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Erschließung des Piz Val Gronda / Vesiltal / Ischgl (Erschließung des Piz Val Gronda / Vesiltal / Ischgl)

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Erschließung des Piz Val Gronda / Vesiltal / Ischgl

Piz Val Gronda im Winter cc ÖAV

Seit knapp 30 Jahren wird die Erschließung des Areals südlich der Gampenbahn mit dem Piz Val Gronda geplant. Trotz massiver Proteste von Naturschutzorganisationen erteilte die Tiroler Landesregierung im September 2012 die naturschutzrechtliche Bewilligung und das BMVIT im März 2013 die seilbahnrechtliche Konzession für die Erschließung
des Piz Val Gronda. 

Das Engagement des ÖAV wird durch jahrelange Bestrebungen und Bemühungen verschiedener Wissenschaftler und Umweltorganisationen unterstützt. Darüber hinaus wird das Gebiet um den Piz Val Gronda explizit im Mahnschreiben vom 30.05.2013 der Europäischen Kommission an die Republik Österreich genannt, wodurch eine nachträgliche Ausweisung zu einem Europaschutzgebiet zwingend ist, um den Verpflichtungen
gemäß Art. 4 Abs. 1 der Habitatrichtlinie nachzukommen!

Piz Val Gronda im Sommer cc ÖAV

An der österreichisch-schweizerischen Grenze liegt südlich von Ischgl eines der größten und intakten Kalkschiefergebiete Österreichs: der Piz Val Gronda. Trotz der geologischen Einzigartigkeit innerhalb der Ostalpen, ist die Erschließung um das Gebiet um des Piz Val Gronda schon seit längeren das Begehren der Seilbahnwirtschaft. Das Gebiet um den Piz Val Gronda ist der Lebensraum für viele seltene und gefährdete Pflanzenarten und Lebensgemeinschaften (u.a. alpine Rieselfluren, einen prioritär geschützten Lebensraum gemäß der FFH-Richtlinie der Europäischen Union) und weist bedingt durch das geologische Substrat eine hohe Erosionsgefahr aus.

In der Publikation von Nadler et al (2012) "Vorschläge für FFH-Nachnominierungen in Österreich - Teil 2: Lebensräume" wird das Vesiltal mit einer Fläche von ca. 126 ha unterhalb des Palinerkopfes bzw. des Zeblachjoches in einer Höhenlage zwischen ca. 2200 und 2400 als wichtiges
Vorkommen des Lebensraumtyps 7240 alpine Pionierformation des Caricon bicoloris-atrofuscae genannt.

Weiterführende Informationen:

-) Vorschläge für FFH-Nachnominierungen in Österreich - Teil 2: Lebensräume (2012)
-) Die naturschutzfachliche Bedeutung des Piz Val Gronda(Samnaun-Gruppe, Tirol) aus geobotanischer Sicht —ein herausragender Hotspot der Biodiversität (2013)

Piz Val Gronda Erschließungsgrafik cc ÖAVzoom

Über 30 Jahre wurde die Erschließung des Areals südlich der Gampenbahn mit dem Piz Val Gronda geplant. Sukzessive wurden Naturräume rund um die Idalpe und Palinkopf skitechnisch erschlossen. Im Frühjahr 2006 startete die Silvretta Seilbahn AG einen neuen Anlauf.

Nun liegt das Dilemma des Naturschutzes, der Alpinen Raumordnung und damit des ÖAV darin, dass Betreiber von Seilbahnprojekten offensichtlich so oft und so lange immer wieder neue Anläufe zur Realisierung starten können, bis das Projekt genehmigt wird. Verliert der Naturschutz bzw. der Alpenverein nur ein einziges Mal, dann ist die herrliche Natur- und Hochgebirgslandschaft ein für alle Mal in ihrer Substanz, im Erscheinungsbild oder für Wanderer und Skitourengeher entwertet. Bisher wurden alle Projekte wohlbegründet durch das Amt der Tiroler Landesregierung bzw. durch die Landesregierung abgelehnt.

