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Klettern bei den Berbern (Klettern bei den Berbern)

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Klettern bei den Berbern

Medina
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Verschneidung
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Steile Platte
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Marokko: Massentourismus auf exotisch 

Klettern in Nord-Afrika, Bergsteigen im Hohen Atlas, eine Reise nach Marokko: all dem haftet etwas Exotisches, fast Abenteuerliches an. Dabei fliegt man von Wien gerade mal 4 Stunden nach Marrakesch. Seit langem steht Marrakesch als Destination auf dem Programm von einigen Billigairlines. Damit ist dort auch der Massentourismus angekommen.  Das ist überall wahrnehmbar, zeigt sich aber besonders in der Medina, der Altstadt, wo sich die Massen zwischen den Leder- und Keramikwaren-Ständen durchzwängen. Ist man Teil des Gedränges wünscht man sich fast zur Hochsaison in die Salzburger Getreidegasse, da ist weniger los…


Raus aus der Stadt! Rauf am Berg!

Taghia, ein Berberdorf am Rande des Hohen Atlas wurde erstmals in den 1970er-Jahren von Kletterern entdeckt. Es liegt etwa 200 Kilometer östlich von Marrakesch. Seit Ende der 90er gilt es unter den Kletterern der Welt als ein wahres Fels-Eldorado. Viele Große Namen der Szene wie Alex Honold oder Alexander Huber waren schon da und haben in Form von Routen und spektakulären Begehungen Spuren hinterlassen. 

Das Wasser hat unweit des Dorfes über Jahrtausende bis zu 900 Meter hohe, annähernd senkrechte Felswände ins Gelände geschnitten. Mit einem Taxi fährt unsere 4-köpfige Reisegruppe von Marrakesh nach Zhaouiat Ahansal in der Provinz Azilal. Die Landschaft wird während unserer 6-stündigen Fahrt immer kupierter, die Straßen werden schlechter. Zum Schluss bewegen wir uns im Schneckentempo auf verschlungenen Schotterpisten mit zahlreichen Schlaglöchern. In Zaouiat Ahansal mieten sich Andi und Stefan einen Esel, der ihr Gepäck in das 2 Stunden Fußmarsch entfernte Taghia trägt. Martin und Mario tragen ihre Sachen selbst. 

Beim Raufgehen bemerken wir, dass an einer Straße nach Taghia gearbeitet wird. Später erfahren wir, dass man schon seit 2014 daran baut. Die Schneeschmelze und der Winter machen die Fortschritte des Vorjahres immer wieder zunichte. Deshalb dauert es etwas länger. 

Mittlerweile ist man einer Fertigstellung aber nah. So sehr wir den Bewohnerinnen und Bewohnern von Taghia diese Anbindung an die Außenwelt vergönnen, so sehr befürchten wir, dass die Straße den besonderen Charme des Kletterer-Paradieses zerstören wird. Wer vom ursprünglichen Taghia noch etwas erleben möchte, sollte sich also beeilen… 

Denn neben ärztlicher Versorgung und einem besseren Zugang zu einer höheren Schulbildung wird die Straße wohl auch viele sinnlose Annehmlichkeiten des Alltages der westlichen Welt in das Bergdorf bringen und vor allem viele Touristen, die bisher von 2 Stunden Fußmarsch abschreckt wurden. 


Taghia -  Gite de Said

Wir sind mit etwa 30 anderen Kletterinnen und Kletterern in der Gite (=Herberge) von Said untergebracht und teilen uns mit ihnen eine Dusche und zwei Klos. Wir schlafen zu viert in einem etwa 10 Quadratmeter großen Zimmer. Das Gästebuch liest sich wie das Who is Who der Kletterszene. Said und seine Familie kümmern sich sehr gut um ihre Gäste, die Herberge sollte sich als ausgezeichneter Stützpunkt herausstellen. Von der Terrasse aus haben wir einen perfekten Ausblick auf die Schlucht und die wichtigsten Klettergipfel im Tal. Taghia liegt auf etwa 1.900 mH., die Gipfel der Umgebung schrammen knapp an der 3.000er-Marke. 


