Österreichischer Alpenverein

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Alpenschutz durch Energieeffizienz

Vortrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker bei der Hauptversammlung des Österreichischen Alpenvereins am 15. Oktober 2011 in Mayrhofen

Ich freue mich sehr, hier zu sein und will zunächst daran erinnern, dass heute am 15. Oktober 2011 europaweit große Demonstrationen stattfinden gegen die Banken. Zu meiner großen Erleichterung hat diese neue Bewegung in den USA begonnen, von wo der Skandal herkommt und ich werde mir gestatten am Ende die Frage: „Was ist da los?“ ein kleines Stück weit zu beantworten. Im Grunde weiß doch jeder schon, dass es moralisch aber auch wirtschaftspolitisch skandalös ist, wenn Banken große Gewinne machen, ihre Manager mit verschiedenen Boni fürstlich belohnen und wenn die Spekulation nicht so geklappt hat, dann lässt man die Steuerzahler alles wieder ausbaden. Und jetzt fängt man gerade wieder von vorne an. Das ist nicht tolerabel. Und deswegen bin ich sehr froh, dass endlich wieder ein paar Leute auf die Straße gehen, um zu sagen: „Wir sind das Volk, es gibt auch noch andere als euch in den Wirtschaftskathedralen.“ Wo das Ganze energiepolitisch aber auch gesellschaftspolitisch moralisch basiert, das will ich ganz zum Schluss nochmal erwähnen.

„Diejenigen, welche die Schönheit der Alpen verteidigen, stehen auf der progressiven Seite. Denn sie veranlassen die Gesellschaft dazu, einen technischen und zivilisatorischen Fortschritt voranzutreiben, der auch für unsere Urenkel noch funktioniert. Von dem was die heutigen Modernisten vertreten, weiß man heute schon, dass das für die Zukunft unsere Urenkel vollkommen unbrauchbar ist, weil es nur um kurzfristige Sofortgewinne und Eintagsfliegen geht. Sie vom Alpenverein gehören zu den Langfristigen – und die Zukunft gehört den Langfristigen und nicht den Kurzfristigen.“

(Ernst Ulrich von Weizsäcker in der Diskussion nach seinem Vortrag)


Vortrag bei der Hauptversammlung am 15. Oktober
Vortrag bei der Hauptversammlung am 15. Oktober
Ernst Ullrich von Weizsäcker
 

Zur Person

  • Geboren 1939, Sohn des Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker.
  • Studienabschlüsse in Physik und Biologie. Universitäre Karriere, Leitung diverser Institute und wissenschaftlicher Zentren mit Schwerpunkt Umweltpolitik, u.a. Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie (1991–2000).
  • Funktionen in und für die SPD, u. a. Bundestagsabgeordneter 1998–2005 (während dieser Zeit Vorsitzender Enquetekommission Globalisierung und Vorsitzender des Umweltausschusses).
  • Mitglied des Club of Rome, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und der World Academy of Art and Science.
  • Zahlreiche Publikation und Auszeichnungen.


Buchtipp

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Karlson Hargroves Michael Smith: Faktor Fünf - Die Formel für nachhaltiges Wachstum; Verlag Droemer Knaur; 431 Seiten, 23,70 €

http://ernst.weizsaecker.de

"Wir können aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl fünf Mal, eines Tages 20 Mal, so viel Wohlstand herausholen wie heute. Das ist technisch kein Problem aber politisch und ökonomisch ist es ein Problem.“

Aber jetzt zum Thema des Tages. Es geht also um Effizienzrevolution und ich behaupte, wir können eine Effizienzrevolution machen im Umgang mit der Energie. Wir können aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl fünf Mal, eines Tages 20 Mal, so viel Wohlstand herausholen wie heute. Das ist technisch kein Problem aber politisch und ökonomisch ist es ein Problem.

Die Entwicklung der revolutionären technologischen Verbesserungen nennt man gerne „Kondratjew-Zyklen“. Benannt nach dem russischen Wirtschaftshistoriker Nikolai Kondratjew, der Anfang der 1920er-Jahre diese Theorie der großen Zyklen aufgebaut hat und dann Stalin zu unangenehm wurde, sodass er ihn umbringen hat lassen. Später hat der österreichisch-amerikanische Ökonom Joseph Schumpeter verkündet: „Wir wollen Kondratjew zu Ehren diese langen Zyklen „Kondratjew-Zyklen“ nennen.“ Die ersten fünf „Kondratjew-Zyklen“ haben zwar gewaltigen Wohlstand geschaffen aber sie haben sich immer tiefer in die Natur hinein gegraben.

Das heißt, der Natur ist es im Verlauf dieser Zyklen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlechter gegangen. Nun haben wir aber nur eine Erde und nach der Messung der sogenannten „ökologischen Fußabdrücke“ sind wir jetzt schon dabei, wesentlich mehr zu verbrauchen, als eine Erde hergibt. Das heißt, noch so ein Wachstumszyklus mit noch mehr Schädigung der Natur, halten wir gar nicht aus.

