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Neue Risikoanalyse für Bergwege (Neue Risikoanalyse für Bergwege)

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Neue Risikoanalyse für Bergwege

Ragnar

Ein Team von Tiroler Experten hat ein Analysetool entwickelt, mit dem das Risiko von Naturgefahren auf Bergwegen beurteilt werden kann. Damit soll auch inflationären Wegsperren begegnet werden. Gesperrt wird, wenn das Risiko nicht mehr akzeptabel ist, betont wird auch die Eigenverantwortung.

Es war im September 2016 als im Karwendel einige Felsblöcke auf den Zustieg zur Bettelwurfhütte niederstürzten. Es folgte eine eineinhalb Jahre lange Sperre des Weges, der selbst nach Felsräumungsarbeiten nicht freigegeben wurde, da Geologen noch immer unsichere Felsblöcke erkannten. Vor allem einheimische Bergsteiger hatten dafür kein Verständnis. Sie argumentierten damit, dass hier immer wieder etwas niedergeht und man am Berg nie ohne Risiko unterwegs ist.

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Der Weg über die Sajatscharte in der Venedigergruppe musste gesperrt werden                       © Walter Würtl

Das nun entwickelte Werkzeug unter dem Namen „RAGNAR“ nimmt auch den Blickwinkel eines Bergsteigers ein, wie der beim Alpenverein für Hütten und Wege zuständige Peter Kapelari erklärt: „Unser Ansatz war, dass man nicht die Gefahrenquelle anschaut, sondern dass man probiert, das tatsächliche Risiko zu beurteilen“. Dabei wird vorausgesetzt, dass Menschen in den Bergen freiwillig ein erhöhtes Risiko akzeptieren.

Zusammenarbeit vieler Experten

Entwickelt wurde RAGNAR von Tiroler Alpinexperten unter anderem vom Alpenverein, dem Land Tirol oder dem Kuratorium für Alpine Sicherheit. Mitgearbeitet haben Geologen und auch die Meinung von Juristen, der Staatsanwaltschaft und des Landesgerichts wurde eingeholt.

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RAGNAR soll auch leichtfertigen Sperren vorbeugen, die dann wenig Akzeptanz finden
© Alpenverein/Peter Kapelari

RAGNAR

„RAGNAR“ ist eine Abkürzung für „Risiko Analyse gravitativer Naturgefahren im alpinen Raum“. Entwickelt wurde das Projekt vom Alpenverein und dem Land Tirol, begleitet und umgesetzt wurde es von der LO.LA Peak Solutions GmbH.


Laut Kapelari ist das neue Instrument nicht für jeden Bergweg gedacht. Sinnvoll sei der Einsatz bei fragwürdigen Fällen, den „Bauchwehwegen“, wie sie Kapelari nennt. Wie der Experte für alpine Sicherheit und Bergführer Walter Würtl erklärt, fließen in eine solche Analyse drei Aspekte ein. Erstens sei das ein Experte mit „alpinem Hausverstand“, etwa ein Bergführer, der sich die Stelle ansieht.

Oft verraten einem solchen Experten sogenannte „stumme Zeugen“, wie frisch angebrochene Steine oder in Baumrinden geschlagene Wunden etwas über die Steinschlagtätigkeit. Dann würden lokale Experten wie Hüttenwirte oder Jäger befragt und drittens werde recherchiert, ob und wie oft es an dieser Stelle schon Unfälle gegeben hat. Laut Würtl kommen in den Tiroler Bergen pro Jahr etwa ein bis zwei Menschen durch Steinschlag ums Leben.


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Ein stummer Zeuge eines Felssturzes in jüngerer Zeit                                                                   © Walter Würtl

Rascher Check mit Online-Rechner

Letztlich geht es darum zu erheben, wie oft etwa ein Stein durch eine Felsrinne herunterstürzt und zu schauen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Mensch getroffen wird. In die Analyse fließt deshalb auch ein, wie viele Menschen auf einem Weg unterwegs sind und wie lange sie sich im Gefahrenbereich aufhalten. So macht es einen großen Unterschied, ob eine Steinschlag-gefährdete Rinne in wenigen Sekunden gequert wird oder in der Rinne eine Viertelstunde lang aufgestiegen werden muss. Keine vollständige Analyse aber einen ersten Check kann auch der allgemein zugängliche Online-Rechner bieten.

Auf „schwarzen“ Wegen höheres Risiko akzeptabel

Durch die dreifache Erhebung gelangt man letztlich zu Zahlen, und die werden in Beziehung dazu gesetzt, welches Risiko akzeptabel und ob das „Schutzziel“ erreicht wird. Dieses Ziel ist auch von der Gruppe der Wegnutzer abhängig. Man geht davon aus, dass ein Bergsteiger auf einem „schwarzen“ Bergweg ein höheres Risiko in Kauf nimmt als ein Wanderer auf einem „roten“ Weg. Vorausgesetzt wird auch, dass man auf schwarzen Wegen mit mehr Eigenverantwortung, Können und Erfahrung unterwegs ist.

Eine Wegsperre ist für Kapelari nur die letzte Möglichkeit. Weitere Maßnahmen könnten etwa Hinweisschilder sein, betreffende Stellen rasch zu queren, Fixseile die eine schnellere Passage ermöglichen oder Sperren nur zu besonders gefährlichen Zeiten.


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Wegsperren sind für Kapelari nur der letzte Ausweg                                                                     © Walter Würtl

Strafe nur bei grober Fahrlässigkeit

Vermehrt kam es vor allem in Westösterreich in den letzten Jahren zur Sperre von Wegen. Neben klimabedingten Veränderungen wie auftauendem Permafrost oder häufigeren Starkregen stand hinter mancher Wegsperre auch die Angst vor einer Haftung im Schadensfall. Nicht in allen Fällen mag diese Angst begründet gewesen sein, denn eine Haftung droht einem Wegehalter in Österreich nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz.


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Statt Sperren können auch Hinweistafeln ein Mittel der Wahl sein                                                 © Land Tirol

Auch hier bietet RAGNAR einen Vorteil, wie der Leiter des Landschaftsdienstes beim Land Tirol, Günther Zimmermann sagt. Im Zweifelsfalle könne mit einer RAGNAR-Analyse dokumentiert werden, dass man sich dem Thema Steinschlag professionell gewidmet hat. Was das Juristische betrifft, sei man guter Dinge, so Zimmermann, weil man von Juristen eine Bestätigung der Überlegungen bekommen habe.

Staatsanwaltschaft sieht es positiv

Der Leiter der Innsbrucker Staatsanwaltschaft Josef Rauch schreibt in seiner Stellungnahme zu RAGNAR, inflationäre Wegsperren seien in Tirol keine Alternative. Bei gewissenhafter Anwendung und Einhaltung der Regelung sollte es vorbehaltlich der Prüfung im Einzelfall keine besonderen strafrechtlichen Probleme geben.

RAGNAR soll nicht nur in Tirol und Österreich verwendet werden, sondern ist auch als künftiges EUREGIO-Projekt gemeinsam mit Südtirol und dem Trentino geplant.

Hermann Hammer, tirol.ORF.at

 
 
 

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