Haute Grimée – hohes Niveau

Ein Blick in den Kletterführer – Taghia et autres montagnes berberes von Christian Ravier – verrät, dass es hier kaum klassische Plaisir-Routen im 6. Grad wie in den Alpen gibt. Das liegt wohl auch an der späten Erschließung des Gebietes, die erst Ende der 90er so richtig Fahrt aufnahm. Die leichtesten Routen bewegen sich immer noch im anhaltenden 7. UIAA-Grad, meist über mehrere Seillängen hinweg. Eine richtig große Auswahl an Routen finden Kletterinnen und Kletterer vor, die sich im 9.Grad auch in alpinem Umfeld wohlfühlen. Da gehören wir leider nicht dazu, die meisten unserer Mitbewohnerinnen und -bewohner allerdings schon. In der Gite von Said wird ein Kauderwelsch aus Englisch, schlechtem Französisch und der jeweiligen Muttersprache gesprochen, aber irgendwie versteht man sich doch. Die Gäste kommen aus halb Europa von Spanien und Portugal über Frankreich und Belgien bis Deutschland, Österreich und Italien sind viele Nationen vertreten. 


Hoch lebe die Daune – Kaltfront

Es ist zwar von Beginn unserer Reise an kalt, am dritten Tag spitzt sich die Lage allerdings mit Schneefall bis ins Dorf zu. Nach zwei kalten Klettertagen mit klammen Händen ist also erstmal Rasten / Wandern angesagt. Die Häuser in Taghia haben keine Zentralheizung. Durch die anhaltend niedrigen Temperaturen kühlt das ganze Haus aus. Meist sitzen wir mit Schiunterwäsche, also langen Unterhosen, Fliesjacke, Daunenjacke, Haube und zugedeckt mit einer Decke im Aufenthaltsraum. Zugegeben: Das hatten wir in Nordafrika nicht erwartet. Die Daunenjacken wurden nur zur Sicherheit eingepackt. Die „warme gelbe Suppe“ wird neben einer warmen Dusche zum Highlight des Tages. Die Stimmung bleibt aber gut. Am Abend gibt’s wegen einem Stromausfall Candlelight-Dinner. Zu Essen gibt es wie jeden Tag eine Tachine sans viande: in einem speziellen Tongefäß gedünstetes Gemüse mit Fladenbrot, Couscous oder Nudeln (täglich wechselnd in dieser Reihenfolge). Obwohl das Essen jeden Tag gleich ist, essen wir uns nicht davon ab und freuen uns jeden Tag wieder. Irgendwie ist es auch beruhigend, wenn man weiß was man bekommt - der Mc-Donalds-Effekt. 


Attaque – Silberstreif am Horizont

Ab Ostermontag (22. 04.) bessert sich das Wetter. Vor allem der Felsen ist immer noch kalt, aber Klettertouren sind jetzt immerhin bei entsprechender Routenwahl möglich. Finger und Zehen werden schon nach wenigen Klettermetern taub. Das ist nicht nur etwas beängstigend, weil man ein Abrutschen nicht spürt, sondern erhöht auch die Gefahr von Verletzungen. Am Ostermontag wird am Gipfel ein von Martin mitgebrachtes Schoko-Osterlamm geschlachtet. Wir wählen gezielt Süd- und Ost-orientierte Wände zum Klettern aus, so geht es und die Temperaturen werden von Tag zu Tag höher. Nach drei Klettertagen ist wieder ein Rasttag angesagt. Diesmal nicht aufgrund des Wetters, sondern wegen der zunehmenden Erschöpfung. Die Finger sind durch den scharfen Fels auch schon schwer in Mittleidenschaft gezogen - also Wandertag.


Gite von Achmed, Berberwürstel mit Pommes

Für einen anderen Gast, der eine Route einrichten möchte, tragen wir Material in eine entlegene Schlucht am Fuße des Hauptgipfels Oujdad. Wir sollen es einfach in der Gite von Achmed hinterlegen, er wisse Bescheid. Als wir dort ankommen ist Achmed nicht da. Wir werfen einen Blick in seine Unterkunft. Diese hat weder Fenster noch Türen. Eine Öffnung ist nur mit einem schweren Vorhang verdeckt. Drin ist nicht viel mehr als ein Bett und eine Feuerstelle zu sehen. Später erfahren wir, dass Achmed bis vor ein paar Jahren in einer Höhle wohnte. Er hat zwar Frau, Kind und Haus in Taghia, zieht dem Trubel und den Annehmlichkeiten des Dorfes aber die Einsamkeit der Berge vor und hält sich meistens in seiner Expositur auf. Wir denken uns, so muss es wohl auch auf den Almen in den Alpen gewesen sein bevor sie die Massen erreicht haben und witzeln: 
Gibt es erst mal eine Straße nach Taghia werden Achmed die Touristen in Massen heimsuchen.  Dann muss er neben Grünem auch Jaga-Tee anbieten, Berberwürstel mit Pommes und Germknödel wird es dann wohl auch geben…