Wenn wir in die Elendsquartiere in Sao Paulo, Accra, Manila oder sonst wo auf der Erde schauen, dann sagen wir: „Wir brauchen dringend noch mehr Wohlstand“. Aber wenn wir noch mehr Wohlstand wollen, dann müssen wir einen ganz anderen Wachstumszyklus machen, einen „grünen“, wo erneuerbare Energien im Vordergrund stehen – wobei das hat nichts mit Parteizugehörigkeit zu tun. Ich behaupte, für den Schutz der Alpenschönheit wird es von zentraler Bedeutung sein, dass wir diese Effizienzrevolution schaffen.

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Kondratjew-Zyklus

"Wir können aus einer Kilowattstunde oder einem Fass Öl fünf Mal, eines Tages 20 Mal, so viel Wohlstand herausholen wie heute. Das ist technisch kein Problem aber politisch und ökonomisch ist es ein Problem.“

 

„Ich behaupte, die Destabilisierung der polaren Eismassen wäre um ein vielfaches schlimmer, als der entsetzliche Reaktorunfall in Fukushima. Und trotzdem tritt die Klimadiplomatie vollständig auf der Stelle. Da passiert nichts.“

Österreich hat ja nicht auf Fukushima gewartet um zur Entscheidung gegen die Atomkraft zu kommen, das war sehr gut. Aber deshalb jetzt zurück zur Kohle zu gehen, wie das zum Beispiel in Deutschland im Moment ganz massiv passiert, das ist mit Sicherheit verkehrt. Das ist Wahnsinn in Sachen Klima. Denn die Klimasituation verändert sich ja gewaltig. Alleine im letzten Jahr hat es etwa ein halbes Dutzend riesiger Katastrophen gegeben. In Pakistan hat der Hindus ein Gebiet überschwemmt, das größer ist als Österreich und rund um Moskau hat es wochenlang gebrannt. Wer zur Zeit meiner Kindheit gesagt hätte, in Russland brennt es, der hätte nur völliges Unverständnis geerntet. Heute ist das Realität geworden und inzwischen ist nicht mehr Pakistan überschwemmt, sondern Thailand und andere Teile von Südostasien. Das eigentlich Besorgniserregende hat aber in der Öffentlichkeit praktisch keine Aufmerksamkeit erfahren: Ein Eisberg mit einer Fläche von 260 Quadratkilometern – ich nehme an, fast so groß wie das Zillertal – ist mechanisch vom Grönlandeis abgebrochen.

Es scheint ein Indiz dafür zu sein, dass wir im Begriff sind, das Grönlandeis zu destabilisieren. In einem Zeitraum von lediglich zehn Jahren hat sich die Fläche die im Sommer in Grönland von Süßwasser überschwemmt ist, etwa verdreifacht oder vervierfacht. Da sieht man jetzt, wie im Sommer vertikale Flüsse – fast von der Wassermasse des Inn bei Innsbruck – nach unten schießen, den Untergrund schlüpfrig machen und wer weiß, wie lange das gut geht. Vor 7.800 Jahren war ein Gebiet in Nordostkanada, das wir heute „Hudson Bay“ und „Labrador“ nennen, ein Eisgebirge von der volumenmäßigen Mächtigkeit des Grönlandeises und das ist in allerkürzester Zeit mechanisch instabil geworden, weil es vermutlich Risse gegeben hat. Dann ist es ins Meer gerutscht. Die „Hudson Bay“, wie man ja weiß, die ist ja Meer. Das heißt, ein Teil des Labradoreises saß über Meer.

Genauso ist es in Grönland. Etwa ein Viertel des Grönlandeises sitzt auf einer riesigen Meeresbucht. Und jetzt stelle man sich vor, dass da mehrere solcher Flüsse einfach durchfließen, dann kommt die ganze Sache ins Rutschen. Wir spielen da wirklich mit dem Feuer. Wenn das Grönlandeis weg ist, dann ist etwa die Hälfte von Bangladesch unter Wasser, die Hälfte von Florida, praktisch das gesamte industrielle Gebiet von Ägypten, die Hälfte von Finnland, Dänemark und den Niederlanden, Teile von Norddeutschland, usw. Die ganzen Wachstumszonen in Asien, wo die österreichische und deutsche Wirtschaft ihre Exporterfolge feiern, das liegt doch alles am Meer. Ich behaupte, die Destabilisierung der polaren Eismassen – es geht nicht nur um Grönland, es geht auch um die westantarktische Eisplatte – wäre um ein vielfaches schlimmer, als der entsetzliche Reaktorunfall in Fukushima. Und trotzdem tritt die Klimadiplomatie vollständig auf der Stelle. Da passiert nichts.

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Das Grönlandeis schmilzt.

