Selbstversorger - am Beispiel Lizumerhütte
Forumseintrag http://www.muenchenvenedig.de/
Uwe am 05 Juli, 2007, 11:25:47:
Von der Antwort des OeAV Hall inspiriert (toll, dass ihr hier mitmacht und wertvolle Tipps gebt!), habe ich mal wieder den Link zur Lizumerhütte angeklickt (www.lizumerhuette.at) , mich an den schönen Bildern erfreut, in Erinnerungen geschwelgt - und bin direkt wieder über die Seite „Liebe Selbstversorger - Bitte zum Nachdenken!“ gestolpert, die ich vor einigen Monaten hier schon mal kritisiert habe.
Aus aktuellem Anlass - neu sanierte Hütte, alte Botschaft - will ich nochmals ein paar Sätze zum Thema „Selbstversorger“ loswerden und zur Diskussion stellen. Auf Hütten der Kategorie I und II besteht laut Satzung des DAV und des OeAV ausdrücklich die Möglichkeit, dass Mitglieder mitgebrachtes Essen verzehren. (Nur für die Kategorie III - mechanisch erreichbar, vorwiegend Tagesausflügler, wenige Nächtigungen - ist dies nicht vorgesehen)
Aus der Hüttenordnung: „Jeder Besucher ist berechtigt, ohne in der Aufnahme und Behandlung zurückgesetzt zu werden, seine eigenen Vorräte zu verzehren, ausgenommen alkoholische Getränke.. Die Selbstversorgung steht nur Mitgliedern zu Verfügung.“
In der Praxis scheint dies aber anrüchig zu sein, und die Website der Lizumer Hütte stellt Selbstversorger so dar, als würden sie den Hüttenbetrieb ruinieren.
Zitat Website Lizumerhütte: „Niemand braucht hier zu verhungern oder wird "ausgebeutet". Die Hüttenpreise für Nächtigung, Halbpension etc. sind sehr günstig. Ein Bergsteigeressen für AV-Mitglieder kostet 6.90 €, - das ist billiger als teure Selbstverpflegung vom Supermarkt aus fernen Gegenden heraufzuschleppen - und auch fairer gegenüber den Wirtsfamilien, die ausschließlich von den Einnahmen des Hüttenbetriebs, von Ihrer Einkehr und Ihrem Aufenthalt ganzjährig leben und alle Ausgaben für den Betrieb bestreiten müssen.“
So etwas nenne ich Doppelmoral. Meine Meinung: Entweder die Alpenvereine ändern ihre Satzung und verbieten ein für allemal das Selbstversorgen, dann ist die leidige Diskussion beendet. Oder ihr - die Wirte und wer auch immer sich angesprochen fühlt - akzeptiert ohne Wenn und Aber, dass manche Alpenvereins-Wanderer die Option in Anspruch nehmen, ohne dabei als Schnorrer diskreditiert zu werden, denen man ein schlechtes Gewissen einredet.
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass ich das hauseigene Essen auf der Lizumerhütte durchaus genossen habe.
Viele Grüße Uwe
Antwort, abgeschickt von av-hall@glungezer.at am 05 Juli, 2007 um 17:58:25
als Antwort auf: Selbstversorger (am Beispiel Lizumer Hütte) von Uwe am 05 Juli, 2007,
Liebe Selbstversorger!
Ein Beispiel: Letzte Woche waren 40 DAV-Mitglieder auf unserer Glungezerhütte. Fast alle haben ihre Wasserflaschen gefüllt, fast alle haben die Toilette benützt, drei Personen haben je einen Tee bestellt, alle anderen nichts! Sie haben nur die Terrasse benützt bzw. sich in der warmen Stube gewärmt.
Allein die Kosten für Trinkwasser und Klospülungen betragen 82 Euro, die der Wirt aus eigener Tasche bezahlen muss: für Strom zum Wasserpumpen, für das Wasser an den Grundeigentümer, und die Gemeinde und für Abgaben, Wartung, Instandhaltung der aufwändigen Wasser- und Kanalleitung ins Tal. Hätten die Leute nur irgendetwas konsumiert, wären diese Ausgaben zwar noch nicht gedeckt, aber leichter zu verkraften.
Die ganze Wahrheit ist, dass sowohl der DAV wie der OeAV in seiner Hüttenordnung festgelegt hat, dass die Hütten nach wirtschaftlichen Grundsätzen zu führen sind. Das ist mit Selbstversorgern, wenn ihre Anzahl über eine sicher tolerierbare Minderheit hinausgeht, nicht möglich.
Daher werden DAV, OeAV und AVS auf ihren Hauptversammlungen im Herbst aller Voraussicht nach beschließen, sinngemäß, wer auf den Schutzhütten (auch Kat I) nichts konsumiert, zahlt einen Infrastrukturbeirag von ca. 2.50 Euro.
Daher unsere höfliche Bitte (das ist nichts anrüchiges) an die Selbstversorger, darüber nachzudenken, was die "Selbstversorgerei" für den Pächter bedeutet, der das ganze Jahr von den Hütteneinnahmen leben muss, und für die Hütten erhaltende Sektion, die ihre Investitionen nur von den Nächtigungseinnahmen finanzieren kann. Ich weiß aus eigenen Trekkingerfahrungen, dass die vielfach das Selbstversorgen nicht billiger kommt, als ein Bergsteigeressen (wir bieten ein ausreichendes und gutes Essen an). Überdies ist es eine Wertschätzung der Hüttenwirtsfamilie gegenüber, auch einmal die lokale heimische Küche zu verkosten und nicht den fastfood aus fernem Supermarkt.
Wenn sich jemand lieber selbst verpflegt, ok., dann sollte er aber für die Benützung der Infrastruktur einen entsprechenden Beitrag leisten. Das ist bisher in der Praxis nicht der Fall, vielmehr besetzen leider gerade oft die Selbstversorger die wärmsten und feinsten Plätze, das ist keine Übertreibung, ich kenne viele Hütten und unsere ganz genau.
In diesem Sinne hoffe ich auf eine faire Lösung durch OeAV und DAV (in Südtirol und Italien ist die Praxis schon längst eine andere). Wenn sich jemand die Hütte nicht leisten kann (Nächtigung und Bergsteigeressen), haben wir noch immer eine individuelle Lösung gefunden und praktiziert. Es soll also niemandem das Bergsteigen unmöglich gemacht sein. Aber man sollte auch eine Hütte nicht gedankenlos "ausnützen".
In der Überzeugung, dass doch manche/r diese Argumente nachvollziehen kann, mit herzlichem Bergsteigergruß
OeAV Sektion Hall
in der Erwartung vieler treuer und neuer Gäste
Gerald Aichner, OeAV Vorsitzender TIROL