Oesterreichischer Alpenverein
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Grosskirchheim-Heiligenblut

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Das Ortlermassiv in der sommerlichen Nachmittagssonne

Tourenbesprechung auf der Payerhütte:

Jakob, Reinhard, Martina, Ernst und Heinrich

Über den Wolken -

Aufbruch zum Gipfel im Morgengrauen

Endlich - der Ortler in greifbarer Nähe

Alle Strapazen sind vergessen: Die Lungauer und Mölltaler am Gipfel des Ortler

Die Julius-Payer-Hütte, eine wahre Pionierleistung des 19. Jahrhunderts, vor dem Hintergrund des Suldentals

Einmal Ortler und zurück

Es beginnt, wie alle großen Bergtouren, mit stundenlangem Autofahren. 8 bzw. 9 Stunden sind es, bis man erstmals zum Mont Blanc bzw. Matterhorn demütig hinaufblicken kann; beim Ortler kommt man mit einem blauen Auge (4 Stunden) davon, und selbst die sind landschaftlich reizvoll, weil der Großteil über Bundesstraßen führt. Vom Möll- ins Pustertal und das Eisacktal hinunter bis Bozen. Jetzt hinauf nach Meran und den Vinschgau mit seinen schier endlosen Apfelplantagen hinaus, ehe man südwärts abbiegt, um bald in zahlreichen Windungen hinauf ins Suldental zu kommen.

Sulden: Ein geräumiger Talkessel auf 1800 m Seehöhe – fast auf der Alm – mit überraschend üppiger Gastronomie erwartet uns (die Spaghettiportionen in der Weinstube sind rekordverdächtig!), und eine stattliche Kirche. Wie viele Bergsteiger haben sie wohl schon besucht und Gottes Segen erbeten, bevor sie ins Reich der Dreitausender aufbrachen? Auch wir tun es.

Jetzt aber Aufbruch. Der uralte Langenstein-Sessellift mutet wie ein Open-Air-Museum an, aber er tut seine Pflicht noch unentwegt. Ab 2350 m heißt es endgültig, auf Schusters Rappen weiter zu kommen. Wir queren zunächst riesige Gletschermoränen, ehe der Weg steil hinauf zur Tabaretta-Hütte führt, wo eine erste Rast angesagt ist.

Auf einem vorbildlich angelegten und von Nationalparkrangern sorgsam betreuten Weg geht es über durchaus unflaches Gelände nordwärts hinauf zur Bärenkopfscharte (2879 m), an deren Rückseite wir direkt auf die Julius-Payer-Hütte zusteuern. Unglaublicher Pioniergeist muss diese Hütte, die in schwindeliger Höhe auf einen Felsen kaum größer als die Hütte selbst aufgesetzt ist, vor 100 Jahren ins Leben gerufen haben.

Dort oben geht es beschaulich zu. Die Hütte wird von einer Familie bewirtschaftet, die den gleichen Namen trägt wie der Berg, dessentwegen ein Gutteil der Besucher hier sind: Ortler.

Ein hartes Leben dort oben. Täglich um 4.30 Uhr Frühstück und dann durchgehend Betrieb bis 10 Uhr abends. Dann gehen die Lichter aus und Nachtruhe ist angesagt. Es gibt kein Überziehen. Unser 6-Bett-Zimmer ist einfach, aber sauber. Die 3 Stockbetten bieten wenig Platz und noch weniger Komfort, aber das erwarten wir auf 3029 m auch nicht. Nur das Schlagen der Fenster vom starken Wind die ganze Nacht hindurch hätten wir als ganz normale Gäste im Tal bemängelt. Was erduldet man nicht alles für frische Luft über Nacht?

Wir (das sind Reinhard Obermayer, Martina Rauter und Jakob Gfrerer aus dem  schönen Lungau (St. Michael) sowie die Mölltaler Delegation bestehend aus unserem Bergguru Ernst Rieger und Heinrich Fleißner) sind gut drauf – wenn man von Reinhards Magenverstimmung einmal absieht.

Noch bevor der Tag anbricht, geht der Wecker ab – Wie bringt man den bloß zum Schweigen, wenn sein Besitzer gerade gemütlich am Klo sitzt? Ein erster „Anschiss“ vom Bergführer nebenan; das fängt ja gut an!