„Ich behaupte, die Destabilisierung der polaren Eismassen wäre um ein vielfaches schlimmer, als der entsetzliche Reaktorunfall in Fukushima. Und trotzdem tritt die Klimadiplomatie vollständig auf der Stelle. Da passiert nichts.“

 

Vor knapp zwei Jahren gab es in Kopenhagen die große Klimakonferenz, wo Präsident Obama extra hingekommen ist und alle politischen Führer der Welt. Aber da ist nichts rausgekommen, außer ein paar freiwilligen Versprechungen. Und die Entwicklungsländer sagen: „Wir sind gar nicht dran beim Umwelt- und Klimaschutz“. Die haben in ihren Köpfen die verführerische „Kuznets-Kurve“, die auch Österreich durchlaufen hat. Man fängt an „arm und sauber“, dann kommt die Industrialisierung, dann wird man „reich und schmutzig“ und dann wird man so reich, dass man anfängt mit Gewässerschutz, Luftreinigung, Bodenschutz und was es alles gibt. Dann ist man am Ende „reich und sauber“ und denkt, die Welt ist in Ordnung. So kann es einem passieren, dass man dann zu einer Klimakonferenz geht und redet mit irgendeinem Vertreter von Paraguay, Niger oder Indien und sagt denen: „Liebe Leute, die Klimafrage geht uns alle an, auch euch. Warum sagt ihr immer, es sei alleine Aufgabe des Nordens?“ Dann kann es passieren, dass die sagen: „Naja, wir sind ja noch nicht reich und schmutzig, wieso sollen wir dann jetzt schon etwas tun? Und ihr habt diese CO2-Konzentration ja über mehr als ein Jahrhundert in die Atmosphäre gepustet. Ihr seid dran." Und dann sagen die US-Amerikaner, gestützt auf einen einstimmigen Beschluss ihres Senats: „Wir Amerikaner machen nur dann mit, wenn die großen Entwicklungsländer mitkommen“, und dann sagen die Europäer: „Wir haben ja mit dem Kyoto-Protokoll schon mal eine gewisse Vorleistung gemacht, wir können jetzt nicht noch weiter gehen, wenn die Amerikaner nicht mitmachen“. Und damit ist das Patt perfekt. Das heißt, es passiert nichts mehr. Genau die gleiche diplomatische Situation war in Cancún, vor knapp einem Jahr, genau die gleiche Situation finden wir in zwei Monaten in Durban in Südafrika vor. Das Einzige was dort rauskommen wird, sind finanzielle Versprechungen des Nordens für klimafreundliche Technologien im Süden und Anpassungen an den unausweichlich gewordenen Klimawandel. Aber was an finanziellen Versprechen von bankrotten Staaten zu halten ist, das wissen wir alle.

Die Klimadiplomatie ist in einer katastrophalen Lage und es liegt nicht daran, dass die „Kuznets-Kurve“ existiert, sondern dass sie bezüglich CO2 noch gar nicht da ist. In Bezug auf CO2-Konzentrationen in der Emission kann man sagen, je höher die Emission, desto reicher ein Land. Wenn die Entwicklungsländer jetzt erst einmal auf den CO2-intensiven Gipfel raufgehen, dann ist es zu spät, für das Grönlandeis und vermutlich auch die westantarktische Eisplatte und es kommt zu der Katastrophe mit dem Meeresspiegel. Also müssen wir den Entwicklungsländern helfen oder beibringen, diese Kurve zu durchtunneln. Aber es geht niemand in einen Tunnel rein, wenn er nicht weiß, dass Licht am Ende des Tunnels ist. Erst recht wenn es teuer ist, dann geht sowieso niemand rein. Das heißt, da müssen wir auch finanziell etwas machen.

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Kuznets-Kurve
 

Das ist keine ganz einfache Aufgabe. Das Ziel ist eine Verminderung der CO2-Emissionen weltweit um 80% und bei den reichen Ländern um 90%. Es gibt drei Möglichkeiten: entweder weniger CO2 in der Energie oder weniger Energie im Wohlstand oder weniger Wohlstand. Ich war auch zeitweise im deutschen Bundestag und dort Vorsitzender der Enquete-Kommission Globalisierung und dann Vorsitzender des Umweltausschusses. Jedenfalls weiß ich auch aus dieser Zeit – auch aus meiner Wahlkreisarbeit –, dass weniger Wohlstand politisch schwierig zu verkaufen ist. Also konzentriert sich die Diskussion auf weniger CO2 in der Energie oder vielleicht weniger Energie im Wohlstand. Heute hört man immer: „Weniger CO2 in der Energie“. Das kann sich jeder vorstellen.

Das war auch das Argument der Atomlobby vor Fukushima, einige sagen es heute noch. Natürlich sagt es auch die Lobby der erneuerbaren Energie. Dann gibt es noch die Idee, das CO2 chemisch abzufangen und dann im Erdreich irgendwo zu vergraben oder in die Tiefsee runter zu pumpen. Da kann man sagen, das heißt sehr viel Geld versenken und ob man das politisch durchsetzen kann, bezweifle ich. Im Übrigen gibt es keine geologisch physikalische Garantie, dass es da unten bleibt. Also, ich bin nicht prinzipiell dagegen, aber zu glauben, dass das die Lösung sei, halte ich für eine blanke Illusion.

Was denn dann? Was ist mit Bioenergie? Jetzt sehen wir in Österreich und in Deutschland überall wuchernde Maisfelder gigantischen Ausmaßes, so weit der Horizont reicht und in Tropenländern ist es noch schlimmer, da sind es die Palmölplantagen, das sind alles ökologische Wüsten. Ich halte das nicht für die richtige Form.

