Österreichischer Alpenverein

Fotowettbewerb: Alpenvereinskalender 2017
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Technische Beschneiung

Der Alpenraum wird derzeit nicht nur von einer wahren Erschließungs- und Verbindungswelle in Skigebieten heimgesucht, auch im Bereich der technischen Schneeerzeugung wird weiterhin stark aufgerüstet, denn Schneesicherheit wird mit Sicherheit in Besucherzahlen übersetzt: ohne Schnee kein Wintertourismus [1]. In der Skibranche hat sich bezüglich der Schneesicherheit die sog. 100-Tage-Regel durchgesetzt; Kurz gesagt bedeutet diese, dass an 100 Tagen der volle Betrieb aller Anlagen zu gewährleisten ist, um von einem schneesicheren Skigebiet zu sprechen [2].

In Österreich sorgen mehr als 2.900 Aufstiegshilfen bzw. Skilifte dafür, dass die 23.000 ha von Österreichs Pistenflächen (entspricht mehr als der halben Wiener Landesfläche) ohne körperliche Anstrengung erreicht werden können. Aus einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht hervor, dass von den 227 Skigebieten in Österreich (Stand 2007) 87% ohne den Einsatz von technischen Beschneiungsanlagen als schneesicher gelten [3]. Und auch die Wirtschaftskammer Österreichs verkündet stolz, dass bereits 2014 mehr als 60% der verfügbaren Pistenfläche künstlich beschneit werden können [4]. Der Österreichische Sachstandsbericht Klimawandel [5] geht von derzeit 67% mit Beschneiungsanlagen ausgestatteter Pistenfläche aus. Daraus resultiert eine permanente Beschneiungsfläche von derzeit 15.400 ha (dh 154.000.000 m²) allein auf Österreichs Skipisten.

Erzeugung von technischem Schnee

Allgemein werden für die künstliche Beschneiung feinste Wassertropfen in die kalte Luft gesprüht. Im nächsten Schritt gefrieren die Tropfen und fallen als klein(st)e Schneekugeln auf den Boden. Generell lassen sich für die Herstellung zwei Verfahren unterscheiden: Mit Hochdruckanlagen wird das Wasser unter hohem Druck mitsamt einer großen Menge an komprimierter Luft vermischt und durch einen Sprühkopf zerstäubt. Niederdruckanlagen hingegen sprühen die Wassertopfen mit wenig Druck durch einen Luftstrahl, der von einem Propeller erzeugt wird [6].