Im Frühjahr 2006 unternehmen Silvretta Seilbahn AG und Ischgl denentscheidenden Anlauf zur Realisierung der Erschließung des schweizerisch-österreichischen Grenzberges Piz Val Gronda (2.812 m) samt Vesiltal. Im Bereich zwischen Idalpe und Palinkopf hat die seilbahntechnische Erschließung die natürliche Vegetation bereits über weite Strecken zerstört. Der Piz Val Gronda samt seinen Kämmen und Hängen sowie das Tal des Vesilbachs bilden damit heute den zwar schon stark eingeengten, aber doch noch ungestört verbliebenen Kern dieses einzigartigen und aus naturschutzfachlicher Sicht äußerst schützenswerten Gebiets. Am unmittelbar benachbarten und geologisch vergleichbaren Palinkopf ist ein Vorgeschmack der erosiven Auswirkungen einer skitechnische Erschließung zu betrachten. Erosionsprozesse beeinflussen das Gelände weit über den eigentlichen Flächenbedarf von Skipisten, Aufstiegshilfen und Schutzverbauungen hinaus und bringen die alpine Flora und Fauna unwiederbringlich aus dem ökodynamischen Gleichgewicht.

Erschließungspläne am Piz Val Gronda nach Darstellung von Klenkhart & Partner Consulting ZT Gesellschaft m.b.H. cc ÖAVzoom

Mit der Errichtung der neuen Seilbahn wird der Skipistenbestand von etwa 235 km um weitere 1,5 km ergänzt. Vielmehr fallen da schon die neu erschlossenen Freeridegebiete ins Gewicht. Von der neu errichteten Bergbahn zahlen sich zahlreiche Skivarianten im freien Raum des Fimba- und Vesiltales finden und deren Ausgangspunkt mühelos mit der Seilbahn erreichen. In Anbetracht der bereits weitläufig verfügbaren Freeridegebiete um Ischgl stellt sich jedoch die Sinnhaftigkeit dieses Projektes.

Zeitlicher Abriss

  • 19.09.2012 - Naturschutzrechtliche Genehmigung erteilt durch das Amt der Tiroler Landesregierung
  • 21.03.2013 - Seilbahnrechtliche Baugenehmigung erteilt durch die Republik Österreich, Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie
  • 22.03.2013 – Baggerauffahrt unter Aufsicht des ökologischen Bauaufsichtsorganes
  • 25.03.2013 – Baubeginn
  • 20.12.2013 – Inbetriebnahme Piz Val Gronda Bahn

Weiterführende Informationen:

-) Alpine Raumordnung, Ausgabe 35 (2009): Tatort IV - Piz Val Gronda

Logo Natura 2000

Noch vor der medial groß inszenierten Eröffnung der Bahn [1] – bei sehr mäßigen Schneeverhältnissen im „freien Skiraum“ – forderte Tiroler Umweltanwalt Johannes Kostenzer Mitte Dezember 2013 keine Veränderungen der Natur über 2500 Meter – keine neuen Lifte, keine Pisten und keine Speicherseen [2]. Auf das Projekt Piz Val Gronda hatte diese Forderung, eine von vielen geäußerten Bedenken hinsichtlich der immer weiter Fortschreitenden Erschließung und Ausdehnung von Skigebieten auch in geschützte bzw. schützenswerte Gebirgsregionen, freilich nicht mehr.

Die vom Umweltdachverband (UWD) erstellte Liste nicht ausreichend geschützter Arten wurde von der EU-Kommission nach intensiver Prüfung bestätigt. Von den Nachnominierungen, welche 2014 bis 2015 in 2 Etappen stattfinden müssen, sind österreichweit ca. 200 potenzielle Naturschutzgebiete betroffen [3]. Die EU-Kommission hat bereits die Vorstufe zu einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich aufgrund unzureichender Umsetzung der „Natura 2000“-Artenschutzrichtlinie eingeleitet. Sollte es zum Verfahren kommen, drohen dem österreichischen Steuerzahler Strafzahlungen von bis zu 60 Millionen Euro pro Jahr [4].