Wie ist es mit den Lieblingen der deutschen Ökopolitik? Photovoltaik – ja, kann man machen. Jetzt gibt es in Sachsen eine Photovoltaikplantage, die ist so groß wie ein Flugplatz. Oder Windräder, das sind doch auch schön angenehme Nachbarn. Oder eben die Wasserkraft. Da gibt es überall jede Menge Konflikte. Und wie ist es mit Geothermie? Da muss man tief graben, tiefer als die Zugspitze oder der Großglockner hoch sind. Das ist alles, solange es im bescheidenen Rahmen bleibt, ökologisch ganz vernünftig und verantwortbar. Ich würde nie dafür plädieren, die existierende Wasserkraft in den Alpen zurückzubauen. Das war im Prinzip eine ganz vernünftige Investition, vor allem im 19. Jahrhundert, wo man nichts anderes hatte. Aber das nun weiter auszubauen, halte ich für hochproblematisch. Bei Windenergie ist es etwas weniger problematisch, wenn man das in der Nordsee oder Ostsee macht. Da wohnen wenigstens nicht so viele Menschen und die Vögel lernen, irgendwie drum herum zu fliegen. Bei der Geothermie kann man auch noch einiges machen und Photovoltaik auf dem eigenen Hausdach – das ist ja alles ganz vernünftig. Aber wir müssen uns überlegen in welche Dimension wir vorstoßen müssen, wenn das Ganze weltweit von der Energieversorgung her Sinn machen soll. Nun haben wir Europäer uns ja entschieden, 20% unseres Energiebedarfs bis 2020 mit neuen erneuerbaren Energien zu füttern. Das können wir machen. Und nehmen wir mal ganz optimistisch an, die Amerikaner, die Kanadier, die Japaner, also die alten Industrieländer, machen da mit, dann ist es zusammen vielleicht knapp eine Milliarde Menschen. Und das sind dann 20% für eine Milliarde Menschen, wie viel ist das von der Gesamtaufgabe? Das ist 1/35, denn es ist ein Fünftel für eine Milliarde, und eine Milliarde ist ein Siebtel der Gesamtbevölkerung.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wir veranstalten eine weltweite Verfündunddreißigfachung der Palmölplantagen, der Maisplantagen, der Wasserkraftwerke, der Windkraftwerke, der Photovoltaik und der auch etwas bescheideneren klassischen Sonnenenergie. Eine Verfünfunddreißigfachung dessen, was wir Europäer für 2020 anstreben, halte ich für eine ökologische Katastrophe, einen Albtraum. Deswegen bin ich dafür, dass wir eine im Prinzip ganz andere Strategie fahren. Nämlich zwei Drittel der Hausaufgaben durch Erhöhung der Energieeffizienz und ein Drittel durch CO2-freie Energie, das ist dann immer noch größenordnungsmäßig eine Verfünffachung bis Verzehnfachung der erneuerbaren Energien gegenüber unserem Ziel von 2020. Ich bin gar nicht gegen den Ausbau von erneuerbaren Energien an denjenigen Orten, wo das gut hinpasst aber eine Verfünfunddreißigfachung heißt, dann sind sie überall wo sie nicht hinpassen. Das ist die Frage, ob wir diese revolutionäre Verbesserung der Effizienz wirklich hinkriegen. Das wäre also der neue „Kondratjew-Zyklus“.

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Kostenspieliges Versenken von CO2
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Die Lieblinge der deutschen Ökopolitik
 

Nun ist glücklicherweise die Effizienz heute schon im Großen und Ganzen profitabel, das ist die einzige Großmaßnahme, die nach den Berechnungen von McKinsey heute schon CO2-Verminderung mit einem Profit verbindet. Bei zusätzlichen Energieangeboten einschließlich neuen Atommeilern wird man ärmer, wenn man CO2 vermindert. Dagegen bei Effizienz wird man reicher, wenn man CO2 vermindert. Das ist natürlich das, was wir wollen, aber es ist noch nicht gut genug. Der allergrößte Teil der möglichen Maßnahmen finden ja fast gar nicht statt, weil sie in der weltweiten Konkurrenz um höchste Kapitalrenditen unterliegen. Sie mögen vielleicht eine Kapitalrendite von 5% pro Jahr haben, aber da gibt es andere Maßnahmen, die haben 20% pro Jahr – also werden diese genommen. Also es genügt nicht alleine die Rentabilität, sondern es muss eine hohe Rentabilität sein, damit es wirklich stattfindet.

