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Berg 2021 (Berg 2021)

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Berg 2021

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Berg 2021 - Alpenvereinsjahrbuch

Vorwort als Leseprobe zur neuen Ausgabe

Die neue Alpenvereinskarte Karnischer Kamm als Beilage zum Jahrbuch.

Das Jahrbuch Berg 2021 inklusive der neuen Alpenvereinskarte Karnischer Kamm ist ab sofort für € 20,90 erhältlich.

Im März 2020 bekamen wir eine kleine Ahnung vom Weltuntergang. Er erreichte uns nicht laut, computeranimiert und schnell geschnitten wie im Kino, sondern langsam, leise und auf unheimliche Weise real. Die Webcams aus den Skigebieten zeigten Sonnenschein über den Bergen, jede Menge Schnee und keine Menschen. Alle waren zu Hause. Ganze Täler standen unter Quarantäne. Nicht weil ein riesiger Asteroid eingeschlagen war, sondern weil ein winzig kleines Virus mit dem komplizierten Namen SARS-CoV-2 den Globus infiziert hatte. 

Von Overtourism redete keiner mehr, nun stand das nächste Übel im plötzlich leeren Raum: Undertourism. Am 3. April 2020, mitten im „Lockdown“, erklärte der Autor Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung, wie unsere Wirtschaft funktioniert: „Ihre Grundlage ist der Kredit. Was immer sie tut, betreibt sie auf Vorschuss.“ Übertragen auf den gängigen Tourenkapitalismus heißt das: Wir gehen in Vorleistung, trainieren, kaufen Ausrüstung, fixieren Wochenenden und Urlaube, alles im Vertrauen auf den Return on Investment. Und dann rutschte das Tourenkonto nicht nur ins Minus, sondern es wurde gesperrt. Wie sollte man die verlorenen Touren, Höhenmeter, Gipfel nur wieder reinholen? Müsste man sie womöglich – abschreiben?

Die plötzliche Unverfügbarkeit der Berge, die wir zeitweise erfahren haben, kann sie uns tatsächlich näherbringen. Das sagt der Soziologe Hartmut Rosa in einem spannenden Gespräch, das der BergFokus zum Thema Wandern dokumentiert. Für den Neustart im Gebirge eröffnet so eine Sicht interessante Perspektiven. Weil man ja zunächst auf alle „riskanten“ Aktivitäten verzichten sollte, blieb nach dem Ende der strengsten Ausgangsbeschränkungen erst mal das Wandern übrig; und das ist, nebenbei bemerkt, nicht auf die Alpen beschränkt.„Warum ich lieber in den Mittelgebirgen wandere“, erklärt der Wahl-Saarländer Manuel Andrack. Seinem zeitgemäßen Lob der geografischen Nähe (deren Attraktivität, zugegeben, sehr unterschiedlich sein kann) schließt sich auch Barbara Schäfer an. Sie liebt die Berge, lebt aber in Berlin und geht gern mal vor der Haustür los. So oder so ist es verblüffend zu erleben, wie sich der Fokus verändert, wenn man jede Wanderung, auch die kürzeste, als eine Reise begreift. Bei einer Tour über die Alpen versteht sich das freilich von selbst. Der Bergführer Nani Klap-pert bewältigte die Wegstrecke von Wien nach Nizza zusammen mit Freunden etappenweise, ganz entspannt, im Verlauf von 14 Jahresetappen. „Die Berge als Sportplatz, das war mir immer schon ein Gräuel“, schreibt er. Dieser Satz berührt das Selbstverständnis des Alpenvereins, der seine Mitglieder gern als „Bergsportlerinnen und Bergsportler“ anspricht, obwohl diese in der Mehrzahl „nur“ bergwandern – und dabei genau das nicht tun möchten: Sport treiben. Gesprächsbedarf gibt es, einmal mehr, auch beim Mountainbiken, dem Gerhard Fitzthum sich aus der Perspektive des Wanderers nähert. Fußgänger und Radfahrer zusammen auf einem Weg? Nach seiner Erfahrung kann das nicht funktionieren, egal wie sehr beide Seiten sich bemühten. Wanderschuh und Berg(motor)rad verkörperten grundverschiedene Ansprüche an das Unterwegssein und Erleben, das Kräfteverhältnis der Nutzergruppen im „Shared Space“ hänge schief.

