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Wissen und Praxis: Bergwandern - Bergsteigen

Buchbesprechung von Wolfgang Guttmann

Für den  Münchener Bergverlag Rother scheint die Zusammenarbeit  mit dem Autor Olaf Perwitzschy, einem erfahrenen, staatlich geprüften Bergführer und Sportjournalisten mit abgeschlossenem Sportstudium, ein besonderer Glücksgriff gewesen zu sein. Das Ergebnis war  nämlich ein Fachbuch, das mit seinem eigentlich sehr weit gefassten Titel „Bergwandern -Bergsteigen“  einen kompakten und äußerst konzentrierten Blick auf dieses Thema wirft. Dieses  Lesebuch, Fachbuch, Nachschlage-Werk ist es wert, in unserer Heimbibliothek einen Platz zu bekommen.

Unsere Sehnsucht nach natürlichen und ursprünglichen Landschaften bedingt einen Drang „Natur“ kennenzulernen und zu erfahren. Häufig  ist dies  mit diversen sportlichen Aktivitäten verknüpft. Daher sind Wissen und Erfahrung  für diese Begegnungen mit der Natur, speziell  in unseren Berglandschaften,  von großer Bedeutung.

Eine „geistige Wanderung“ durch dieses Buch sollte einen guten Überblick und Eindruck vermitteln.

Bei den allgemeinen Voraussetzungen wird auf möglichst ganzjähriges Training zur Erlangung einer Grund-Kondition verwiesen, für den Urlaub auf kürzere Eingeh-Touren.  Die Ernährung muss auch schmecken und sollte ganz allgemein viele komplexe Kohlehydrate beinhalten. Süßigkeiten wirken nur kurz. Alkohol taugt nur zum Gipfelschluck.

Unsere heute verfügbare Palette an besten Ausrüstungsprodukten sollte man vorher immer testen.  Die angebotenen Bekleidungsmaterialien mit ihren Isolierschichten und Schutzschichten werden differenzierend  angesprochen. Das Gleiche gilt für die „Hardware“ bezüglich Rucksack, Helm, Gurt, Steigeisen und Seil.

Die Tourenplanung nimmt im Buch einen wichtigen Raum ein. Muss es eine bestimmte Tour sein? Gibt es Alternativen? Hat die Gruppe schon längst gebucht?                                                                           Wetter, Jahreszeit, die Verhältnisse vor Ort, „Fluchtmöglichkeiten aus der Tour“, Gruppengrößen und deren Homogenität, Zeitplanung  mithilfe von Gehzeit-Berechnungen, Vor-und Nachteile von Geh-Richtungen (Wasserversorgung, Sonnenexposition), Essen und Trinken, An-und Abreise unter Berücksichtigung von Öffis, Ausweichtouren und Fahrgemeinschaften sind Themen dieses Abschnitts. Die dazu im Handel angebotene Führerliteratur ist schon „gefiltert“. Internet-Vorschläge sollte man immer mit Vorsicht betrachten. Bei auftretenden Problemen ist die „größte Stärke“ der Mut zum Umkehren!

Das Thema Orientierung wird heute einerseits von altbewährten Hilfsmitteln  wie Karte, Fotos  und Kompass, andererseits von den immer stärker ausgereiften, technischen Produkten wie Höhenmesser und GPS beherrscht. Wenn man alle Informationen über ein uns unbekanntes Gebiet zusammenträgt, ist man verwundert über die verfügbare Fülle. Zum Thema „Karte“ überzeugt im Buch  die Darstellung eines Vergleichs einer Karte 1:25000 mit einer anderen mit dem Maßstab 1:50000. Letztere stellt ein Gelände viermal so klein dar. Beim Thema „Höhenmessung“ erfahren wir, dass bei extremen Wettersituationen der Luftdruck bei einer Tour einen Anstieg bis zu 150 Meter am Höhenmesser anzeigen kann. Das würde eine starke Wetterverschlechterung erahnen lassen.                      Das „Global Positioning System“- GPS ist satellitengestützt und arbeitet mit 24 Satelliten auf 6 Umlaufbahnen. Für das Funktionieren im Gelände sind aber nur mindestens 4 nötig. Nur mit GPS unterwegs zu sein, ist nicht anzuraten. Die Batterie-Laufzeiten sind oft zu  gering, die eindrucksvollen technischen Möglichkeiten aber unbestritten. Ausführliche Tipps und Infos dazu finden sich im Buch.

Mit dem Kapitel Gehen am Berg werden Ausdauer, Eingehen, Pausen,  Tempowahl sowie das Herz/Kreislauf-Training angesprochen, denn Herzversagen ist statistisch die häufigste Todesursache beim Bergsport. Die Psychische Verfassung ist nicht zu vernachlässigen, denn Angst kann bis zur Bewegungsunfähigkeit führen. Auf ausgesetzten Steigen ist erhöhte Konzentration nötig – „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!“  Bezüglich der Geh-Technik folgen wertvolle Hinweise auf die verschiedenen Gelände, wie Schutt und Geröll, Gras mit seiner besonderen Gefährlichkeit bei Nässe, auf Probleme bei Laub und dünnen Schneeauflagen. Zum Gehen mit Stöcken ist zu bedenken, dass damit eine Entlastung von Gelenken und der Wirbelsäule von bis zu 20% erreicht werden kann, das bedeutet auf langen Touren bis zu 250(!)Tonnen.