Jetzt eine kleine Rückerinnerung an unseren Physikunterricht. Wir rechnen uns einmal aus, wie viele Kilowattstunden wir benötigen würden, um einen 10l-Eimer Wasser von der Höhe des Meeresspiegels auf den Gipfel des Mount Everest zu heben. Der gesunde Menschenverstand in Amerika sagt einem – das habe ich ausgetestet – so etwa 500 Kilowattstunden. In Europa haben wir ein etwas anderes Wahrnehmungsvermögen und sagen vielleicht 100 bis 200. Ist aber auch falsch. Die Antwort lautet eine Viertelkilowattstunde! Das heißt also, aus einer Kilowattstunde können wir etwa hundert Mal oder noch mehr herausholen, als uns der gesunde Menschenverstand nahe legt. Diesen Phantasiesprung müssen sie mit mir und mit den Ingenieuren unternehmen, um auf eine physikalisch und technologisch realistische, aber für unseren gesunden Menschenverstand völlig ungewohnte Revolution zu kommen. Das ist der Grundgedanke von dem erwähnten Buch „Faktor Fünf“, das ich mit einem australischen Co-Autorenteam zunächst auf englisch geschrieben habe. Dann haben wir es ins Deutsche übersetzt und gleichzeitig aktualisiert und ein bisschen verschlankt. Die Chinesen haben glücklicherweise die deutsche Ausgabe als Vorlage genommen. Es gab das Vorläuferbuch „Faktor Vier“, das wurde auch ins Chinesische übersetzt und dann haben mir die Chinesen gesagt, das ist ein ganz schlechter Titel. „Faktor Vier“ klingt laut ausgesprochen auf Chinesisch wie „Faktor Tod“. Wer manchmal nach China kommt sieht, dass die Chinesen die Zahl 4 vermeiden, so wie wir die Zahl 13 vermeiden. 4 ist die Unglückszahl. Da haben mir die Chinesen gesagt, „nenn es doch Faktor 8, wenn du eine vernünftige Zahl haben willst". Nur, Faktor 8 das war mir ein bisschen zu hoch gegriffen, auch wenn 8 die Glückszahl in China ist. Also gut, „Faktor Fünf“ ist der gute Kompromiss.

Ich nenne jetzt einige konkrete Beispiele für die Energieeffizienzsteigerung: Man kann Autos bauen mit Carbonfasern, also sehr leicht und sehr robust, die nur noch 1,2 Liter brauchen pro 100 Kilometer. Das Passivhaus – von Wolfgang Feist in Darmstadt entwickelt – das hat eine etwa 10-fache Energieeffizienz. Meine Familie und ich leben in so einem Passivhaus. Wir haben wirklich eine wunderbare Wohnqualität und praktisch kein Energieverbrauch mehr. Die Tiroler waren klug und haben Wolfgang Feist jetzt zum Professor nach Innsbruck berufen. In älteren Ländern wie Deutschland und Österreich ist natürlich heute die Altbausanierung viel wichtiger als Neubauten. Vor der Sanierung haben diese Häuserblocks im Wesentlichen die Umgebung geheizt – das ist natürlich nicht das Ziel.

Ein anderes Thema ist Portlandzement. Das ist eine Dinosaurier-Technologie und die meisten Zementwerke auf der Welt, vor allem in China, glauben immer noch, das sei die einzige technische Möglichkeit. Wenn man stattdessen Flugasche aus Kraftwerken nimmt oder Hüttensand aus der Eisenherstellung, dann braucht man plötzlich nur noch ein Fünftel der Energie. Dann die Leuchtdioden anstelle der alten Glühbirnen oder Erdbeerjoghurtlogistik – das ist so ein spezielles Beispiel: Als ich noch am Wuppertalinstitut war, hatte ich eine wunderbare Mitarbeiterin, Stefanie Böge, die die Transportintensität der Herstellung von Erdbeerjoghurt untersucht hat. Da kam heraus, die Lastwagen fahren 8.000 Kilometer kreuz und quer durch Europa, bis der Erdbeerjoghurt auf dem Frühstückstisch landet. Das ist natürlich der komplette Wahnsinn, aber es war betriebswirtschaftlich rational. Denn der Tonnenkilometer kostet fast gar nichts und die menschliche Arbeitskraft in den dezentralen Molkereien hat viel Geld gekostet. Also hat man die kleinen Molkereien platt gemacht, einige riesige zentralisierte Molkereien errichtet und das Problem auf die Straße verlagert.

Die Verkehrsstruktur ist ja vor allem in den USA fürchterlich. Ich habe sechs Jahre meines Lebens in den USA gelebt und da kann man sich ohne Auto gar nicht vernünftig bewegen. Außer in der Zeit wo ich in New York war, da konnte ich mit der U-Bahn fahren, das ging, aber ansonsten braucht man in Amerika ein Auto. Ein Gegenbeispiel ist ein Stadtviertel in Freiburg, da haben 90% der Familien kein Auto, aber volle Mobilität. Kopenhagen ist eine Radfahrerstadt, und das ist eine Millionenstadt. Manche Geschäftsreisen kann man ganz vermeiden durch sogenannte „Telepräsenzkonferenzen“. Die eine Seite des Zimmers ist ein Bildschirm und da sieht man dann die Leute jenseits des Atlantiks in genau der gleichen Möblierung sitzen. Nach einigen Minuten merkt man gar nicht mehr, dass da ein Ozean dazwischen ist. Also eine wunderbare Technik. Ich gebe allerdings zu, dass die Substitution der Flugreisen im Urlaubsverkehr etwas schwieriger ist.

