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Harry und Sebastian klettern die Maixkante (VI, 22 Seillängen, 700m, Dachsteinhauptkamm/Südwand) (Dachsteinhauptkamm)

Österreichischer Alpenverein, Sektion Melk
Kletterhalle Yspertal

Harry und Sebastian klettern die Maixkante (VI, 22 Seillängen, 700m, Dachsteinhauptkamm/Südwand)

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Auch Kletterer haben eine Bibel. Die nennt sich „Klettern im extremen Fels“ und wurde vor 40 Jahren von Herrn Pause verkündet. Der hat die 100 bedeutendsten Alpinkletterrouten durch die höchsten Felswände der Alpen in einem Buch vereint. Nur Routen, die nicht nur in ihrer alpinhistorischen Bedeutung herausragend sind, sondern auch wegen ihrer Routenlänge, ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer besonderen Anforderungen an Kondition, Psyche, Kletter- und Sicherungstechnik den kompletten Alpinisten fordern, wurden in das Kletterevangelium aufgenommen – die sogenannten „Pauseklassiker“ haben bis heute Gültigkeit.

Wer einen Pauseklassiker klettert, dem öffnet sich spaltbreit eine Türe, die einen flüchtigen Blick in den Kletterolymp gewährt. Die Maixkante an der berühmten Dachsteinsüdwand ist ein solcher. Und Harry und Sebastian sind sie geklettert.

Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können. Zumindest das steirische Fleckvieh hat mit aller Kraft gegen uns gearbeitet. Statt gemütlich in unseren Schlafsäcken unter den Felswänden der Türlspitzgruppe zu liegen, hockten wir auf zwei alten Lärchen während unter uns die Kühe wütend schnauben, sobald unsere Füße von den unteren Ästen baumeln. Irgendwann werden die Agro-Kühe unachtsam und wir flüchten kleinlaut.

Vom neuen Biwakplatz aus sehen wir direkt in die Dachsteinsüdwand. Bleich schimmern die Südwände des Dachsteinhauptkamms im fahlen Mondlicht. Rechts, wo die mondbeschienen Wände mit dem rabenschwarzen Dunkel der Dirndlschlucht eine scharfe, mehr als 700 m hohe Trennlinie bilden – das ist die Maixkante. Einschüchternd und unantastbar steht das bleiche Wandmonster im Licht der Vollmondnacht.

Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Rasch Gurtzeugs, Helm, Keile, Friends und den Rest der Schlosserei in die Rucksäcke gestopft. Dann geht es los. Hinter der Südwandhütte ist es gar nicht so leicht, im Stockdunkeln den richtigen Steig zu finden. Über eine Felsstufe gelangen wir unter die Dirndl-Südwand. Dort verlassen wir den ausgetretenen Weg und ziehen über Schutt und Felsplatten zur Dirndlschlucht hoch. Am Wandfuß legen wir die Gurte an, sortieren die mobilen Sicherungsmittel und seilen uns an.

Um Punkt 7:00 Uhr heben wir ab. Mit dem ersten Kletterzug verlassen wir die Dirndlschlucht und tauchen himmelwärts ein in eine über 700m hohe senkrechte Felswüste. Die erste Seillänge ist kleinsplittrig und brüchig. Aber schon bald wird der Fels kompakter. Wir gewinnen rasch an Höhe, klettern schon bald über den Wolken. Hier sind wir ganz alleine, nur senkrechter Fels, die Sonne, zwei Dohlen und wir. Den Rest der Welt weit unter uns bedeckt ein weißes Wattemeer.

Die Sonne verjagt die Nachtkälte, der sonnenbeschienene Fels wird fast freundlich warm. Rasch stellt sich unaufgeregte Routine ein – vorsteigen, Stand einrichten, nachsichern, den Seilpartner sichern, Seil freigeben, nachsteigen, Topo anschauen und wieder vorsteigen.

Die Wegfindung ist zunächst einfach, obwohl in den langen Seillängen oft nicht mehr als drei Haken stecken. Die Route zieht fast immer gerade nach oben – im Zweifel nimmt man den direkteren Weg. Hakenabstände von 10m und mehr mahnen zur Konzentration. Wer hier unvorsichtig einen brüchigen Griff belastet, fliegt lange, bevor sich das Seil strafft. Dennoch legen wir kaum zusätzliche Sicherungen. Wir fühlen uns sicher und konzentrieren uns ganz auf kontrolliertes zügiges Klettern.

Nach einigen Seillängen zieht die Schwierigkeit an. Just am Ende der Schlüsselseillänge reißt uns ein Verhauer aus dem eingespielten Ablauf. Rostige Schlaghaken und eine vermeintliche Standschlinge haben uns in die Irre geführt, bis uns ein überhängender Wandteil den Weg nach oben versperrt. Nun bleibt nichts anderes über, als an zwei wackeligen rostigen Schlaghaken abzuseilen, samt Seilmanöver zum Ausbinden, Seil abziehen und wieder Einbinden – und das mehr als 300m über der steilen Einstiegsrinne.

In der Wandmitte wechselt die Route aus dem senkrechten Risssystem der Schlüssellängen über ein schmales Band in den 100m-Kamin. Die größten Schwierigkeiten liegen jetzt unter uns. Über uns ist allerdings noch immer kein Ende absehbar. Das senkrechte Felslabyrinth scheint endlos weiterzugehen. Nach dem Kamin 3-er Gelände. An sich einfach. Allerdings sind die Seillängen nun völlig hakenlos und 60m lang. Den laut Topo vorhandenen Stand finden wir im Felswirrwarr nicht, also hängen wir jetzt 600m über dem Einstieg bloß an zwei selbstgelegten Keilen und einem Friend.

In den Ausstiegslängen zieht die Schwierigkeit noch einmal an. Außerdem sind sie unangenehm brüchig – jetzt bloß konzentriert bleiben. Nach fast acht Stunden ist es schließlich soweit. Der Gipfelkamin spuckt uns aus und unversehens stehen wir am Gipfel des Hohen Dirndls. Hinter uns die soeben durchstiegene Südwand, vor uns die Nordwand und der 150m tiefer gelegene Hallstätter Gletscher, auf den wir in drei Abseilfahrten abseilen.

Im goldenen Abendlicht steigen wir über den Hunerscharten-Klettersteig durch eine in satten Spätsommerfarben gezeichnete Berglandschaft hinunter zur Südwandhütte, die wir kurz nach einem traumhaften Sonnenuntergang erreichen. Erst im Dunkel sind wir wieder zurück am Parkplatz bei der Südwandseilbahn, den wir noch vor Tagesanbuch verlassen haben. Dazwischen liegen 15 Stunden, in denen wir den Kletterhimmel durchschreiten durften. Dieser lange Tag hat uns reich beschenkt...

Text: Sebastian

Fotos: Harry und Sebastian

 
 
 

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