Belastung für den Naturraum

Technischer Schnee, auch oft als Kunstschnee bezeichnet, ist ein ressourcenintensiver Luxus.  Die Grundbeschneiung für die heimischen Pistenflächen beträgt in etwa 30 cm Schneehöhe. Bei Annahme von 0,5 m³ Wasser und ca. 5 kWh Strom für einen Kubikmeter Schnee benötigt der Skigebietsbetreiber „nur für die Grundbeschneiung eines Hektars“ bis zu 1.500 m³ Wasser (dh 1,5 Mio. Liter Wasser) und bis zu 21.000 kWh Strom [2] [8]. Ein Vergleich dazu: ein Zwei-Personen-Haushalt verbraucht durchschnittlich 3.030 kWh Strom und durchschnittlich 70 m³ Wasser im Jahr [9].
Das hierzu notwendige Wasser wird von natürlichen/naturnahen Gewässerstrecken entnommen bzw. werden eigens für die Beschneiung benötigte Speicherseen in die alpine Landschaft gesprengt, oder mit schweren Baggern und großen Erdverschiebungen in die Landschaft gegraben. Diese werden mittlerweile im Sommer wiederum als „Bergseen“ touristisch vermarktet. In Österreich stehen derzeit knapp über 400 Speicherteiche mit einem Fassungsvermögen mehreren 10 Tausend Kubikmeter Wasser- wohlgemerkt je Speicher [10]. Die dabei entstehende Schuld (sprich Rückgang) in der Wasserhaushaltsdynamik im Bereich der Unterlieger wird (meistens) außen vor gelassen. Als Beispiel: Am Tiefenbachferner (Sölden) ist der aktuell größte Speichersee Tirols (Wasseroberfläche von rund 3,5 ha) entstanden.
Umweltauswirkungen in Folge der künstlichen Beschneiung sind vielfältig wie auch vielzählig. Da technischer Schnee eine andere Kristallstruktur [6] wie (Natur)Schnee hat, kommt es in Folge zum Ersticken, Erfrieren und Absterben zahlreicher Pflanzen z.B. durch den Verlust der thermischen Isolierfähigkeit oder der längeren Ausaperungsdauer der Schneedecke, es entstehen regelrecht tote Landstriche rund um die Pistenflächen. Zunahmen von Erosionserscheinungen als Nebeneffekt sind nicht selten [11]. Die Gefahr von Vegetationsschäden ist auf Kunstschneepisten deutlich höher als auf unbeschneiten Pisten. Dieser Umstand verstärkt sich mit zunehmender Höhenlage, wodurch die verkürzte Vegetationszeit, infolge längerer Ausaperungszeiten durch die künstliche Beschneiung, die Regenerationszeit beträchtlich abnimmt [12].
In diesem Zusammenhang sind auch Wildtiere maßgeblich durch Anlagen zur künstlichen Beschneiung beeinträchtigt. Zum einem nimmt das Nahrungsangebot (Reduktion der Häufigkeit und Artenzahl von Bodenlebewesen [8]) beträchtlich ab. Zudem darf der Störfaktor Lärm nicht unterschätzt werden. Beschneiungslagen erzeugen bei aktiver Schneeproduktion einen Lärmpegel im Bereich von 60 dB und mehr [12]. Da Beschneiungszeiten (Dämmerung)und die wildtieraktive Zeit oftmals konvergieren sind Beschneiungsanlagen als langfristige Störung der Fauna zu betrachten [8, 12].
Nicht vergessen werden dürfen in dieser Betrachtung die Auswirkungen der massiven Eingriffe auf die Landschaft und das Ökosystem durch Baumaßnahmen, wie das Verlegen von Wasser-, Luft- und Stromleitungen im Zuge der Errichtungsphase von Beschneiungsanlagen [12, 13].

Chemie, Bakterien und Neuentwicklungen

Mittlerweile werden aber nicht mehr nur Wasser und Luft verwendet, denn die Berichte über Auswirkungen der globalen Erwärmung haben in den letzten Jahren Panikreaktionen innerhalb der Seilbahnwirtschaft ausgelöst. In einigen Kantonen in der Schweiz darf bereits mit Bakterienzusätzen beschneit werden, was eine Beschneiung bei höheren Temperaturen ermöglicht [14]. Noch weiß aber niemand genau, welche Auswirkungen diese Bakterien auf das Ökosystem haben werden.
In Österreich dient die ÖNORM M 6257 („Anforderungen an das Wasser für die technische Beschneiung“) als Mindestanforderung für die hygienische Wasserqualitätsbeurteilung. Dabei sind die Umwelthygiene und der präventive Schutz für Wintersportler sowie arbeitsmedizinische Aspekte zu berücksichtigen.
Die gegenseitige Aufschaukelung innerhalb der Seilbahnwirtschaft zeigt, dass der Druck in der Branche immer größer wird. Ziel muss es deshalb sein, eine Deckelung bzw. einheitliche Regeln zur künstlichen Beschneiung für den gesamten Alpenraum geben sollte, um damit dem ungebremsten Drang nach Wettbewerbsvorteilen einen Riegel vorzuschieben.
Hier kann die Alpenkonvention, die in Österreich am 18.12.2002 in Kraft getreten ist, eine wesentliche Hilfestellung leisten. Im Tourismusprotokoll Art. 14 Abs. 2 beispielsweise angeführt, man solle „… die Erzeugung von Schnee während der jeweiligen örtlichen Kälteperioden zulassen, insbesondere um exponierte Zonen zu sichern, wenn die jeweiligen örtlichen hydrologischen, klimatischen und ökologischen Bedingungen es erlauben“ [15]. Eine flächige Beschneiung ganzer Skigebiete ist daher nicht im Sinne dieses Artikels.
Universitäten und Forschungszentren [16] arbeiten an verbesserten Systemen, um den enormen Wasser- und Stromverbrauch unter Kontrolle zu bringen. Neuere Entwicklungen versuchen auch die Struktur des technischen Schnees zu modifizieren, um dem Original ein Stück weit näher zu kommen [17].