Baraka – Abschied

Die Wahl unserer Abschlusstour, die wir in zwei Seilschaften zu viert machen fällt nicht schwer: Die Baraka soll es sein: Sie führt in 16 Seillängen auf den höchsten Gipfel der Region, den Oujdad. Die Schlüssel-Seillänge ist zwar 7b kann aber auch A0 geklettert werden, so ist die schwerste Länge 6c (UIAA 7+) und für uns machbar. Die ersten 6 Seillängen sind fordernd, anhaltend im oberen 7. UIAA-Grad und durchwegs 40 – 50 m lang. Insgesamt wird eine 680 m hohe Wand durchklettert. Wir schaffen es in 8 Stunden nach oben und können unsere Stirnlampen auch bei der letzten Tour eingepackt lassen. Auch den schwer zu findenden Abseiler erreichen wir locker bei Tageslicht. Zum Glück sind wir früh genug gestartet (Einstieg 07:30), so konnten wir die schweren ersten 6 Längen noch im Schatten klettern. Mittlerweile sind die Temperaturen nämlich schon wieder mehr als angenehm.

Von unserem Host Mohammed erfahren wir, dass der Name Baraka nicht etwa eine Referenz an die Marmeladen-Marke ist, die wir in den letzten zwei Wochen fast jeden Tag gegessen haben, sondern ein islamischer Segen mit dem man sich an bestimmten Orten „aufladen“ kann. 


Shit – Lebensmittelvergiftung

Mit dem Baraka-Segen ausgestattet geht es am nächsten Tag zurück nach Marrakesch. Die Autofahrt mit riskanten Überholmanövern und kurzen Abständen in der Kolonne gehört wohl zum gefährlichsten, das wir in diesem Urlaub gemacht haben. Die Großstadt, der Lärm und das Gedränge sind für uns nach zwei Wochen in der Einsamkeit ohne Autos kaum auszuhalten. Marrakesch ist als Reiseziel wenig interessant. Es gibt kaum etwas zu besichtigen. Die Medina (der Markt in der Altstadt) bietet nur für maximal einen Tag Programm. Beim Spazieren durch den Markt gibt es im Grunde wenig Abwechslung. Die Angebote und die Stände scheinen sich zu wiederholen. Leider fängt sich Stefan am letzten Tag eine Lebensmittelvergiftung ein. Damit muss man in einem Land mit niedrigen Hygienestandards wohl rechnen. Mit Müh und Not schafft er es in den Flieger zurück nach Österreich. Mario, Martin und Andi erkunden nach all der Kälte die Annehmlichkeiten eines Hamams (orientalisches Dampfbad) und lassen sich vom Bademeister ordentlich abschrubben. 

Allgemeine Informationen:


Zeit: 

17. -27. 04. 2019


Charakter: 

Extrem steiler, kompakter, scharfer Fels; angegebene Schwierigkeitsgrade sind anhaltend; lange Seillängen mit bis zu 60 m Länge. Sobald die Schwierigkeit abnimmt, vergrößern sich die Abstände der Bolts. 6a-Seillängen und -Stellen hatten Bolt-Abstände von bis zu 6 m. Die Schwierigkeitsgrade die obligatorisch angegeben sind, müssen beherrscht werden. 

Touren:

Andi und Stefan:

Reve d’Aicha, 6a+ (VII-), 255 m, 6 SL (3 SL im VII. Grad)
Classe Montagne Epinal, 6c+ (VII+/VIII-), 200 m, 8 SL (5 SL  im VII. Grad)
Canyon Apache 6c (VII+), 280 m, 10 SL, (7 SL im VII. Grad)
Au nom de la reforme 6c (VII+), 300 m, 8 SL, (3 SL im VII. Grad)
Haben oder Sein, 6b+ (VII/VII+), 250 m, 8 SL, (5 SL im VII. Grad)
Baraka, 7b (6b obl., IX-), 680 m, 16 SL, (9 SL im VII. Grad)

Gesamt: 1.965 m, 53 SL, davon 32 VII oder darüber

 

Martin und Mario

L’Ablumeur de Réves Berberés, 6b+ (6a+), 320m, 9 SL, (6 SL im VII. Grad) 
A Boire ou Je Tue le Chien, 6c (6a+), 250m, 8 SL, (4 SL im VII. Grad) 
Haben oder Sein, 6b+ (VII/VII+), 250 m, 8 SL, (5 SL im VII. Grad) 
Reve d’Aicha + Ausstieg Belle et Berbére, 6b+ (VII-), 315 m, 8 SL, (5 SL im VII. Grad) 
Trompetenkäfer, 7a+ (6b), 320m, 11 SL, (9 SL im VII. oder VIII. Grad) 
Baraka, 7b (6b obl., IX-), 680 m, 16 SL, (9 SL im VII. Grad) 

Gesamt: 2.135 m, 60 SL, davon 38 VII oder darüber