Aufbruch unserer Truppe im Morgengrauen. Über einen schmalen Weg geht es hinüber zum eigentlichen Klettergelände. Geschlagene 2 Stunden hanteln wir uns von Fels zu Fels (viel auf, manchmal ab) oder queren brüchige Grate und Rücken. Ein Meister, der diesen Weg ersonnen hat, der immer mit dem übernächsten Tritt aufzuhören scheint, dann aber doch irgendwie wieder weitergeht. Nicht selten suche ich nach abgegriffenen Felsen als Wegweiser, denn hier halten sich alle an den gleichen Stellen fest. Auf dem Weg zum Ortler  findet man kaum Steighilfen; lediglich das Gebiet des Tschirfecks, einer ausgesetzten Felswand, ist kettengesichert. Ansonsten heißt die Devise: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Den nicht Orstkundigen leitet immerhin eine sporadische alte, blasse Markierung, die wohl mit Absicht nicht erneuert wird …

Der Fels weicht dem Schnee - Zeit für die Steigeisen. Wir queren noch 2 Geröllhalden, aber dann wird der Blick frei für die bedrohlichen Überriesen hoch über uns. Wieder einmal wird man sich gewahr, wie winzig und unbedeutend man doch sind. Klein aber fein – die tröstliche Antwort, denn wir Menschlein können uns mitteilen, können Vergangenheit abrufen, Zukunft erahnen und und und.

Es wird steil und steiler, aber die Sicherheit, die Ernst über uns ausstrahlt, wirkt. Endlich, das Plateau des Lombardi-Biwak ist erreicht und der Blick hinauf (oder schon „hinüber“?) wird immer unwiderstehlicher. Es folgt ein flacher Gletscher mit Steilaufschwung. Hier wird der Wind erstmals zum Problem. Plötzliche heftige Böen scheinen uns fast umzuwerfen, aber das Schlimmste sind die Eiskörner, die der Wind immer unbarmherziger gegen uns schleudert. Kopf und Körper schützen wir, so gut es geht, aber die Beine sind trotz Berghose(n) scheinbar schutzlos ausgeliefert. Bald sind sie übersät mit roten Flecken, aber uns beschäftigt im Moment viel mehr die bevorstehende, wenig einladende Spaltenquerung. Das ging noch einmal gut, aber wie geht es Reinhard? Er muss die letzten Kräfte mobilisieren und tut es auch. Sein Rucksack zu schwer; Ernst vergräbt ihn im Schnee. Tatsächlich reißen die Windstöße den einen oder anderen von uns kurz zu Boden. Die 2 Mannschaften hinter uns haben mittlerweile aufgegeben und umgedreht. Ob die zurückkommenden Gruppen alle oben gewesen sind oder sich auf dem oberen Ortlerplateau dem bedrohlichen Wind geschlagen gegeben haben? Wir wissen es nicht, aber wir wissen, dass WIR weiter wollen. Und siehe da: Gegen den Gipfel hin lässt der Wind unerwartet nach. Bald stehen wir, allein (!!), auf dem Ortler – Wofür so ein Wind nur gut ist! – und sind die glücklichsten Menschen der Welt. Was für ein Ausblick auf die Welt hinunter, was für ein unbeschreibliches Gefühl des Gipfelsieges!

Der Abstieg ist Formsache, auch wenn der Ortler bis zum letzten Felstritt Konzentration fordert. Man ist auf dem Rückweg nur unmerklich schneller als hinauf.

Wer kennt sie nicht, die Suppe hernach (oder das Würstl, der Kaffee oder was auch immer)? Die schmeckt doppelt so gut, denn sie ist gewürzt mit der Erinnerung an die erfolgreiche Tour, an den Gipfel und den Rundblick.

Erst ganz unten im Tal wird uns wieder einmal bewusst, welch ungeheure Verantwortung so ein Bergführer da oben bei Wind und Wetter angesichts des überall drohenden Abgrundes hat. Wir haben es geschafft, doch er wird schon (über)morgen die nächsten Gruppen irgendwo hinauf führen. Hoffentlich auch zu einem Gipfelrausch mit anschließender Suppe ...

 

(Text Heinrich Fleißner)

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