Fazit

Die Seilbahnindustrie rechnet mit bis zu 900 Mio. Euro weniger Umsatz bei Saisonstart ohne Schnee [1]. Damit wird klar dargestellt, dass für die eigene Gewinnmaximierung das Allgemeingut Natur geschädigt, beraubt und missbraucht wird.
Die Auswirkungen des Klimawandels (Erhöhung der Durchschnittstemperatur um etwa +3,5°C bis zum Ende des 21. Jahrhunderts [18]) und der stetige Wunsch der Seilbahnindustrie nach immer größeren Skigebieten mit mehr Pistenflächen, tragen ihren Teil bei um diese Thematik und die technischen Weiterentwicklungen im Kunstschneebereich weiterhin kritisch zu betrachten. Der Ausbau der technischen Beschneiung und die damit verbundenen großen Investitionen kann aus klimatischen Gesichtspunkten nur als kurzfristige Maßnahme der Seilbahnindustrie angesehen werden und erscheinen aus ökologischer und ökonomischer Sicht nicht nachhaltig.

Rückfragen an:
Josef Pichler, Abteilung Raumplanung und Naturschutz des ÖAV
E-Mail: josef.pichler@alpenverein.at


[1] Wirtschaftskammer Österreich (https://www.wko.at/Content.Node/branchen/stmk/TransportVerkehr/Seilbahnen/Beschneiung_sichert_Wirtschaft_in_alpinen_Gebiet.html) (03.11.2014)

[2] Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF (http://www.wsl.ch/dienstleistungen/publikationen/pdf/12142.pdf) (03.11.2014)

[3] OECD 2007: Climate Change Impacts and Adaption in Winter Tourism. In: Agrawala, S, (ed): Climate Change in the European Alps, Paris, OECD-Publishing, 25-60.

[4] Wirtschaftskammer Österreich (https://www.wko.at/Content.Node/branchen/oe/transportverkehr/seilbahnen/seilbahnen_oesterreichs.html) (03.11.2014)

[5] Austrian Panel on Climate Change (http://www.apcc.ac.at/) (03.11.2014)

[6] Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF (http://www.news.admin.ch/NSBSubscriber/message/attachments/10876.pdf) (03.11.2014)

[8] Bayrisches Landesamt für Umwelt (http://www.lfu.bayern.de/umweltwissen/doc/uw_11_beschneiungsanlagen.pdf) (03.11.2014)

[9] Energiesparen im Haushalt (http://www.energiesparen-im-haushalt.de/) (03.11.2014)

[10] Wirtschaftskammer Österreich (https://www.wko.at/Content.Node/branchen/oe/TransportVerkehr/Seilbahnen/Oekologie_und_Umwelt.html) (03.11.2014)

[11] Naturschutzanwalt (http://www.naturschutzanwalt.at/uploads/media/Schipistenbeschneiung_2011_von_Mag._Silvia_Brunner.pdf) (03.11.2014)

[12] Pröbstl, U. (2006): Kunstschnee und Umwelt. Entwicklungen und Auswirkungen der technischen Beschneiung. Haupt Verlag Bern.

[13] Naturfreunde Österreich: Alpiner Wintertourismus und Klimawandel (2011)http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/2011_Klima_Wintersport_Broschuere_.pdf (24.11.2014)

[14] Bundesamt für Umwelt BAFU (http://www.bafu.admin.ch/sport_tourismus/06169/06173/06180/index.html?lang=de) (03.11.2014)

[15] Die Alpenkonvention: Protokoll „Tourismus“ (http://www.alpconv.org/de/convention/framework/Documents/protokoll_d_tourismus.pdf) (10.11.2014)

[16] Eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF (http://www.slf.ch/forschung_entwicklung/schnee/kunstschnee/index_DE) (03.11.2014)