Die Abwasserreinigung ist natürlich furchtbar wichtig, vor allem für Entwicklungsländer heute, das ist auch ein Faktor 5 bis 10 in der Wasserproduktivität, dann Aluminium aus Schrott, statt aus Bauxit, das ist auch etwa ein Faktor 10. Es wird im Moment viel zu viel gebaggert, stattdessen müsste man eigentlich die Stoffe wieder verwenden. Die Japaner, Südkoreaner und inzwischen auch die Chinesen haben das gesetzlich verankerte Ziel der Kreislaufwirtschaft und sagen: „Eigentlich sollten wir auf Dauer die Müllhalden und die Müllverbrennungsöfen abschaffen“.

Ich leite zusammen mit einem Inder das internationale Ressourcenpanel von den Vereinten Nationen und da haben wir eine Arbeitsgruppe „Metalle“. In einem Bericht, der vor einem halben Jahr publiziert worden ist, geht es um den Recyclinggrad der Hochtechnologiemetalle, z.B. der Seltenen Erden oder Indium und Gallium, das man für viele hochtechnische Anwendungen braucht oder Lithium für Autobatterien. Die Recyclingraten von diesem Metall liegen unter einem Prozent. Das ist unglaublich. Diesen Wert zu verzehnfachen ist chemisch, technologisch absolut lösbar, nur ist es heute nicht ökonomisch, deswegen wird es nicht gemacht. Wir sind in der EU sehr stark abhängig vom Import von solchen Metallen, bei manchen sogar zu 100%. Das heißt im Übrigen auch, aus einer Tonne Handyschrott kann man etwa 50 Mal mehr Gold herausholen, als aus einer Tonne Golderz aus Südafrika.

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Altbausanierung

Der Hauptgegner mit dem wir dann auch immer wieder zu kämpfen haben heißt „Rebound-Effekt“. Das ist ein uraltes Phänomen, William Stanley Jevons, hat vor 150 Jahren angeschaut was passierte, nachdem James Watt mit seiner Dampfmaschine eine Vervierfachung der Kohleeffizienz für die Herstellung mechanischer Energie gegenüber den davor laufenden Maschinen entwickelt hat. Da hätte man naiverweise annehmen müssen, dass der Kohlebedarf dann auf ein Viertel zurückgeht. Das Gegenteil ist erfolgt, er hat sich verzehnfacht. Das heißt also, Effizienz alleine wird das Problem nicht lösen, sondern es muss auch irgendwo entweder ein ökonomisches Signal oder menschliche Vernunft dazu kommen, sonst wird alles wieder verpulvert in zusätzlichem Konsum. Das ist der „Rebound-Effekt“. Den gibt es auch heute noch.

In den USA hat man in der Ölkrise der 1970er-Jahre gelernt, wir müssen effizienter mit der Energie umgehen und dann hat es tatsächlich eine Verminderung der Energieintensität gegeben, aber gleichzeitig bei extrem niedrigen Energiepreisen einen ungeheuren Anstieg des Energieverbrauchs.

Der „Rebound-Effekt“ zwingt uns zu neuem Denken bei staatlichen Eingriffen. Mit lauter Einzelregulierungen schaffen wir das nicht, es birgt viel zu viel Bürokratie, überlegen sie sich zum Beispiel: Sie haben das Erdbeerjoghurt-Bild noch im Kopf, eine Erdbeerjoghurt-Transportintensitätsbegrenzungsverordnung. Dazu 100 oder 1.000 andere Verordnungen – das kann man theoretisch alles machen. Nur, das ist ein wahnsinniger Aufwand und bringt nicht genug. Demgegenüber müssen wir heute marktwirtschaftlich denken und die Preise sprechen lassen. Jetzt geht es um ein Umdenken bei der Produktivität. Die fünf „Kondratjew-Zyklen" von denen ich am Anfang gesprochen habe, das war im Wesentlichen das Programm der Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität. Eine großartige Entwicklung. Und jetzt müssen wir lernen – wo der Faktor Arbeit ja gar nicht mehr knapp ist, sonst hätten wir keine Arbeitslosigkeit – die Ressourcenproduktivität zu verfünffachen zu verzehnfachen und später noch mehr. Wir müssen von der Industriegeschichte lernen. Die Arbeitsproduktivität ist in jedem Land der Erde und in jedem Jahrzehnt der Geschichte grosso modo parallel mit den Bruttolohnkosten pro Stunde gestiegen. Der Mechanismus ist ganz einfach. Steigt die Arbeitsproduktivität, können die Arbeitnehmer/Arbeitnehmerinnen höhere Löhne durchsetzen, steigen die Löhne wächst der Rationalisierungsdruck, steigt wieder die Arbeitsproduktivität wachsen wieder die Löhne und das ist ein Ping-Pong das 100 oder 150 Mal hin und hergegangen ist und am Ende hat man eine Verzwanzigfachung der Arbeitsproduktivität. Eine fantastische Erfolgsgeschichte, die wir jetzt bei den Ressourcen wiederholen sollten.