Mountainbiker sind seit ein paar Jahren, weitestgehend konfliktfrei, auch auf der Startetappe des grandiosen Höhenwegs über den Karnischen Hauptkamm unterwegs. In unserem Gebietsthema BergWelten stellen wir diese alpine Bilderbuchregion vor. Die  „Karnischen“ sind ein Grenzgebiet; der Karnische Höhenweg folgt der österreichisch-italienischen Grenze, einem ehemaligen Frontverlauf, an dem vor etwas mehr als hundert Jahren zigtausendfach getötet und gestorben wurde. Werner Koroschitz erinnert eindrucksvoll an den Krieg und die erzwungene Trennung, mehr aber noch an das, was die Menschen auf beiden Sei-ten der Berge seit Jahrhunderten miteinander verbindet. Verbindungen schaffen, das ist auch die Aufgabe des Alpenvereins. Er ist dabei auf Menschen wie Sepp Lederer und Ingeborg Guggenberger angewiesen. Der Erste ist „ewiger“ Obmann der Sektion Obergailtal-Lesachtal, die Zweite war 36 Jahre lang Wirtin des Hochweißsteinhauses – ehe sie den Betrieb an ihren Sohn übergab. Beider Lebensgeschichten zeigen, wie Gemeinnützigkeit und Geschäft zusammenpassen und obendrein noch einen Generationenvertrag erfüllen. Ungemein lesenswert ist daneben Lisa-Maria Homagks Betrachtung des Alltags im Lesachtal. Wo es nicht genügt, über die Ursprünglichkeit und Abgeschiedenheit zu schwärmen, sondern wo sich vor allem junge Menschen die existenzielle Frage stellen: „Gehen oder bleiben?“

Der Wandel in Natur und Gesellschaft ist teilweise schwindelerregend. Er verändert auch das BergSteigen. In der gleichnamigen Rubrik lesen Sie von schmelzenden Gletschern und bröckelnden Felsen, aber auch von Kletterern, die sich mit dem Hubschrauber bergen lassen, weil ihr Seil sich verklemmt hat und sie gerade keinen Diener dabeihaben, der es für sie löst. Unfassbar? Stephanie Geiger hat sich bei der Bergrettung umgehört. In ihrer Reportage über die vielzitierte Allinclusive-Mentalität schildert sie Fälle von Leichtsinn, Egoismus, Dummheit und schlichter Frechheit, dass einem beim Lesen schwindlig wird. Was tun? Mit Ausbildungsprogrammen wie risk‘n‘fun versucht der Alpenverein, Jugendliche zu selbstverantwortetem Handeln anzuleiten. Doch zuallererst sind es natürlich die Eltern, die diese Aufgabe von Beginn an übernehmen – indem sie ihren Kindern Werte vorleben und Naturerfahrungen vermitteln, was Stefan Steinegger sehr anschaulich beschreibt.

Persönlichkeiten bilden sich auch aus Erinnerungen. Es gibt einen schönen und klugen Satz über BergMenschen.Er ist im generischen Maskulinum formuliert und heißt: Der beste Bergsteiger ist der, der am ältesten wird. So gesehen ist Hermann Huber, der 2020 seinen 90. Geburtstag feierte, ein aussichtsreicher Kandidat. Tom Dauers Porträt der Münchner Alpinlegende ist voller wunderbarer Anekdoten und nährt beim Lesen einmal mehr den Verdacht, dass Biografien wie diese heute nicht mehr möglich sind – weil Bergsteiger (und andere Menschen) heute zwar von fast allem wesentlich mehr besitzen, von einem aber wahrscheinlich nicht: echte, unveräußerliche Freiheit.

Wollte er bei seiner Gründung vor eineinhalb Jahrhunderten die alpinen Freiräume noch erkunden und erschließen, muss der Alpenverein seine alpinen Arbeitsgebiete heute vor allem absichern. Berge sind zwar keine Virenschleudern, als Steinschleudern  aber gewissermaßen „Superspreader“. Eine neue Methode soll helfen, Naturgefahren auf alpinen Wegen richtig zu erkennen und abzuwehren. Im BergWissen wird sie vorgestellt. Was wir außerdem wissen: Der Berg lässt sich nicht „besiegen“, er „schlägt“ auch nicht zurück, und schon gar nicht „rächt“ er sich. Natur zu schützen bedeutet nichts anderes, als uns Menschen das Leben auf der Erde angenehm zu gestalten. An Naturschutzgesetzen mangelt es dabei nicht, wie Margarete Moulin in einer aufwühlenden Recherche festgestellt hat, wohl aber am politischen Willen, diesen auch Geltung zu verschaffen. Ob es jeder und  jedem von uns einmal möglich sein wird, die Rechte der Natur vor Gericht einzuklagen – so wie in Ecuador, wo die „Pacha Mama“ als Rechtssubjekt gilt?

Es sind Worte und Begriffe wie diese, es ist überhaupt die Sprache, die uns die Umwelt erschließt. Sprache kann Räume eröffnen, die wir selbst nie betreten werden. Räume, wie sie der reisende Wanderer und literarische Grenzgänger Christoph Ransmayr aufspannt; ihm ist in der Rubrik BergKultur ein Porträt gewidmet. „Gipfel und Wände zu besteigen, aus eigener physischer und geistiger Kraft“, sei eine „Kunst“. So steht es in der Erklärung, mit der die UNESCO Ende 2019 den Alpinismus in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen hat. Aber wie verträgt sich diese „Kunst“ mit dem Wettkampf- und Konkurrenzdenken im Berg-Leistungssport? Der abschließende Essay von Andi Dick skizziert einen möglichen Ausstieg aus dem olympischen Höher-Schneller-Schwerer – und damit auch aus der „Steigerungslogik“, von der Hartmut Rosa spricht. Wer diesen Ausstieg schafft, bekommt zur Belohnung keine Goldmedaille, aber dafür etwas anderes: Unabhängigkeit.