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Kletterwochenende in Rovinj

Kroatien

Herrliches Meer, tolle Kletterei. Was will man mehr, Kletterwochenende in Rovinj

Ein leichter Schlag trifft meinen Kopf und reißt mich unsanft aus meinen Träumen. Verschlafen drehe ich mich zur Seite und betrachte den Rucksack, der sich aus der Gepäckmauer neben mir gelöst hat, mit der ich mir den Kofferraum unseres Ford Galaxy teile. Ich drücke die – zugegebenermaßen meisterhaft eingestapelte – Konstruktion so gut es geht nach links, nur um in der nächsten Kurve der sich windenden Passstraße erneut Bekanntschaft mit dem grauen Rucksack zu machen. Zu meiner großen Freude halten wir zehn Minuten später an: Kaffeepause. Nach einer kurzen Rast geht’s weiter, diesmal aber auf der Rückbank und nicht mehr im Kofferraum eingepfercht.

Nach einigen weitaus komfortableren Stunden erreichen wir dann den mehr oder weniger idyllischen Campingplatz. Wir beginnen mit dem Bau unserer recht stattlichen Zeltstadt, bei knapp 40 Leuten  kommt schon was zusammen, spannen Hängematten und machen uns auf die Suche nach den Waschräumen. Einziges Manko an unserem neuen Schlafplatz ist die angrenzende Straße. Lediglich ein kläglicher Grasstreifen und ein dünner Zaun trennen uns vom dauerhaften Straßenlärm und den Abgas-Fontänen vorbeifahrender Traktoren. Gut, dass wir die nächsten Tage viel unterwegs sein werden…

Ganz nach diesem Motto geht es dann auch gleich los. Nachdem wir die gesamten Geldbestände der örtlichen Wechselstube leer gewechselt haben, arbeiten wir den nächsten Punkt auf der Liste ab: Einkaufen. Als der ganze organisatorische Kram erledigt ist, können wir endlich mit dem eigentlichen Zweck dieser Reise beginnen: Klettern. Dachfenster auf, Musik auf volle Lautstärke, auf geht’s zum Crag. Kaum angekommen nehmen wir invasionsartig den Spot in Beschlag. Die Sonne scheint, der Fels ist klasse und zehn Meter hinter uns das Meer. Wenn das mal keine Entschädigung für die lange Fahrt ist! Wir sind top motiviert und klettern an den 20 Meter hohen, sich aus der Steilküste erhebenden Kalkwänden bis wir uns zufrieden und erschöpft in die salzigen Fluten stürzen. Erfrischt machen wir uns auf den Weg zu unseren Autos, und daran, mit dem zweiten großen Programmpunkt fortzufahren, dem Essen. Wie hatte sich Daniel die kommenden Tage nach der Ankunft in Rovinj ausgemalt? „Ab jetzt tun wir nur noch Klettern und Essen!“ Rückblickend betrachtet, eine völlig korrekte Aussage. Nachdem wir tatsächlich alle in einem Restaurant Platz gefunden und uns die Bäuche vollgeschlagen haben, kehren wir müde aber glücklich zu unserer Zeltstadt zurück. Bald haben sich alle in ihren Schlafsäcken verkrochen und es kehrt Ruhe ein – das heißt auf dem Campingplatz. Die angrenzende Straße wiegt uns mit andauerndem Motorenlärm in den Schlaf.

Der um acht Uhr vorbeifahrende Traktor weckt mich zuverlässig wie ein Wecker. Der Geruch von Kaffee und gebratenem Speck weht zu meiner Hängematte und bewegt mich schließlich dazu aufzustehen. Nach einem schnellen Frühstück geht es wieder zum selben Spot wie gestern, diesmal aber glücklicherweise mit Schatten. Wir klettern, bis uns die brennende Mittagssonne aus der Wand treibt und verbringen noch einige Stunden am Meer. Die verbleibende Zeit am Nachmittag nutzen wir, um Rovinj zu erkunden und abends mit Jumbo-Pizzen vorbildlich den Programmpunkt „Essen“ abzuhaken.

