Österreichischer Alpenverein

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Energiewende: Erneuerbar ist nicht gleich nachhaltig

Allerweltslandschaft
Leerer Speichersee
Staumauer von unten
 

Der Österreichische Alpenverein hat nach seinen Satzungen und als gesetzlich anerkannte Umweltorganisation die Verpflichtung, sich für den Erhalt der alpinen Bergwelt in ihrer Ursprünglichkeit und Vielfalt einzusetzen. Dieser Auftrag besteht nicht nur im Namen seiner über 400.000 Mitglieder, sondern wird im demokratischen Spiel der Interessengruppen vom ÖAV als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden. Zugleich ist die Bewahrung alpiner Landschaftsressourcen nicht nur eine Frage des Natur- und Umweltschutzes, sondern hat auch vielfältige soziale und ökonomische Dimensionen.

Am 27. September 2011 war der „Global Overshoot Day“, der auf Deutsch auch „Welterschöpfungstag“ genannt wird. Es ist jenes Datum, das die Organisation „Global Footprint Network“ jährlich errechnet und festlegt, ab wann die Menschheit für den Rest des Jahres Bioressourcen aus der Substanz des Planeten verbraucht. Die ungleiche Verteilung des Reichtums und der Produktivkräfte zwischen Ländern und Kontinenten bedeutet, dass dieser globale Stichtag ein Durchschnittswert ist. Österreich alleine betrachtet hatte seinen Welterschöpfungstag heuer am 18. Mai, die USA bereits am 1. April.
Das Diktum von der Nachhaltigkeit verlangt, dass der „Welterschöpfungstag“ nicht vor dem 31. Dezember jeden Jahres erreicht wird oder womöglich noch später, um Ressourcen für unvorhersehbare schlechtere Zeiten anzusparen. 

Insofern steht der ÖAV allen ernst gemeinten Ankündigungen einer Energiewende grundsätzlich positiv gegenüber. „Die Zukunft im Energiesektor muss nachhaltig, effizient und mit erneuerbarer Energie sein“, trommelt Österreichs Umweltminister Niki Berlakovich seit Monaten und fügt gerne hinzu: „Meine Vision ist die Energieautarkie Österreichs mit 100 Prozent Erneuerbaren aus heimischer Produktion. Das ist bis 2050 machbar.“

Eine regionale Energieautarkie hält der ÖAV für nicht zielführend. Denn je kleiner eine derartige Autarkieeinheit ist, desto mehr müssen Vorkehrungen zum Ausgleich zwischen den Produktionsbedingungen einzelner Energieformen und Verbrauchsspitzen getroffen werden. Das führt zwangsläufig zum Aufbau von Überkapazitäten und zusätzlichem Landschaftsverbrauch. Systeme regionaler Energieautarkie sind nicht zu verwechseln mit Passiv- und Plus-Energiehäusern, die so konstruiert sind, dass sie ohne Fremdenergie auskommen oder sogar Energieüberschüsse ins Netz liefern können. Innovationen in diese Richtung sind selbstverständlich positiv einzuschätzen.

Als die Welt im Frühjahr 2011 durch die Atomkatastrophe von Fukushima erschüttert worden ist, haben viele Menschen verstanden, dass die AKW-Renaissance unter dem Deckmantel des Klimaschutzes ein Ende haben muss und nicht nur der weitere AKW-Ausbau zu stoppen ist, sondern es mittelfristig zum kompletten Ausstieg aus dieser lebensverachtenden Technologie kommen muss.

Spätestens seit Fukushima wittern viele ProponentInnen erneuerbarer Energien Morgenluft, und speziell im Alpenraum ist es kaum noch möglich, über all die Projekte den Überblick zu behalten, die angedacht, geplant oder schon in Bau sind. Dazu gehören Windparks, die verschiedenen Formen der Solarenergie und insbesondere Wasserkraftprojekte. Gerne wird dabei so getan, als wären die Begriffe „erneuerbar“, „ökologisch“ und „nachhaltig“ identisch.

