Oesterreichischer Alpenverein

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Neue Broschüre: Bedrohte Alpengletscher

    In den vergangenen 150 Jahren, seit man mehr und mehr über die Gletscher und ihre Reaktion auf das Klima weiß, war noch kein Zeitpunkt, zu dem die Gletscher so rasch dahinschmolzen.
Im Zusammenhang mit der globalen Klimaerwärmung und den vielfältigen Auswirkungen, die darauf zurückgeführt werden (können), erhalten die Gletscher eine besondere Bedeutung:
Durch sie wird der Klimawandel sichtbar, greifbar, erlebbar. Besonders in den Alpen, wo das Wirken des Menschen seit vielen Generationen mit den Gletschern in Berührung kam.
 

 

   

Die Alpengletscher sind daher doppelt bedroht:
Durch die Klimaerwärmung und die Gletschererschließung.

In beiden Fällen ist der Mensch beteiligt:

  • Indirekt, infolge der Verstärkung des Treibhauseffektes und
  • direkt, mit der Forcierung der Erschließungsspirale in die Schnee- und Eisregion.

Die Zukunft der Alpengletscher kann aus den über 100-jährigen Beobachtungen und Messungen je nach (denkbaren) Szenarien schon gut abgeschätzt werden (nach Michael Kuhn, Innsbruck):

Alpengletscher reagieren sehr stark auf die Sommertemperatur. Die Häufigkeit von sommerlichen Schneefällen ist u.a. ein wichtiger weiterer Faktor.

  • Modellrechnungen mit der Annahme einer Temperaturerhöhung in allen Jahreszeiten um 1° C ergeben im Mittel über die heutigen Gletscherflächen einen Verlust von fast 1 m Eisdicke pro Jahr.
  • Bleibt die Temperatur konstant um 1° C höher, verschiebt sich die Gleichgewichtslinie (Firnlinie, „Schneegrenze“ auf dem Gletscher am Ende des Sommers) um 120 bis 150 m nach oben. Gletscher unter 2.900 bis 3.000 m werden ganz verschwinden.
  • Bei einem Klimaszenario mit einer Temperaturerhöhung von 3° C - wie es mehrere Modelle der globalen Zirkulation erkennen lassen - würden nur mehr in Höhen über 3.300 m Gletscher existieren können.
  • Die ausgleichende Wirkung der Gletscher auf den alpinen Wasserkreislauf wird verringert.

Seit dem letzten Hochstand der Gletscher um 1850, als diese in der kühlen Klimaphase davor („Kleine Eiszeit“ im Mittelalter) Eismasse ansammeln konnten, haben die Gletscher erheblich an Volumen, Fläche und Länge eingebüßt. Ende des 20. Jhdts. gab es in den Alpen noch insgesamt eine Gletscherbedeckung von 2.500 km² und ca. 125 km³ Eisvolumen. Um 1850 dürfte es noch doppelt so viel gewesen sein. Die Gesamtfläche der Alpengletscher nahm von 1850 bis Ende der 1990er-Jahre in der Größenordnung von 50 % ab.

1850 war die Gesamtfläche der österreichischen Gletscher 1.011 km², 1920 808 km², 1969 542 km² und nach den vorläufigen Auswertungen (M. Kuhn, Innsbruck) in den 1990er-Jahren rund 459 km². Die Fläche der österreichischen Gletscher hat von 540 km² 1969 auf ca. 450 km² in den 1990er-Jahren - in rund 30 Jahren - abgenommen, d.h. um 1/6 oder rund 17 %. (Bis heute einschließlich des extremen Jahres 2003 dürften es schon über 20 % sein).

Der Massenverlust (ausgewählter) Gletscher betrug in den letzten 25 Jahren gut 1/3 der ursprünglichen Gesamtmasse.

In den Alpen betrug die Temperaturerhöhung in den vergangenen 100 Jahren 1-2° C, gleichzeitig hat die Zahl der sommerlichen Schneefälle stark abgenommen.

Der Sommer 2003 gab eine Vorstellung der Extreme: Statt 10 bis 20 Tage mit starker Eisschmelze im Sommer waren es 100 Tage!

 

   

Es gibt keine Anzeichen, dass eine Trendumkehr der globalen Erwärmung in absehbarer Zeit eintreten könnte. Eine der direkten Auswirkungen ist das Ansteigen der „Schneegrenze“, dies nicht nur im Sommer, sondern besonders auch im Winter. Trotz des Gegensatzes im bisherigen Winter muss man von einer Erhöhung der winterlichen Schneegrenze ausgehen. Bei einer Erwärmung um 2-3° C würde (nach Paul Föhn, Davos)

  • in den inneren Alpen die mittlere Schneegrenze um 200 m, randalpin um 400 m ansteigen.
  • Die temporäre Schneegrenze im Winter würde 300 bis 500 m höher liegen (damit ist unter 1.200 m keine geschlossene Schneedecke vorhanden).
  • Der Winterbeginn mit geschlossener Schneedecke wäre verspätet, das Ende der Schneebedeckung verfrüht, d.h. eine um mindestens 4 Wochen kürzere Dauer der Schneebedeckung.

