und schultern die Rucksäcke. Auf geht’s. Endlich wieder eine Alpenwanderung auf einem Höhenweg. Wir sechs Braunschweiger haben viel gehört und gelesen vom Karnischen Höhenweg und uns für seine westliche, hochalpine Hälfte entschieden.

Schritt für Schritt gewöhnen wir uns an die Höhe, die Baumgrenze liegt schon hinter uns. Auf schmalem Pfad gibt es noch einen Abstecher zum Heimkehrerkreuz mit weiter Aussicht ins Hochpustertal. Nach zwei Stunden findet die erste Etappe bei Nebel und Schneegraupel ein fröstelndes Ende. Die Sillianer Hütte ist mit 2.447 m unser höchster Übernachtungsort. Im Gastraum strahlt ein Ofen wohlige Wärme aus. Oskar, Pepi, Magdalena und der Landrat sind heute nicht anwesend, haben sich aber an Holzbänken und Tischen verewigt. „Der eingebrannte Name erinnert an den Mobiliarspender“, verrät Hüttenwirt Christoph mit einem Schmunzeln. Es gibt heute nur einen weiteren Gast hier oben. Stefan ist von Süden aus dem Sextental mit der Helmseilbahn auf 2.041 Meter hinaufgefahren und dann herübergewandert. Eva schmeißt den ersten Schnaps. Der „Pregler“ ist ein aus Äpfeln und Birnen destillierter Obstbrand und gilt als Osttiroler Spezialität. Der Volksmund überliefert: „Der Pregler gibt Kraft und Lebensfreude, schützt vor bösen Geistern und Langeweile, fördert die Verdauung, das Lebensgefühl und so manches andere ...“. Na dann: Gute Nacht!

Gut 150 km lang

Schnee auf Weg 403. (E. Hund)zoom
Schnee auf Weg 403. (E. Hund)

Es ist acht Uhr in der Früh. Das Thermometer an der Hütte zeigt 3° Celsius. Nach dem Sommer atmen wir zum ersten Mal so etwas wie Winter. Kristallklare Luft. Richtung Süden schauen wir wie im Postkartenblick auf die von der Morgensonne angestrahlten Sextener Dolomiten. „Vorn der 3.092 Meter hohe Elferkofel, der höchste Gipfel der nach ihm genannten Elfergruppe“, verrät uns Christoph beim Abschied. Sein ausgestreckter Arm zeigt anschließend auf die entfernteren Spitzen der Drei Zinnen. Unten, über dem Sextental, hängt eine dicke Wolkenschicht. Was für ein magischer Auftakt für unsere Wanderung.

Die Wegnummer 403 und die rot-weiß-roten Farbmarkierungen an den Felsen werden uns nun fünf Tage begleiten. Der Karnische Höhenweg misst gut 150 Kilometer, schlängelt sich an der österreichisch-italienischen Grenze entlang von Sillian im Hochpustertal bis nach Arnoldstein in Kärnten. Aufgrund seiner vielen Bezugspunkte zu den entbehrungsreichen Zeiten des Ersten Weltkriegs trägt der westliche Abschnitt den Beinamen Via della Pace, Friedensweg. Geplant und angelegt wurde er in den 1970er Jahren unter Federführung des Österreichischen Bundesheeres. Steiganlagen, Schützengräben, Stellungen, Bunker und Friedhöfe am Weg zeugen von den Kriegsjahren. Kälte und Hunger forderten ebenso Opfer wie Treffer der feindlichen Schützen.

Wir erreichen den Soldatenfriedhof Hochgränten, höchstgelegener Kriegerfriedhof Mitteleuropas. 30 Quadratmeter Andacht. Demut heißt der Gipfel im Osten, wie passend. Unter dem Gipfel des Eisenreich gibt es mehrere ausgesetzte Passagen. Der Puls steigt. Die Finger, in Handschuhe verpackt, suchen Halt am Fels. Wieder eine Passage geschafft. Keks, Schokoriegel und heißer Tee machen die Runde. Nach viereinhalb Wanderstunden steigen wir ab zur Obstanserseehütte, die am gleichnamigen See auf 2.304 Meter zum Aufenthalt einlädt. Zum Empfang pfeifen Murmeltiere durchdringend ihre Warnungen in den Wind. Keine Angst, wir tun heute nichts mehr, wir erobern nur noch die Hütte. Zum Abendbrot gibt es ein köstliches Bergsteigeressen: Kartoffeln mit Sauerrahm und gebratenem Speck.