[17] Klima- Energiefonds (https://www.klimafonds.gv.at/assets/Uploads/7BacherSnow2.pdf) (03.11.2014)

[18] Austrian Panel on Climate Change (https://www.klimafonds.gv.at/presse/presseinformationen/bundesminister-rupprechter-klimawandel-sachstandsbericht-zeigt-dringenden-handlungsbedarf-fuer-oesterreich-auf/) (03.11.2014)

Seefeld - Gschwandtkopf
Axamer Lizum
Schneekanone im Herbst...
Kunstschneeband im Goldriedskigebiet
Patscherkofel
Beschneiungsteich im Sommer
 

Alexander Cernusca et al (1990): Ökologische Auswirkungen von Kunstschnee – Eine Kausalanalyse der Belastungsfaktoren (http://homepage.uibk.ac.at/~c71738/publikationen/nech-pub-Dateien/dissertation/cernusca1990.pdf)

Alpenkonvention – Der Alpenzustandsbericht
(http://www.alpconv.org/de/alpineknowledge/rsa/default.html)

Beschneite Flächen Tirol
(http://www.seilbahn.net/sn/index.php?i=53&archiv=2) (http://tirol.orf.at/radio/stories/2625945/) (http://wirtschaftsblatt.at/home/nachrichten/oesterreich/tirol/4585113/Kunstliche-Wolken-neue-Seilbahnen-alte-Motorraeder?_vl_backlink=/home/nachrichten/oesterreich/4592180/index.do)

Beschneiungsanlagen in Tirol
(http://tirolatlas.uibk.ac.at/topics/tourism/data.py/wis)

Christian Rixen – Does artificial snow production affect soil an vegetation of ski pistes? A review (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S143383190470061X)

Die Welt – Wie der Schnee aus der Kanone funktioniert
(http://www.welt.de/wissenschaft/article123224494/Wie-der-Schnee-aus-der-Kanone-funktioniert.html)

Dok.Film ORF Snow Business
(http://tv.orf.at/program/orf2/20141102/697095201/386194)

Eid. Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF – Kunstschnee und Schneezusätze
(http://www.slf.ch/ueber/organisation/oekologie/gebirgsoekosysteme/projekte/kuenstliche_schneedecke/zusammenfassung_kunstschneeprojekt..pdf)

Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL – Natürliche und technische Schneesicherheit (http://www.wsl.ch/dienstleistungen/publikationen/pdf/12142.pdf)

Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL – Winter Tourism and Climate Change in the Alps (http://www.bioone.org/doi/pdf/10.1659/MRD-JOURNAL-D-10-00112.1)

Frankfurter Rundschau – Warum Kunstschnee der Umwelt schadet
(http://www.fr-online.de/reise/experte-erklaert-darum-ist-kunstschnee-eine-umweltsuende,1472792,25950134.html)

Pro Natura
(http://www.pronatura.ch/kunstschnee)

Robert Steiger & Marius Mayer – Snowmaking and Climate Change
(http://www.bioone.org/doi/pdf/10.1659/mrd.0978)

Seilbahnen Österreichs
(https://www.wko.at/Content.Node/branchen/oe/TransportVerkehr/Seilbahnen/Startseite_-_Seilbahnen,_Fachverband.html)


Bücher zum Thema

Ulrike Pröbstl (2006): Kunstschnee und Umwelt. Haupt Verlag Bern.

Ulrike Pröbstl (1990): Skisport und Vegetation: die Auswirkungen des Skisports auf die Vegetation der Skipiste. Herausgeber: Der Umweltbeirat d. Dt. Skiverbandes. Stöppel-Verlag.

Christian Rixen (2002): Artificial Snow and Snow Additives on Ski Pistes: Interaction between Snow Cover, Soil and Vegetation. Dissertation Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät Universität Zürich.

Thomas Bieger et al (2010): Trends, Instrumente und Strategien im alpinen Tourismus. Schweizer Jahrbuch für den Tourismus 2009. Institut für Öffentliche Dienstleistungen und Tourismus Universität St. Gallen. Erich Schmidt Verlag.