Tatsächlich sind die Ressourcen in den letzten 200 Jahren immer billiger geworden, weil baggern, pumpen und transportieren immer billiger geworden ist. Das heißt also, der Anreiz mit Ressourcen effizient und elegant umzugehen, ist im Laufe von 200 Jahren gesunken und nicht etwa gestiegen. Was machen wir da? Die Ressourcen teurer machen, so einfach! Wir müssen politisch dafür sorgen, dass die Preise einigermaßen wieder die ökologische Wahrheit sagen. Die Märkte machen das nicht, dann muss es der Staat machen. Ich habe damals als Co-Präsident einer Arbeitsgruppe im sogenannten „China Council“ in Peking mit einer internationalen Expertengruppe und einer chinesischen Gruppe die Idee von einem Preiskorridor entwickelt, in dem der Markt sich austoben kann, der aber konsequent, vom Staat beschlossen, nach oben treibt und zwar gerade so schnell, dass die Effizienzerhöhung immer gerade gut mitkommt, genau wie bei den Löhnen. Also einfach dieses Ping-Pong wiederholen. Die Chinesen waren begeistert und haben gesagt, „das ist ja wunderbar für China, denn, wir wissen ganz genau, unseren rasanten Wohlstandspfad können wir ja gar nicht fortsetzen, wenn wir nicht endlich dramatisch ressourceneffizienter werden“. Deswegen habe ich auch so großen Wert darauf gelegt, dass das Buch ins Chinesische übersetzt wird. Das wird dort jetzt von den Leuten, die es lesen, angesehen, als eine Art von Blueprint für den 12. Fünfjahresplan, den sie vor einem halben Jahr beschlossen haben, ich würde sagen, das ist praktisch inzwischen Regierungspolitik.

Also die Idee ist, Energie- und Rohstoffpreise parallel zu den Effizienzgewinnen anzuheben, dann bleiben die monatlichen Kosten im Durchschnitt ungefähr konstant, das heißt auch, man kann die Preise manchmal senken, wenn sie spekulativ nach oben springen. Und dann kann man immer noch für die ärmsten Schichten der Bevölkerung, weil der technische Fortschritt ja bei denen später ankommt, als bei den Begüterten, eine Art von Billigsockel macht. Das haben die Südafrikaner gemacht, die sogenannte „Lifeline“ die lautet: „Der Mindestverbrauch von Energie und Wasser ist billig und dann wird es teuer“. Das kann man machen, damit das Ganze nicht in das soziale Elend führt und im Übrigen führt es ins wirtschaftliche Elend sowieso nicht. Denn: wenn wir durch eine solche Preispolitik verhindern, dass Österreich oder Deutschland ständig in Multimilliardenumfang Geld nach Saudi-Arabien oder sonst wohin pumpen müssen, um Energie einzukaufen, dann wird das ja weniger, dann verlieren wir weniger Geld und wir substituieren Saudi-Öl durch österreichische Ingenieurtätigkeit. Das ist auch gut für die Volkswirtschaft. Die Japaner haben das in den 70er-Jahren schon einmal vorgemacht. Sie hatten damals große Angst davor, dass sie völlig abhängig waren von Energieimporten, darum haben sie die Energie viel teurer gemacht. Nebenbei haben sie viel zu viele Atomkraftwerke gebaut: Jedenfalls war die Energie erstmal sehr teuer und da hat natürlich der Industrieverband fürchterlich gejammert und gesagt, „das ist das Ende der japanischen Industrie“. Das kennen sie auch von der Industriellenvereinigung in Österreich und von entsprechenden Leuten in Deutschland, so reden die immer. Aber was ist passiert? Es sind ein paar Dinosaurier ausgewandert und stattdessen haben die Firmen Hochtechnologien gemacht. Also z.B. haben sie die Digitalkamera erfunden oder Hochtechnologiekeramik oder den superschnellen Zug Shinkansen oder die fünfte Computergeneration. Sie haben innerhalb von 15 Jahren den riesen Vorsprung der Amerikaner aufgeholt. Und nach 15 Jahren Höchstpreispolitik war Japan das technologisch führende und wettbewerbsfähigste Land der Erde. Danach ist es dann wieder schief gegangen, nach 1990, das hatte aber völlig andere Gründe. die nichts mit dem Energiepreis zu tun hatten.

„Wir müssen politisch dafür sorgen, dass die Preise für Ressourcen einigermaßen wieder die ökologische Wahrheit sagen.“

„Die Idee ist, Energie- und Rohstoffpreise parallel zu den Effizienzgewinnen anzuheben, dann bleiben die monatlichen Kosten im Durchschnitt ungefähr konstant.“

„Stellen sie sich vor, der ganze Altbaubestand in Österreich würde auf Passivhausstandard umgerüstet, das ist ein Beschäftigungsprogramm für das österreichische Handwerk für 40 bis 50 Jahre.“

 