Jenseits des Öfnerjochs. (U. Hilmer)zoom
Jenseits des Öfnerjochs. (U. Hilmer)

Nichts ist selbstverständlich

Hüttenwirt Heinz Bodner setzt sich nach dem Essen zu uns. Jetzt hat er Zeit zum Plaudern. „Die erste Hütte am Obstansersee wurde bereits 1930 gebaut“, berichtet er. Beliefert wurde sie damals per Pferd und Träger. Heute bringt der Hubschrauber die meisten Dinge. Den frischen Salat schleppt Heinz mit seinen Freunden aber weiterhin in einer Holzkraxe herauf. Brot wird auf der Hütte gebacken und dank zweier Milchkühe gibt es selbstgemachten Joghurt, Almbutter und Käse. „Milch – wenn Kuh da.“ So steht es auf dem Hinweisschild an der Hütte. In den Bergen ergeben sich Abhängigkeiten. Nichts ist selbstverständlich, schon gar nicht frische Milch.

 

1980 wurde die Hütte erneuert und 2003 nochmals erweitert. Dank eines Kleinwasserkraftwerks gibt es seit 10 Jahren Strom. In dritter Familiengeneration ist Heinz Pächter, schmeißt den Laden im September allein oder mit Hilfe einer seiner vier Töchter. „Der September war in diesem Jahr sehr nass und hatte viele Stornierungen“, berichtet er. Bei der kurzen Saison zählt jede Übernachtung. Die Pächter tiefer liegender Hütten raten Heinz, früher im Jahr zu öffnen, damit der Höhenweg zeitig durchgehend begehbar wird. Hier oben auf 2.300 Meter bleibt aber alles anders. Noch immer muss im Frühjahr für die Trinkwasserversorgung die Quelle freigehackt werden. Als Anreiz für Wanderer mit Hund hat Heinz kürzich einen Containeranbau vor die Hütte gesetzt. „Wow!“ Oder besser gesagt: „Wau!“

Morgenstimmung am Hochweißsteinhaus. (E. Hund)zoom
Morgenstimmung am Hochweißsteinhaus. (E. Hund)

Vielversprechender Empfang

Am nächsten Morgen entscheiden wir uns mit Blick auf die Wegbeschaffenheit für die längere, aber sichere Variante über das Roßkopftörl und den Hintersattel. Die Pfannspitze erscheint uns doch zu arg. Sechseinhalb Stunden Gehzeit liegen vor uns. Das Törl auf 2.493 m erreichen wir japsend bei Sonnenschein, dann geht es steil auf verschneitem Pfad hinab. Eine Rutschpartie! Ein Rudel Gämsen quert in Windeseile das breite Tal. Am Talboden lädt an einer Weggabelung die Bank der Tscharrhütte (1.935 m) zur Pause ein. Ein lieblicher Pfad führt nun im leichten Anstieg durch die Tscharre am Fuß der Kinigat-Nordwand. Wir passieren Mittersattel und Hintersattel (2.406 m) und erreichen zum Mittag in luftiger Höhe von 2.350 Meter die Filmoor-Standschützenhütte.

Im Tränkebrunnen vor der Hütte kühlen an die einhundert Dosen Bier. Ein vielversprechender Empfang! Die Hütte wurde in den Siebzigerjahren aus Ruinen der Soldatenunterkünfte erbaut. Der mollig warme Hüttenraum beherbergt eine kleine Küchenzeile und zwei Tische, an denen jeweils acht Gäste Platz finden. Die jungen Hüttenwirte versorgen uns mit schmackhafter Gemüsesuppe, Kartoffeln und Bratwürsten, haben dabei immer ihre beiden kleinen Kinder im Auge, die gern mal über Tisch und Bänke turnen.

Es folgt ein langer Abstieg. Stadel auf den weiten Wiesen. Wasserfälle stürzen die Hänge hinunter, sammeln sich zu gurgelnden Bächen, speisen letztlich den Oberen Stuckensee. Eine Wassermaus nimmt ein erfrischendes Bad, wir Warmduscher verzichten. Nach dem Sattel des Heretriegels müssen wir durch eine Scharte seilversichert eine kleine Kletterpartie bestehen. Dann haben wir die bereits seit einiger Zeit zwischen Bäumen hervorblinzelnde Porzehütte (1.942 m) erreicht. Jetzt gibt es Kaspressknödel mit Sauerkraut: Lecker!