Unter Schrofen und Fels geht es ausführlich um Sicherung beim Klettern, um Klettersteige, Gurte, Klettersteigsets und weitere Ausrüstungskomponenten. Zahlreiche Farbfotos veranschaulichen die Sicherungstechniken, das sichere Auftreten unter dem Körperschwerpunkt und das Abseilen. Ein interessantes Detail: Bei Klettersteigen sind technisches Versagen selten der Grund für Unfälle – eher Steinschlag, Wetter, Gewitter.

Gehen auf Schnee und Eis befasst sich mit dem Einsatz von Steigeisen, der auch viel Kraft kostet und nur angebracht  ist, wenn es nötig ist. Stolpern und Hängenbleiben der Zacken an Kleidungsstücken können unangenehme bis dramatische Auswirkungen haben. Aber es kann auch die Bewegung auf Schnee viel Spaß machen, wenn man im Frühsommer im sicheren Gelände mit den Schuhen auf Altschneefeldern „abfährt“.  Im steileren Gelände können Stürze im Schnee nicht ungefährlich sein. Ein rasches „Umdrehen“ in die Bauchlage mit raschem Einnehmen einer Liegestütz-Position kann dann ein schnelles und gefährliches Abrutschen verhindern. Achtung: Immer Handschuhe tragen!                 Viele Bilder und genaue Beschreibungen betreffen die Sicherungsmöglichkeiten im Schnee durch einen  T-Anker , das Begehen von Gletschern in verschiedenen Seilschafts-Größen, eine detaillierte Darstellung einer  Spaltenbergung, die richtige Verwendung eines Pickels sowie das Absteigen am Eis.

Berge sind gefährlich, ihre Besteigung ist mit unterschiedlichem  Risiko verbunden. Viele empfinden eine gewisse „Sucht“ nach dem Ungewissen. Man will aber dort nicht sterben! Auf  unterschiedlichen Leistungsniveaus lassen wir uns auf unterschiedliche Risiko-Niveaus ein. Dabei setzt sich der Geübte und Erfahrene letztlich  weniger Gefahren aus. Im Kapitel  Alpine Gefahren wird darauf hingewiesen, dass Abstürze nur im Promill-Bereich unverschuldet sind( z.B. Seilriss ). Das Verhalten bei Steinschlag-Gefährdung wird ebenso erläutert, wie die Probleme Verirren, Dunkelheit, Überanstrengung. Biwakieren ist oft eine gute Notlösung,  manchmal auch ein absichtlicher Genuss. Eine der unangenehmsten Erfahrungen am Berg sind aufziehende Gewitter. Panikflucht bringt keine Entschärfung der Lage, jedoch sollte man  weg von exponierten Stellen, von Metallgegenständen, von Bäumen. Klettersteige müssen verlassen werden.  Kleine Felsüberhänge bieten ebenfalls keinen Schutz (Körper als Kurzschlussbrücke!). Höhlen müssen ausreichend tief sein.  Sogenannte „Wärmegewitter“ kann man „aussitzen“, bei „Kaltfrontgewittern“ sollte man schnell weg, denn der Temperatursturz kann oft bis zu 15° ausmachen.

Der Ersten Hilfe widmet sich ein weiteres, ausführliches Kapitel. Zuerst geht es um den „Segen“ des Handys, der leider nicht überall zu „empfangen“  ist. Wichtig ist, dass man gesagt hat, wo man hingegangen ist. Und wenn etwas passiert ist: Raus aus der Gefahrenzone, Ruhe bewahren, Mut machen!  Bei Blutverlusten von ½ Liter kann es schon zu einem Schockzustand kommen. Daher bei Wunden Druckverbände legen, im Extremfall sogar mit dem Finger die Arterie abdrücken. Die Gliedmaßen dürfen aber nicht absterben. Das Schienen von Knochenbrüchen, die Mund-zu-Mundbeatmung +Herzdruckmassage, das Verhalten bei Kreislauf-Problemen, Erschöpfung, Schock und Bewusstlosigkeit werden eingehend behandelt. Der europaweite Notruf 112 kann dabei lebensrettend mit dem Handy abgesetzt werden – bei Bedarf auch ohne PIN, ausschalten, SIM-Karte kurz entfernen und wieder einsetzten und dann 112 wählen. Selbstverständlich wird das Alpine Notsignal (6x/min ein Zeichen geben, etwa Pfeifen, Rufe, Winken, Licht – dann 1min Pause) in Erinnerung  gerufen und das Verhalten bei Hubschrauberbergungen besprochen.

Die Erklärungen betreffend das Bergwetter sind kompakt, verständlich und praxisorientiert. Die Luftmassen-Verhältnisse in unseren gemäßigten Breiten werden erläutert, Tiefdruck- und Hochdruckgebiete veranschaulicht und mit den Phänomenen Warmfront, Kaltfront, Wolkenbildung, Föhn, Wärme- und Kaltfrontgewitter, Abend- und Morgenrot geht es schon  ins  praktische „Eingemachte“.  Elf Buchseiten sind dafür anberaumt.

Mit 3 kürzeren Kapiteln über Kinder im Gebirge ( im Kinderwagen, im Tragetuch, in der Kraxe, im Übergang zwischen Getragen werden und selbst Gehen, beim Sichern), Schneeschuhgehen ( Technik, Ausrüstung) und einer Knoten-Lehre( Achterknoten, Halbmastwurf, Mastwurf und Prusikknoten) geht dieses bestens gelungene Buch zu Ende.

Olaf Perwitzschky: Bergwandern – Bergsteigen, Wissen und Praxis, 200 Seiten, 255 Farbbilder, 24 Grafiken, 7 Tabellen, Bergverlag Rother, München, ISBN 978-3-7633-6032-1, € 20.50

Rezensent: Wolfgang Guttmann

 
 
 

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