    Reinhold Steinacker vom Institut für Meteorologie und Geophysik in Wien hat kürzlich festgestellt:
  • Die Schneefallgrenze in den Alpen ist in den letzten 22 Jahren im Mittel um 150 m gestiegen.
  • Am Hohen Sonnblick ist der Anteil an festem Niederschlag von über 90 % auf rund 80 % gesunken, d.h. es schneit weniger und regnet mehr.

    Mit dem Ansteigen der Schneegrenze nimmt der Erschließungsdruck durch die Tourismuswirtschaft auf die längerfristig als schneesicher geltenden Hochlagen zu und damit besonders auf die Gletscherregion.

 

 

 

 

 

 

  Schutz der Gletscher und ihre Vorfelder

Der Gletscherschutz ist gemeinsam mit den Flächen-Schutzgebieten ein elementarer Bestandteil des Hochgebirgsschutzes im Alpenraum. Gäbe es diesen in Österreich nicht, existierten weder der Nationalpark Hohe Tauern noch andere wertvolle alpine Schutzgebiete in Österreich. Zahlreiche weitere bekannte Gletscher wären heute Ziele des Gletscherschitourismus.
Der Gletscherschutz hielt in den Bundesländern Österreichs zu Beginn der 1980er-Jahre erstmals Einzug und war die Reaktion auf die umstrittenen Gletschererschließungen im Pitz- und Kaunertal (Tirol). Der generelle Gletscherschutz wurde 1981 in Vorarlberg, 1986 in Kärnten, 1990 in Tirol und 1992 in Salzburg in der Naturschutzgesetzgebung verankert. In Salzburg ist der Beschluss zudem über die „Richtlinie Schierschließung“ erstmals von der Raumordnung abgesichert worden.

Der Rückzug der Gletscher, Klimawandel und die damit verbundene Verkleinerung der angebotenen Schipistenflächen haben einen neuerlichen Druck auf die Nutzung weiterer Gletscher für den Pistenschilauf ausgelöst. Seit Beginn des neuen Jahrtausends wird in Tirol versucht, in den Ötztaler Alpen im Pitz- und Kaunertal neue Gletscherflächen zu erschließen. Dafür wurde sogar das Tiroler Naturschutzgesetz 2004 gelockert. Im Kaunertal ist mit der Erschließung der Weißseespitze und eines Teiles des größten Ostalpengletschers, dem Gepatschferner, die höchst gelegene Erschließung in Österreich angedacht und geplant. Alle Anläufe zur Realisierung sind bisher gescheitert. Fällt diese Bastion, werden aufgrund der nachweislich alpenweiten Aufschaukelung im Schitourismus weitere folgen. Der Oesterreichische Alpenverein hat bisher 35.000 Unterschriften für den Schutz dieser Gletscher vor Erschließung gesammelt.
Durch den raschen Rückzug der Alpengletscher werden große interessante Hochgebirgsflächen eisfrei. Die Gletschervorfelder sind junge, sehr dynamische Lebensräume. Jung, weil große Teile der Vorfelder vor rund 150 Jahren noch eisbedeckt waren. Sie sind Schauplätze einer zähen Eroberung und als Zeugen der Landschaftsentwicklung und der Klimageschichte von großer Bedeutung. Die Moränen sind besonders auffallende Elemente der Gletschervorfelder.
Auf Initiative des OeAV hat der Tiroler Landtag deshalb alle im Nahbereich der Gletscher gelegenen Moränen innerhalb der markanten 1850er-Moräne unter strengen Schutz gestellt. Der OeAV richtet an alle Landesregierungen mit Gletschern den Appell, dem Tiroler Beispiel zu folgen.

 

 

Broschüre "Bedrohte Alpengletscher

Die OeAV-Broschüre „Bedrohte Alpengletscher“ soll für die Gletscher als wesentliches Element des vergletscherten kristallinen Hochgebirges sensibilisieren. Namhafte Autoren aus dem In- und Ausland befassen sich mit dem Naturphänomen Gletscher, Klimawandel und (Gletscher-)Tourismus, Wasserspender der Gletscher, dem Lebensraum Gletschervorfelder und den Gletscherbächen. Adressaten sind Schulen, Vereine, Planung und Politik.

 

Die 74-seitige Broschüre „Bedrohte Alpengletscher“ in der OeAV-Reihe „Alpine Raumordnung“ Nr. 27/2005 mit 82 Farbbildern und Panoramen ist kostenlos in der OeAV-Fachabteilung Raumplanung/Naturschutz erhältlich.

 

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