Die Tiroler Landesregierung beabsichtigt ein Gebiet in der Gemeinde Ischgl gem. § 21 Tiroler Naturschutzgesetz 2005 zum Naturschutzgebiet zu erklären. Der ÖAV befürwortet die Ausweisung des Gebietes in der Gemeinde Ischgl als Naturschutzgebiet Vesiltal mit dem Zweck, die im Gebiet vorkommende alpine Pionierform des Caricion bicoloris-atrofuscae (prioritärer Lebensraumtyp nach Anhang I der Habitat-Richtlinie, EU-Code 7240) zu erhalten. Die Ausweisung neuer Schutzgebiete ist grundsätzlich im Sinne der Alpenkonvention, denn gemäß Art. 11 Abs. 1 des Naturschutz- und Landschaftspflegeprotokolls BGBl.III Nr. 236/2002 verpflichten sich die Vertragsparteien bestehende Schutzgebiete im Sinne ihres Schutzzwecks zu erhalten, zu pflegen und, wo erforderlich, zu erweitern sowie nach Möglichkeit neue Schutzgebiete auszuweisen.  Weiters verpflichten sich die Vertragsparteien, für natürliche und naturnahe Biotoptypen die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um deren dauerhafte Erhaltung.

Allerdings wird an dieser Stelle festgehalten, dass eine Ausweisung dieses Gebietes als Europaschutzgebiet bereits vor der seilbahntechnischen Erschließung des Piz Val Gronda notwendig und unumgänglich gewesen wäre. Gemäß dem „Naturschutzfachlichen Gutachten zu den „Alpinen Pionierformationen des Caricion bicoloris-atrofuscae“ in Österreich und im Gebiet des Piz Val Gronda/Tirol“ von Dr. Helmut Wittmann (Institut für Ökologie OG, Johann-Herbst-Straße 23, 5061, Elsbethen/Salzburg) und Dr. Luise Schratt-Ehrendorfer (Institut für Botanik, Universität Wien, Rennweg 14, 1030 Wien) aus dem Jahre 2013 wäre eine Skierschließung (Aufstiegshilfen, Pisten etc.) in Bereichen mit Caricion bicoloris-atrofuscae aus wissenschaftlicher Sicht zu untersagen gewesen. Durch geänderte Schneeverhältnisse, Bodenverdichtungen und - im Fall von Pistenpräparierungen - auch nicht dem natürlichen Regime entsprechenden Abflussverhältnissen kommt es durch diese Maßnahmen zu negativen Beeinträchtigungen der Schwemmländer.

Auch im Band 3 der Studie Entwicklung von Kriterien, Indikatoren undSchwellenwerten zur Beurteilung des Erhaltungszustandes der Natura2000-Schutzgüter  wird festgehalten, dass die Grundsätze für mögliche Pflege- und Managementmaßnahmen eine Anlage von Skierschließungen im Bereich des Lebensraumtyps ausschließen.

Die bereitgestellte Datengrundlage vermittelt den Anschein, dass im Verordnungsentwurf zum Naturschutzgebiet Vesiltal nur das Habitat selbst und keine ökologisch-funktionale Zusammenhänge (va. Hydrologie) berücksichtigt wurden! Die derzeit als Naturschutzgebiet geplanten Kleinstgebiete im Vesiltal werden aufgrund des fehlenden ökologisch-funktionalen Zusammenhangs als vollkommen unzureichend erachtet.


Weiterführende Informationen:

-) Jahrbuch des Vereis zum Schutz der Bergwelt (2013) - Die Eroberung des Piz Val Gronda
-) Wittman und Schratt-Ehrendorfer (2013): „Naturschutzfachlichen Gutachten zu den „Alpinen Pionierformationen des Caricion bicoloris-atrofuscae“ in Österreich und im Gebiet des Piz Val Gronda/Tirol
-)
Stellungnahme des Alpinvereins zur Naturschutzgebietsausweisung im Vesiltal (2015)



[1] Tiroler Tageszeitung, http://www.tt.com/panorama/natur/7658183-91/piz-val-gronda-mit-der-gondel-in-den-grenzbereich.csp (abgerufen am 22.05.2014)

[2] Tiroler Tageszeitung, http://www.tt.com/panorama/natur/7636868-91/umweltanwalt-fordert-stopp-von-neuerschlie%C3%9Fungen-%C3%BCber-2500-meter.csp (abgerufen am 22.05.2014)

[3] UWD Pressemeldung, http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140130_OTS0041/umweltdachverband-an-naturschutz-landesraetinnen-umsetzung-von-natura-2000-jetzt-gemeinsam-anpacken (abgerufen am 22.05.2014)

[4] Tiroler Tageszeitung, http://www.tt.com/%C3%9Cberblick/Politik/PolitikTirol/6087846-6/uwd-fordert-stopp-der-bauprojekte-f%C3%BCr-isel-und-piz-val-gronda.csp (abgerufen am 22.05.2014)