Obstanserseehütte mit Roßkopf. (E. Hund)zoom
Obstanserseehütte mit Roßkopf. (E. Hund)

Strada delle Malghe

Die Tour zwischen Porzehütte und Hochweißsteinhaus beschreiben Wanderführer als Königsetappe des Höhenweges. Sie führt meist direkt am Kamm entlang und hat auf der zweiten Hälfte mehrere ausgesetzte Passagen. Hinzu kommen die aktuell mitunter kniffligen Bodenverhältnisse. Wir entscheiden uns daher für eine Variante auf italienischer Seite, die „Strada delle Malghe“, die Straße der Almen. Dieser Weg ist technisch völlig unkompliziert, mit neun Stunden Gehzeit allerdings noch ein knappes Stündchen länger als die Kammroute. Laut Reiseführer wird es eine zauberhafte Wanderung über noch ursprüngliche Almen mit Esel- und Schafherden. Dazu lacht auf der Südseite heute den ganzen Tag die Sonne.

Mal führt der Weg durch grünen Wald, mal über offenes Gelände. Nach fünf Stunden erreichen wir die Malga Antola (1.872 m). Im Sommer kann man hier übernachten und bei den Almhirten in der Küche deftige Mahlzeiten einnehmen. Jetzt liegt die Malga verlassen da. Es ist warm geworden, Kurzhosenwetter. Nach einer weiteren Stunde zweigt Bergpfad 134 an der Malga Chivion nach Nordosten ab. Eine Ziegenherde und ein riesiges, fast weißes Rind versperren uns kurz den Weg, laut kläffen die Hirtenhunde um uns herum. Wir nehmen das Hochalpjoch auf 2.280 Meter ins Visier. Der Aufstieg geht an die Reserven. Die Westwand des Monte Peralba (deutsch: Hochweißstein; 2.694 m) haben wir stets im Blick. Kaum sind wir auf der Nordseite in Kärnten, umhüllen uns die Nebelwolken. Gerade noch rechtzeitig zum warmen Abendessen ereichen wir das Hochweißsteinhaus.

Was röhrt im Wald?

Nach ausgiebigem Frühstück vom Buffet (!) mit Müsli und Almjoghurt füllen wir vor der Hütte unsere Flaschen und deuten mit unserer erklärungsfreudigen Hüttenwirtin die umstehende Bergwelt. Gut sechs Wanderstunden liegen heute vor uns. Wir steigen hinauf zum Öfnerjoch und hinab in das mit Lärchen bestandene Val Fleons. Ein malerisches Tal.

Doch was röhrt denn da im Nadelwald? Motorsägen der Waldarbeiter? Nein, brunftende Hirsche! Ihr Röhren geht durch Mark und Bein. Bei bester Stimmung sind wir unterwegs auf dem Kärntner Grenzweg 142, einem Bilderbuchpfad mit Wurzeln und glucksenden Bachläufen. Die bunte Laubfärbung vor dem blauen Himmel – Wanderer, was willst du mehr?

Zahlen & Fakten

  • 5 Übernachtungen während der Tour
  • 9 Schutzhütten sind mit dem Karnischen Höhenweg erreichbar
  • 155 km beträgt die Länge des Weges
  • 2.447 m über dem Meer liegt der höchste Übernachtungsort
 

Bald geht es links hinauf zur Sella Sissanis (1.987 m) und weiter zum Giramondopass. Bergseen leuchten wie blaugrüne Augen. Schon sind wir wieder in Österreich. Ein langer steiler Abstieg führt uns hinab zur Oberen Wolayeralm. Dann geht es noch einmal knackig steil hinauf zur Wolayerseehütte. Knallrote Fensterläden strahlen uns einladend entgegen. Die technischen Errungenschaften der tipptopp modernisierten Hütte verdrängen die urige Atmosphäre, die viele Hütten so einzigartig macht. Großzügige Panoramafenster bieten dafür einen grandiosen Blick auf den See. Wenn da nur nicht dieser dicke Nebel wäre.

Der Trubel hat uns wieder

Am Morgen geben die Wolken für eine halbe Stunde den Blick frei. Zum Greifen nah sind Seewarte (2.595 m) und die umliegenden kolossalen Massive. Schade, dass der bevorstehende Abstieg zur Valentinsalm wieder in den Wolken liegt. Wir sind froh, die Wegmarkierungen zu entdecken. Den ausgeschilderten Geo-Trail, auf dem Informationstafeln 500 Millionen Jahre Erdgeschichte zum Anfassen präsentieren, schaffen wir heute nicht mehr.

Nachdem wir das Valentintörl (2.138 m) passiert und den Rauchkofel (2.460 m) links liegen gelassen haben, geht es stetig bergab, bis wir letztlich unser Ziel, die Valentinalm, erreichen. Auf dem Parkplatz stehen viele Autos, die Alm ist gut besucht. Der Trubel der technisierten Welt hat uns wieder. Ein wenig schade ist das schon. Doch wir feiern die gelungene Wanderwoche mit einem Mittagessen auf der Alm.

Toureninformationen

Literatur & Links