Und nun ist die Frage: Wo sind die Gewinner, wo sind die Verlierer dieser Strategie? Gewinner, würde ich sagen, sind alle die sich vernünftig benehmen. Zum Beispiel die Handwerker: stellen sie sich vor, der ganze Altbaubestand in Österreich würde auf Passivhausstandard umgerüstet, das ist ein Beschäftigungsprogramm für das österreichische Handwerk für 40 bis 50 Jahre. Auch die bäuerliche Landwirtschaft wird gewinnen, die Ökobranche, Schienenverkehr, Wartung, Recycling und natürlich die Natur. Also es gibt ein paar Verlierer, die werden jammern und sind meistens überrepräsentiert in der Politik. Aber ich würde denken, insgesamt kann man dieses Spiel gewinnen. Wie ist es geographisch? Die Gewinner sind Europa, Ostasien und die rohstoffarmen Entwicklungsländer, das sind zusammengenommen etwa 90% der Weltbevölkerung. Verlierer? Das sind die üblichen Verdächtigen, die nie gelernt haben, mit Energie effizient umzugehen: Nordamerika, Russland. Ich möchte gerne eine politische Allianz der Gewinnerländer: Europa, Ostasien, rohstoffarme Entwicklungsländer. Das könnte man in Durban schon mal anstoßen. Wenn wir pro Kopf gleiche Emissionsrechte politisch vereinbaren würden – auch das könnten wir in Durban im Prinzip tun – dann wären die Entwicklungsländer automatisch mit im Boot.

Aber nicht nur wegen des Klimas – und damit komme ich jetzt auf die Bankengeschichte – sollten wir Fronten machen gegen die Dominanz der angloamerikanischen Denkweise, weil deren Grundvorstellung von Ökonomie, Staat und Menschenbild, kommen mir persönlich krank vor. Das fängt an mit Thomas Hobbes, das war vor 350 Jahren. Er hat einfach behauptet, der Mensch sei von Natur aus eine egoistische Bestie, da kann man nichts machen, da braucht man eine Diktatur um diese Bestie zu knebeln und zu zähmen. Keine besonders angenehme Vorstellung aber zu der Zeit war in Kontinentaleuropa der Absolutismus das übliche, also wir sollten darüber nicht besonders spotten. Und dann kamen gut 100 Jahre später Adam Smith, er hat gesagt, natürlich sind das egoistische Bestien aber der Markt kann die auch zähmen. Da braucht man keine Diktatur und Adam Smith war ein kluger Mann, er wollte wenigstens noch einen starken staatlichen Rechtsrahmen für den Markt weil er genau wusste, dass es sonst, was wir heute nennen, Mafiawirtschaft gibt. Wir brauchen einen starken Rechtsrahmen. Da war noch eine Balance dabei.

Und dann kam wieder 100 Jahre später Herbert Spencer, ein Freund von Charles Darwin. Der hat gesagt, wir brauchen überhaupt keinen Staat mehr. Wenn die Starken gegen die Schwachen kämpfen und die Starken gewinnen, dann wird die Gesellschaft immer stärker, das nennt man Evolution und das ist doch die beste aller Welten. Von ihm gibt es eine scheußliche Anekdote: Als er in New York zu Gast war und dort tausende neue angekommene Einwanderer krepieren sah, weil sie nichts zu essen hatten und Sozialsystem gab es keines. Und dann rief er aus: „Wir sind die privilegierten Beobachter der Evolution bei ihrer Arbeit.“

Diese Art von Mentalität, hat sich ganz tief eingefressen in das angelsächsische Denken: Wir brauchen eigentlich keinen Staat. Auf dieser Basis haben dann Milton Friedman, Gary Becker und einige andere Ökonomie-Nobelpreisträger ihre moderne Ökonomietheorie entwickelt – sozusagen die Grundphilosophie der Banken: „Wir dürfen alles, denn wir sind ja die freie Marktwirtschaft und das ist im Prinzip immer effizienter, als das was der Staat zu Stande kriegt.“ Staat nennen sie grundsätzlich Bürokratie. Das geht natürlich schief, ist aber die Devise bei dieser „Tea-Party“, die den guten Präsidenten Obama am Regieren hindert. Aber eben für die Bankiers auch.

Dieser Denkweise können wir Europäer eigentlich überhaupt nicht zustimmen. Es gibt auch große Nebenschäden der Ungleichheit. Ökologisch sowieso jede Menge, aber auch soziale. Da gibt es ein sehr schönes Buch „Gleichheit ist Glück“ und es wird gezeigt, wie wachsende soziale Ungleichheit mit anderen Dingen korreliert, etwa bei Geisteskrankheiten, der Zahl der Gefängnisinsassen, einer hohen Schulabbrecher-Quote und vieles andere mehr. Auch das Misstrauen in der Gesellschaft wächst mit der Ungleichheit. Das ist kein großes Wunder und ich glaube, dass niemand hier im Raum den Zuwachs von Geisteskrankheiten für ein wünschenswertes Ergebnis hält. Das heißt also, wir haben guten Grund diese ganze Mentalität nicht zu akzeptieren, sondern stattdessen wieder eine kultivierte Gesellschaft aufzubauen, in welcher auch die Umwelt und die Langfristigkeit eine zentrale Rolle spielen.

(Transkribierte und redigierte Version des Vortrags mit Autorisierung durch Ernst Ulrich von Weizsäcker)