Während der ersten zwei Klettertage haben wir die Wände direkt bei Rovinj so ziemlich abgegrast, vom vierten Franzosengrad bis zum siebten ist hier für jeden etwas zu finden gewesen. Für heute ist also ein neues Gebiet angesagt – und zwar eins der besonderen Sorte. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichen wir einen aufgegebenen Steinbruch, in dem man von bis zu 50 Meter hohen, senkrechten Marmorwänden umgeben überhängende und großgriffige Routen im sechsten und siebten Grad genießen kann. Ganztägig Schatten gibt’s noch obendrauf, ein Segen, denn das Klettern bei gefühlten 35 Grad in der Sonne ist dann doch eher eine Chalk-Schlacht als ein Genuss. Vor Allem heute merkt man, dass unsere doch recht große Gruppe über die kurze Zeit zusammengewachsen ist. Egal ob Grazer, Innsbrucker, Stubaier oder Klagenfurter, wer hier klettert, dem mangelts nicht an Anfeuerungsrufen und moralischer Unterstützung. 

Dieses besondere Klettererlebnis soll aber nicht das einzige Highlight des heutigen Tages bleiben und so bilden wir wieder eine Autokarawane und machen uns auf zum Meer. Nach einem kurzen Marsch entlang der Steilküste erhebt sich vor uns eine zehn Meter hohe Höhle aus dem Wasser, der perfekte Ort fürs Klippenspringen und für Deep Water Solos. Todesmutig wagt einer nach dem anderen den Sprung in das kühle Nass oder belohnt sich wie ich nach dem Absolvieren des Zwei-Meter-Klippchen-Springens mit einer ausgiebigen Jause. Wir erkunden die Höhle, tanken Sonne und genießen die Schönheit dieses Ortes. Gegen Abend treiben uns unsere knurrenden Mägen zurück in die Stadt, diesmal fällt die Wahl des Restaurants jedoch unglücklich aus: die winzigen Portionen reichen nicht, um den Hunger zu stillen und so kommt es danach noch zu einem Großeinkauf in einem der örtlichen Süßwarengeschäfte. Der tägliche Kalorienbedarf ist gedeckt, die Zuckerspeicher für die nächsten Wochen gefüllt. 

Am letzten Tag heißt es dann früh aufstehen. Ein kurzes Frühstück und dann beginnen wir mit dem Einpacken. Überraschend schnell verschwindet unsere Zeltstadt in Packsäcken und Reisetaschen, nach einer Stunde zeugt nichts mehr von unserer Anwesenheit, außer den Gepäckbergen neben unseren Autos. Beim anschließenden Einladen kommt es zu architektonischen Höchstleistungen – Moment! Muss das Kletterzeug nicht ganz nach oben? Schließlich ist dann doch alles geschafft und es geht los. Musik an, Dachfenster auf, ein letztes Mal Klettern. Die Sonne brennt heute wahrlich vom Himmel und die Luft scheint in dem Tal zu stehen, an dessen Seitenwänden wunderbarer Kalk emporragt. Doch wir bleiben tapfer und wagen uns dann doch für die ein oder andere Route aus dem Schatten der Sträucher am Fuße der Wand. Trotzdem, nach zwei Stunden Klettern fällt uns der Abschied dann doch nicht all zu schwer und wir treten den Rückweg an. Wir verabschieden uns voneinander, die Autokarawane fährt los. Auf dem Weg halten wir ein letztes Mal zum Baden an. Aus der Richtung, aus der wir gekommen sind, ziehen uns dunkle Wolken entgegen, in Rovinj regnet es wohl schon. Perfektes Timing. Ich quetsche mich wider in den Kofferraum unseres Autos und wir fahren los, dem Regen davon, der Sonne entgegen. Wir rollen vom Parkplatz auf die Straße, nach einer Weile biegen wie in einen Kreisverkehr ein. Das Auto legt sich in die Kurve und der graue Rucksack landet auf meinem Schoß.

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