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Achttausendererfolg am Cho Oyu im Alleingang (Achttausendererfolg am Cho Oyu im Alleingang)


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Achttausendererfolg am Cho Oyu im Alleingang

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Der Cho Oyu (8201 m) im ersten Morgenlicht

Der Lienzer Andi Kehrer (36), leidenschaftlicher Bergsteiger, Kletterer und Volksschullehrer in Matrei, bezwang am 29. 09. 09 den 6. höchsten Berg der Erde. Hier sein Expeditionsbericht. Für weitere Fotos besuchen Sie seine Homepage www.andikehrer.com

Ich benötige drei Wochen für die Verwirklichung meines Traums (ab Chinese Base Camp 4900 m):

Der 6 666 m hohe Eisriese Jobo Rabzang, der die Kulisse hier im Basislager beherrscht, wird in späterer Folge noch zum Zwerg

Nach drei Akklimatisationstagen geht es über das Middlecamp (5300 m) auf der Seitenmoräne des riesigen Gyabrag- Gletschers zum vorgeschobenen Basislager auf 5700 m. Die Yaks tragen das Gepäck. Vor mir liegt der höchste ständig begangene Passübergang der Welt, der Nangpa La, der das nepalesische Khumbu- Gebiet mit Tibet verbindet. Zahllose kleine Gebetsfahnen vertrauen ihre Mantras dem Wind an. Der Wind betet in Tibet. Doch da! Beim Anblick des Cho Oyu werden in mir jene Stimmungen der Sehnsucht und Motivation geweckt, die nur ein Bergsteigerherz kennt und es höher schlagen lässt. Da ragt er nun empor, der Gipfel liegt 2500 m über dem ABC. Seine Grate bilden Leitern zum ersehnten Himmel. Die in der Gipfelzone wehenden Schneefahnen stimmen mich nachdenklich und lassen etwas von den bevorstehenden Strapazen erahnen.


Ich werde mich an die Route der Erstbesteiger an der Nordwestflanke halten. Er ist, abgesehen von der Höhe, bei günstigen Verhältnissen technisch verhältnismäßig leicht, relativ sicher. Die Aufstiegsroute verläuft vorerst eisfrei über den so genannten Killerhang, einem steilen Schuttmoränenhang, bis Lager 1 auf 6400 m. Auf ca. 6700 m folgt die anspruchsvolle Schlüsselstelle an der ca. 30 m hohen, bis zu 80 Grad steilen Eismauer, die durch Fixseile (Yümartechnik) entschärft wird. Es folgt ein stark zerklüfteter Eisbruch mit Steilaufschwüngen bis Lager 2 auf 7150 m. Über eine weitere steile Flanke und einen Grat gelangt man zum Lager 3 auf 7550 m. Weiter führt der Aufstieg bis zum Gelben Band, einem steilen Felsriegel, der sich auf ca. 7600 m quer durch die Nordwestflanke zieht. In der Mitte gibt es eine Unterbrechungsstelle und ermöglicht einen Durchstieg. Die Passage weist in dieser Höhe immerhin den Schwierigkeitsgrad III auf. Auch sie wird durch ein Fixseil entschärft, ein wichtiger Sicherheitsfaktor vor allem im Abstieg. Die steile Gipfelflanke führt an den felsigen, im Nachmonsun eingeschneiten Gipfelsockel heran, es geht über kurze Firnstufen auf das riesige Gipfelplateau, das langsam ansteigend bis zum höchsten Punkt führt.

Es sind ganz unterschiedliche Leute mit mir im Permit. Da ich alleine anreise, kenne ich zu Beginn niemanden. Zwei Deutsche gehen so wie ich ohne zusätzlichen Sauerstoff und ohne die Hilfe von Sherpas, andere wieder nehmen das eine und/ oder das andere in Anspruch. Alle haben aber bereits viel mehr Erfahrung auf hohen Bergen als ich. Ich schließe mich mit den Deutschen zusammen. Doch bereits der erste Aufstieg ins Lager 1 zerschlägt unsere kleine Gruppe, weil ich Kopfschmerzen habe und daher lieber ins ABC absteige, um mich nicht vorschnell zu verheizen. Ab nun bin ich wirklich auf mich allein gestellt. Wegen der großen Traglast muss ich strategisch geschickt vorgehen und lege, unterhalb der Eismauer auf 6700m, ein Depot im Schnee an. Die erste Nacht im Lager 1 verläuft recht gut. Nach erneutem Abstieg ins ABC und darauffolgendem Aufstieg liegt die Schlafhöhe zum ersten Mal jenseits der 7000- Meter Marke (Lager 2, 7150 m). Weil ich mich so wohl fühle, steige ich bereits bis Lager 3 (7550 m) hoch. Dort spüre ich aber schon am eigenen Leib, was es heißt, in die Todeszone vorzudringen.

