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Die Brennessel (Brennessel 2018)

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Die Brennessel

Brennessel

Was machen etwa 20 mit Sensen und Rechen bewehrte Kinder, Damen und Herren des Alpenvereins Leogang ein Wochenende lang auf einer im Besitz der Bayrischen Saalforste liegenden Steilwiese im Naturpark Weißbach? Offenbar viel Wind um eine Sache, die für viele Bergbauern selbstverständliche, tagtägliche Arbeitsrealität ist. Aber gemäß dem Motto „Tu Gutes und sprich darüber“ soll hier über ein Projekt berichtet werden, dass Aufmerksamkeit und auch Nachahmung verdient.

Es gibt gute Gründe, warum unsere Vorfahren den Bergen landwirtschaftlich nutzbare Flächen abgerungen haben: einerseits, weil in den oft sumpfigen Tallagen nicht ausreichend viel bewirtschaftbares Land zur Verfügung stand, weil steile Wiesen in bestimmter Hinsicht dank Schwerkraft kraftschonender bearbeitet werden konnten und nicht zuletzt, weil Vielfalt, Buntheit und damit Aroma auf den über 1000 Meter Seehöhe liegenden Magerwiesen reichlich vorhanden war. Seit aber dank Gewässerregulierung ebene Talwiesen in großem Ausmaß zur Verfügung stehen, Maschinen, die das flache Gelände lieben, die menschliche Arbeitskraft abgelöst haben, und der Geschmack unserer Lebensmittel gegenüber Verfügbarkeit und Preis in den Hintergrund getreten ist, sind Almwiesen und Steilmähder zunehmend uninteressant weil nämlich unwirtschaftlich. Man kann nachvollziehen, weshalb Bauern immer öfter ihre Almen auflassen und die steilen Mähwiesen verwildern lassen. So holt sich der Wald innerhalb einer menschlicher Generationen wieder zurück, was viele Generationen vor uns ihm in oft mühsamer Knochenarbeit abgerungen haben.

Die Bayrischen Saalforste bewirtschaften über 18000 Hektar Wald, Wiesen und Weideflächen im Pinzgau, nämlich innerhalb der Gemeindegrenzen von Unken, Lofer, St. Martin, Weißbach, Saalfelden und Leogang. Ihnen stellen sich die gleichen Fragen und Herausforderungen wie einem flächenmäßig viel kleineren Bergbauern der Region: wie umgehen mit der von den Vorgängergenerationen geerbten Kulturlandschaft?

Der Österreichische Alpenverein wiederum hat sich das Thema Naturschutz auf seine Fahnen geheftet und sich als eine der bedeutendsten Nichtregierungsorganisationen in diesem Bereich etabliert. Die Sektion Leogang des ÖAV unter ihrem Obmann Markus Mayrhofer greift dieses Engagement auf und widmet dem Thema Natur, Umwelt und Vielfalt viel Zeit bei der Arbeit mit den Kindern und Teenagern der Alpenvereinsjugend. Bereits mehrfach waren die Bayrischen Saalforste in der Person des Forstbetriebsleiters und Fachmanns Thomas Zanker Ansprechpartner bei diversen Natur-Projekten der Sektion und nicht zuletzt von da rührt auch das gute Verhältnis zwischen beiden Organisationen her.

Mit der Idee, eine seit 50 Jahren vernachlässigte, etwa 2 Hektar große Bergmähwiese im Bereich der Litzlalm in Form einer einmahdigen Wiese wiederzubeleben, konnten die Saalforste zunächst den Alpenverein Leogang gewinnen, und dieser in weiterer Folge den mit 15000 € dotierten Naturschutzpreis „Die Brennessel“ der Stiftung „Blühendes Österreich“. Ziel dieses auf 10 Jahre angelegten Projekts ist es, „dass im Rahmen einer jährlichen Projektwoche für Jugendliche der Alpenverein, der Naturpark und der Forstbetrieb gemeinsam die Mahd der Flächen auf südseitiger Exposition mit Hand-Sensen übernehmen. Damit erhalten die Jugendlichen den Artenreichtum an Tieren und Pflanzen und erfahren die körperlich schwere Arbeit der Handmahd.

Das Wort „Sense“ war vermutlich der Schlüssel, weshalb der Aufruf der Sektion an ihre Mitglieder – und auch an Nicht-Mitglieder wie etwa den Chef der Loferer Bergrettung Martin Leitinger – sich an diesem Projekt zu beteiligen, so großes Echo gefunden hat. Es scheint zwar, als hätte die alte Kulturtechnik des Hand-Mähens unserer Tage ausgedient, als müsste alles Werkzeug in Feld und Garten zumindest einen Motor haben und laut sein; doch offenbar greift so mancher nach wie vor gern auf die altehrwürdige „Saans“ zurück, einem dem Grunde nach einfachen und dann doch wieder hochentwickelten Arbeitsgerät, das es je nach Einsatzart in den vielfältigsten Ausführungen gibt. Allerdings: Mähen mit einer Sense können alle, damit arbeiten aber nur wenige, und so stellten sich die Freiwilligen zunächst im Rahmen eines Probemähens dem kritischen Blicken Leo Steiners, der auch gern mit Ratschlägen bei der Verbesserung der jeweiligen Technik behilflich war. Abgewiesen wurde selbstverständlich niemand. Mit Willi Scherzer stand den Måodan (den Mähern) zusätzlich ein Fachmann zur Seite, der sich auf das Dengeln, Wetzen und Schärfen von Sensen ausgezeichnet versteht. 