„Wir brauchen eine Energiewende, bei der Einsparungen und Effizienzsteigerungen zentrale Ziele sind. Global, aber auch in Österreich, werden deutlich mehr Ressourcen verbraucht als zur Verfügung stehen. Ein Viertel des Jahres lebt die Weltgemeinschaft derzeit auf Kosten künftiger Generationen – dieses ruinöse Wirtschaften muss ein Ende haben.“ (Robert Renzler, Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins)

Es stimmt: ist ein Windrad erst einmal errichtet, ein Staudamm für einen Speichersee gebaut, gehen von diesen Anlagen nur noch geringe CO2-Emissionen aus. Aber wie viele Ressourcen gehen für den Bau auf? Ein paar beispielhafte Zahlen zu den umstrittenen Windparks auf den Brennerbergen: Für die geplanten 31 Windkraftanlagen braucht es acht Kilometer neue/ausgebaute Straßen, 100.000 m³ Beton und Stahl würden verbaut, 15.000 Lkw-Fuhren wären ebenso nötig wie die Errichtung von zwei Materialseilbahnen. Was aber in diesem Zusammenhang fast noch schwerer wiegt, ist die Zerstörung von 200.000 m² Landschaftsfläche und eine schwere Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, die weit über das durch das Projekt entwertete Landschaftsschutzgebiet hinausgeht.
Der § 2 Absatz 1 der Satzungen des Österreichischen Alpenvereins lässt gegenüber derartigen Projekten nur eine eindeutige Ablehnung zu:

Es ist Zweck des Vereins, das Bergsteigen, alpine Sportarten und das Wandern zu fördern und zu pflegen – dies in Eigenverantwortung seiner Zweigvereinsmitglieder –, die Schönheit und Ursprünglichkeit der Bergwelt zu erhalten, die Kenntnisse über die Gebirge zu erweitern und zu verbreiten und dadurch auch die Liebe zur Heimat zu pflegen sowie die Wissenschaft und Forschung in diesem Bereich zu fördern. Er ist dem alpinen Natur- und Umweltschutz verpflichtet.

Wo also Projekte für erneuerbare Energie mit der schweren Beeinträchtigung und Zerstörung von alpiner Landschaft und Ökosystemen einhergehen, müssen ProjektbetreiberInnen und politische ProponentInnen mit dem Widerstand des Alpenvereins rechnen. Das Landschaftsbild einer Gebirgskette und ein unverbauter Flusslauf, von dem noch kein Wasser abgeleitet wird – das sind wertvolle und rar gewordene Ressourcen, die nicht energiewirtschaftlichen Interessen geopfert werden dürfen.

Schlegeisgrund - Blick Richtung Schlegeiskees
"Dr. Karl Kaser 1904" (alle Rechte bei Hermann Kaser)

Schlegeisgrund - Blick Richtung Schlegeiskees
"Dr. Karl Kaser 1904" (alle Rechte bei Hermann Kaser)

Schlegeisgrund mit alter Dominikushütte
"Dr. Karl Kaser 1904" (alle Rechte bei Hermann Kaser)

Schlegeisgrund mit alter Dominikushütte
"Dr. Karl Kaser 1904" (alle Rechte bei Hermann Kaser)

Schlegeisgrund - Blick Richtung Schlegeiskees

Schlegeisgrund - Blick Richtung Schlegeiskees

Schlegeisgrund heute mit Staumauer (131 m)

Schlegeisgrund heute mit Staumauer (131 m)

 

Eine zweite Argumentationsschiene kommt gleich gewichtig hinzu: Der Ankündigung von der Steigerung der Energieeffizienz und dem Willen, künftig Energie sparen zu wollen, folgen vielfach keine oder nur unzulängliche Taten. Innerhalb der EU beschränkt sich der Erfolg der Maßnahmen darauf, dass der Energieverbrauch in den letzten zehn Jahren durchschnittlich nur noch um 0,2 % gestiegen ist und damit geringer als das BIP mit 1,3 % im Jahresdurchschnitt. Aber der Energieverbrauch steigt weiter, anstatt dass er endlich sinkt! Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur IEA laufen die Szenarien bis 2035 auf einen bestenfalls stagnierenden Energieverbrauch hinaus. Dabei soll der Anteil der erneuerbaren Energien in den nächsten 25 Jahren von derzeit sieben auf 17 bis 27 % steigen. Die Wasserkraft spielt in allen Szenarien eine eher marginale Rolle und wird in den Studien und Plänen EU-weit annähernd konstant mit zwei Prozent Anteil am gesamten Primärenergieverbrauch angenommen.