 

Nachher steige ich wieder nach dem Jojo- Prinzip ab, um meinen Körper besser an die Höhe zu gewöhnen. Ich steige ganz hinunter ins ABC, lege 2 Ruhetage ein und will dann angreifen. Die Einsamkeit der kargen Landschaft, das Heulen und Rütteln des Windes, wenn ich im Zelt liege, eine Welt abseits jeder Hektik und Menschenmassen, dieses Gefühl in der extremen Höhe kann man nicht beschreiben, es eröffnet eine neue Dimension des Lebens, wenn auch nur für kurze Zeit, dafür jedoch besonders intensiv. Lager 1, Lager 2, Lager 3, nun ist das Tor zum Gipfel schon weit aufgestoßen. Lager 3, Leben im Eisschrank, im Zeltinneren hat es -25 Grad Celsius! Hoffentlich hält das Wetter! Ich verlasse mein Zelt um Mitternacht. Meine größten Gegner beim Gipfelangriff sind die bittere Kälte und der schneidende Wind. Doch ich fühle mich recht stark. Ich werde von einer ganzen Menge Sauerstoffträgern überholt, ohne kann ich hier niemanden entdecken. Schon bald finde ich mich vollkommen allein wieder, nicht einmal der Schein einer Stirnlampe ist zu sehen, weder vor, noch hinter mir. Nun bin ich mit mir und meinen Gedanken völlig allein. Niemand kann mir helfen, wenn jetzt irgendetwas sein sollte. Ich muss versuchen, mein Denken auszuschalten und in einer Art meditativen Trance weiterzukommen. Ich bin an der Schlüsselstelle, dem Gelben Band, angekommen. Die Zacken der Steigeisen richtig platziert, die Haue des Pickels tief im Eis vergraben, manövriere ich mich nach oben. Verflixt, das Gelände bleibt konstant steil! Um mich herum ist noch immer alles tiefschwarz. Was? 5 Uhr früh? Und mein Höhenmesser zeigt nach wie vor erst 7850 m an? Je höher ich komme, desto tiefer sinken die Temperaturen. Ich steige über endlos scheinende, steile Flanken in Richtung Achttausendermarke. Die umgebenden Sechs- und Siebentausender liegen mir bereits zu Füßen. Meine Schritte werden schwerer, ich keuche anstatt zu atmen. Ich bekomme das Bewusstsein, an die Grenzen unserer Welt gelangt zu sein. Der Sauerstoffmangel lässt die Gehirnzellen anders arbeiten. Es ist schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Umwelt und Ich scheinen miteinander zu verschmelzen. Am Firmament lässt sich der nahende Tag erahnen. Das ständige mulmige Gefühl beim Klettern im Dunkeln weicht in Sekundenschnelle. Die ersten Sauerstoffträger, die den Gipfel erreichen konnten, steigen bereits ab und wünschen mir Alles Gute! Warum, wenn ich doch gleich oben bin? 8077 Meter, ich stehe am Plateau! Endlich ist die Sonne da! Ein Australier liegt völlig fertig am Boden, neben ihm steht sein Sherpa, sie befinden sich im Abstieg: Noch eineinhalb Stunden!, sagen sie mir. Ich muss die Zähne zusammenbeißen und gehe nur mehr mit meinem Kopf. Langsam weicht die Müdigkeit und Schwerfälligkeit einer bisher noch nie in diesem Ausmaß gekannten Euphorie!

 

Dann, eine Gestalt am Horizont! Jemand steht am Gipfel und winkt mir zu, es sind nur mehr ein paar Hundert Meter! Ich habe die Zeit vergessen und weiß nicht, wie lang dieses glückhafte, wenn auch keuchende und immer wieder von Atempausen durchbrochene Gehen gedauert hat. Dann der höchste Punkt: 8201 Meter, der Sitz der Göttin des Türkis! Ich bin nicht völlig allein am Gipfel, zwei Italiener sind etwa eine Stunde vor bzw. eine Viertel Stunde hinter mir am Gipfel.

Das Erlebnis solcher Gipfelminuten ist schwer beschreibbar. Ich sehe eine der großartigsten Hochgebirgslandschaften unserer Erde. Everest, Lhotse, Nuptse, leider geben ein paar Wolken den Blick auf Makalu und Sisha Pangma nicht frei.

In der Stunde des Gipfelsieges erfahre ich das große Glück der Wunschlosigkeit, der Stille, des Einklangs mit mir selbst und der Umwelt. Doch nicht allzu lange gebe ich mich diesen trügerischen Illusionen hin. Ich weiß, dass mir noch ein langer und harter Abstieg bevorsteht. Wirklich oben bist du erst unten. Ich weiß auch, dass dieses unendliche Glücksgefühl nur Schein ist und die Wünsche, die Unruhe und die Rastlosigkeit zurückkehren werden, wie Wolken, die sich vor die Sonne schieben.


Denn wirklich oben ist man nie!

Andi Kehrer