Ende Juli 2018 fand der erste von 10 Turnussen auf der bis zu 40 Grad steilen Bergwiese statt. Strahlender Sonnenschein und brütende Hitze setzten zwar dem Körper, nicht aber der Motivation der Arbeitenden zu, und so ging das Mähen von Hand in erstaunlichem Tempo voran. Hervorheben sollte man an dieser Stelle Sieg Häusl, der so viel Vorarbeit und Organisation übernommen und den Arbeitseinsatz so wunderbar vorbereitet hat, dass das Måodan so flott vonstatten gehen konnte. Bereits am ersten Tag, dem Freitag, lagen drei Viertel der etwa 2 Hektar großen Fläche aus Gras, Moos- und Himbeerstauden sauber geschnitten am Boden. Vermutlich der aufregendste Tag seit langer Zeit für dutzende Arten von Heuschrecken, Käfern, Spinnen, Fliegen und Schmetterlingen, die die Wiese an diesem Tag in ein einziges lautes Zirpkonzert tauchten. Wer immer sich an den harten Stengeln der Farnbüschel oder den Stielen des gifitigen Weißen Germers die Schneid seiner Sense ruinierte, der wurde an der mobilen Dengelstation von Willi Scherzer bestens bedient und mit geschärftem Werkzeug wieder auf den Steilhang geschickt, wobei Willi einen Tag später anmerkte, dass er überrascht war, wie lange und gut die Sensen ihre Schneid behielten. Ein Kompliment an alle  Måoda, dass sie mit ihrem Werkzeug umzugehen verstanden (wenn man von zwei gebrochenen Wårb – Sensenstielen – und einigen Zahnausfällen offenbar kariöser Rechen absieht.) Wieviel allerdings einer, der solche Arbeit täglich macht, weiterbringt, führte Georg Obwaller vulgo Ellmauer den anwesenden Amateuren vor: einem Bauern kann man in puncto Feldarbeit eben nichts vormachen.

Müde und mit der Aussicht, die Arbeit bereits am Samstag zu Ende bringen zu können, machten sich die Måoda auf zum Feierabend in der Kaltwasserhütte, wo sie von Hildegard Häusl und Antonia Gottwald, den moralischen und kulinarischen Säulen des Unternehmens, mit einer großartig duftenden Mahlzeit, mit Fleisch- und Kasnocken mit Salat empfangen wurden. Dass es außer Wasser auch Bier zu trinken gab, war der Stimmung in der Hütte nicht abträglich.

Dank der guten Vorarbeit am Freitag und zusätzlichen Arbeitskräften, die ihr Kommen für Samstag zugesagt hatten, war ein allzu frühes Aufstehen am folgenden Morgen nicht notwendig. Da noch dazu der ORF Salzburg für 10 Uhr angekündigt war, galt es, sich beim Mähen zunächst zurückzuhalten, um noch einen kleinen Fleck Wiese übrig zu haben, der für die Kamera sehr fotogen bearbeitet werden konnte. Die ersten Arbeitsstunden wurden daher auch mit einem reichhaltigen und ausgedehnten Frühstück belohnt, eine im wahrsten Sinn des Wortes „Muas“estunde für alle. Während dann schließlich die Sensenblätter kamerawirksam durch das nicht mehr ganz taunasse Gras fuhren, machten sich schon sechs Kinder der Alpenvereinsjugend mit den beiden Betreuerinnen Karina Strobl und Ulli Bauer an das „åehaign“, noch vor dem Mittagessen, das gemeinschaftlich mit den Bürgermeistern der Gemeinden Weißbach, St. Martin bei Lofer und Leogang auf der Litzlalm eingenommen wurde. Dass die Bürgermeister die ganze Zeche übernahmen, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Nach dem Mittagessen galt es schließlich, die erste und einzige Mahd 2018 auf den steilen Matten unter dem Litzlkogel mit dem „Zsåmmhaign“ abzuschließen. Unter den vielen freiwilligen Händen, die das Heu mit Rechen und Heugabel auf die erodierten Flecken oder an den unteren Rand der Bergwiese beförderten waren, auch jene der für die Stiftung „Blühendes Österreich“ tätigen Manuela Achitz, die es sich ebenso wie Revierleiter Christoph Dinger nicht nehmen ließ, an der zukünftigen Vielfalt an Tieren und Pflanzen kräftig mitzuwirken. Sie konnte sich ein Bild von der Umsetzung des von ihrer Stiftung prämierten Projekts machen und verließ die Leoganger Måoda-Gemeinschaft am Abend mit offensichtlicher Begeisterung und dem Versprechen, nächstes Jahr wiederzukommen. Gegen 17 Uhr, gerade rechtzeitig vor einem Gewitter, war der letzte Rechenzug getan und die Arbeit abgeschlossen. Die Gerätschaft wurde noch verstaut und danach erneut zur Kaltwasserhütte aufgebrochen.

Als Resümee kann man folgendes festhalten: der Alpenverein Leogang hat sich mit der Aufgabe, diese Steilfläche zu rekultivieren, ein ehrgeiziges, aber schaffbares Ziel gesetzt, vorausgesetzt, die Freude und Einsatzbereitschaft seiner Mitglieder bleibt auch in den kommenden Jahren erhalten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und die gegenseitige Anerkennung war für alle spürbar und die Freude und der Stolz über das Geleistet groß. An der Sinnhaftigkeit der Tätigkeit gab es wohl bei niemandem Zweifel. Ob unser Einsatz von Erfolg gekrönt sein wird, werden die kommenden Jahre zeigen, auf jeden Fall setzen wir damit ein bescheidenes Zeichen, dass wir Vielfalt wollen und wir landwirtschaftliche Entwicklungen, die uns Unbehagen verursachen, nicht kommentar- und tatenlos hinnehmen wollen. Nachahmer gesucht!  

Stefan Steidl

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