Tatsächlich wären Wege in eine effizientere und sparsamere Energiezukunft vorgezeichnet: Studien – wie jüngst eine des Instituts für Höhere Studien im Auftrag von Greenpeace – gehen davon aus, dass in Österreich bis 2050 eine Halbierung des Energieverbrauchs möglich wäre. Primär werden dabei Maßnahmen im Wohnbau (Wärmedämmung, Solaranlagen) und im Verkehr (E-Mobilität, öffentlicher Verkehr) angesprochen. Andere Experten – wie der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker – gehen davon aus, dass die Effizienz von einer Kilowattstunde Strom verfünffacht werden könnte – ohne weitere Zerstörung von Landschaftsressourcen und ohne Verzicht auf Lebensqualität und Komfort!

Der Grazer Volkswirtschafter Stefan Schleicher formuliert in einem Beitrag für das Magazin des ÖAV „Bergauf“ (Heft 4/2011) im Zusammenhang mit den begrenzten Natur- und Landschaftsressourcen: „Gerade deshalb müssen wir so etwas wie eine Kopernikanische Wende in unserem Umgang mit Energie vollziehen. Nicht woher Energie nehmen, sondern wofür Energie verwenden – das wird die Orientierung für ein zukunftsfähiges Energiesystem abgeben. Dafür sollen wir unsere Fantasie durch einige schon jetzt absehbare Trends inspirieren lassen.“

Derzeit muss man leider den Eindruck gewinnen, dass der auf Kosten der Ökologie und Landschaft vorangetriebene Ausbau „erneuerbarer“ Energien dazu dient, die Wachstumsraten beim Energieverbrauch abzudecken und der Energiewirtschaft hohe Profite zu sichern. Dazu zwei Beispiele:

  • In Tirol wurde 2009 und 2010 alle zweieinhalb Wochen ein neues Wasserkraftwerk genehmigt (Bericht der Tiroler
    Umweltanwaltschaft 09/10).
  • Obwohl nur noch ein Zehntel der Fließgewässer in den Alpen unverbaut ist, soll bis 2020 nach dem Ökostromgesetz 2012 die Wasserkraft in Österreich um 4 TWh ausgebaut werden. Tatsächlich übertreffen die aktuell geplanten 218 Neubauvorhaben mit einer Gesamtleistung von 8 TWh die Ziele der Bundesregierung um mehr als das Doppelte.

Eine derartige Energiepolitik, von der zahlreiche sensible Gebiete betroffen sind, lehnt der ÖAV strikt ab. Denn was geschieht dann in 30 oder 40 Jahren, wenn der letzte Bach aufgestaut ist und die Alpen in einen riesigen Windpark verwandelt sind?

Das größte Kraftwerk der Welt heißt Energiesparen und Energieeffizienz. An diesem Paradigma hat sich eine ernst gemeinte Energiewende zu orientieren. Daher sollten aus der Sicht des Alpenvereins zumindest großflächige Eingriffe in die Natur so lange Tabu sein, bis Effizienzsteigerungsmöglichkeiten und Einsparungsreserven ausgeschöpft sind. Der Ausbau erneuerbarer Energien muss sich auf Formen beschränken, die tatsächlich nachhaltig und naturverträglich sind und nicht wie Landschaftsfresser die Ressource Landschaft als Basis für den Alpintourismus (insbesondere im Sommer) entwerten. In diesem Zusammenhang erwartet sich der ÖAV seitens der Tourismuswirtschaft eine Haltungsänderung. Es ist unredlich, in Wort und Bild mit unverbrauchter Landschaft zu werben, zugleich aber mit immer noch mehr Liftanlagen, Beschneiungsteichen und Hoteldörfern maßgeblich zum Verbrauch alpiner Ressourcen beizutragen.